Buchkritik: Nicht gut genug

Posted by Max on Juli 08, 2014
Medien / No Comments

Während die Fußball-Weltmeisterschaft läuft, schaut der Drittplatzierte von 2002 mal wieder nur zu: Auch diesmal blieb der Türkei in Brasilien nur die Betrachterrolle. Und das, obwohl das Land nicht mit einer geringen Anzahl an Talenten gesegnet ist – schließlich kommen für die Türken noch Unmengen an Spielern hinzu, die außerhalb des Landes, etwa in Deutschland, aufgewachsen und fußballerisch ausgebildet wurden. Trotzdem hinkt das Land – bis auf wenige Ausnahmen wie 2002 oder 2008 – sowohl mit ihrer Nationalmannschaft als auch im internationalen Spielbetrieb ihrer Vereine deutlich hinterher. Zuletzt blieb man in einer keinesfalls unlösbaren Qualifikationsgruppe für die WM hinter den Niederlanden, Rumänien und Ungarn auf Platz Vier hängen.

Doch warum kommt der türkische Fußball einfach nicht aus dem Knick? Wieso versinken die Türken immer im Mittelmaß, genügen manchmal nicht mal diesen Ansprüchen? Dieser Frage ging Davut Cöl in seinem Buch Nicht gut genug – Die 24 Schwächen der türkischen Fußballnationalelf nach. Zur Rezension hat mir der Autor ein kostenloses Exemplar zur Verfügung gestellt.

Es ist das Erstlingswerk von Davut Cöl. Normalerweise macht er “was mit Computern”, wie man auf seinem epubli-Autorenprofil nachlesen kann. 1973 geboren in der Türkei, kam er bereits mit vier Jahren nach Deutschland und wohnt heute im Rhein-Main-Gebiet. Von daher kennt er sowohl die türkischen, als auch die deutschen Fußballgepflogenheiten.

In seinem Buch hat Davut Cöl auf insgesamt 111 Seiten 24 Schwächen der türkischen Nationalmannschaft benannt und analysiert. Zudem gibt es zum Abschluss jedes Kapitels einen konkreten Lösungsvorschlag. Die Schwächenanalyse reicht von offensichtlichen Themen wie Rückpässen zum Torwart, übertriebenem Querpasspiel über eine zu defensive Ausrichtung, mangelhafte Qualität bei Standardsituation bis zur mangelnden Kritikfähigkeit von Spielern, Trainer, Medien. Ein besonderer Augenschmaus sind dabei die schönen, liebevollen Illustrationen von Valeriy Sokol-Derksen, die es zu jedem Kapitel gibt.

Das Buch gibt einen guten Überblick über das, was dem türkischen Fußball fehlt und wirkt in seiner Gesamtheit ziemlich allumfassend. Die dabei erwähnten Schwächen umfassen wie zuvor genannt ein sehr breites Spektrum, sowohl taktischer Natur als auch Kritik an der Einstellung des Fußballumfelds in der Türkei. Wer das Buch liest, wird sicher auch eine Menge Schwächen finden, die auf seine eigene Lieblingsmannschaft zutreffen, sei es Vereins- oder Nationalteam. Cöl verdichtet viele Vorurteile, die man als gut informierter (deutscher) Fan bereits über das türkische Team haben dürfte, und bestätigt diese: Etwa ein schlechter Umgang mit Niederlagen, schwache Nachwuchsförderung, das Setzen auf überalterte ausländische Akteure oder die zu große Macht der Medien. Das alles ist beschrieben in einem lockeren, eher angenehm technokratisch-deutsch statt emotional-südländischem Schreibstil, sodass sich das Buch gut wegliest.

Was mir aber an einigen Stellen etwas gefehlt hat, war der “wissenschaftliche Aspekt”, die Fakten. Nun habe ich sicher keine hochkomplizierte Abhandlung erwartet, aber bei taktischen Fehlern wie Rückpässe zum Torwart, Querpässe, fehlende Korrelation von Ballbesitz und Ergebnis usw. würde es helfen, ein bisschen statistisches Material aufzubereiten. Aber auch soft facts wie mangelnde Nachwuchsförderung könnte man mit ein paar Beispielen von auf der Strecke gebliebenen Talenten besser untermauern. So ist Nicht gut genug eine schöne Faktensammlung, die Pflichtlektüre für den nächsten Berichterstatter von einem Länderspiel der Türkei sein sollte, lässt aber nur bedingt einen Blick in die Tiefe zu.

Interessant ist der optimistische Schluss von Cöl: Stellt man in der Türkei all diese Schwächen ab, ist der Weg in die europäische Spitze nicht mehr weit. Da steckt dann wohl doch etwas viel Optimismus dahinter. Vielleicht sollte der Autor aber für die ersten zehn Schritte zu besseren Leistungen den Trainern und Funktionären ein paar Exemplare schicken.

Gerade für den sehr günstigen Preis (E-Book nur 3,49 €) lohnt es sich, die lose im Kopf schwirrenden Urteile über den türkischen Fußball von Davut Cöl ordnen zu lassen und dieses Buch zu lesen.

WM auf Amerikanisch-Isländisch

Posted by Max on Juli 07, 2014
Fussball International, WM 2014 / No Comments

Ganz schlechte Planung sei das gewesen. Gedankenlos gebucht. Sogar mein Ruf als “echter Fan” wurde in Frage gestellt. – Es war schon eine große Verwunderung im Kollegen- und Bekanntenkreis, als diese realisierten, dass mein Sommerurlaub in diesem Jahr mitten in den Zeitraum der Weltmeisterschaft fällt. Noch dazu in die USA und nach Island, wo man ja nun nicht hinfährt, um dort – obwohl zumindest teilweise in der richtigen Zeitzone – jedes Spiel im Public Viewing zu verfolgen. Auch für mich war es eine Neuerung, große Teile einer Weltmeisterschaft zu verpassen. Seit der WM 1998 hatte ich kein großes Turnier verpasst, diese immer in gebotener Ausführlichkeit verfolgt. Nun gingen also weite Teile der Vorrunde sowie die kompletten Achtelfinalspiele an mir vorbei: Abreise am Tag nach dem 4:0-Auftakt der Deutschen Mannschaft gegen Portugal, Rückkehr pünktlich zum Viertelfinalsieg über Frankreich.

Vor dem Turnier hatte ich mir gedanklich die Frage gestellt, welche Teams wohl nach meiner Wiederankunft in Deutschland noch dabei wären. Und welche Mannschaften ich wohl überhaupt nicht spielen sehen würde. Letztendlich fiel ausgerechnet Spanien in die zweite Kategorie, das war schon eine große Überraschung. Auch das Ausscheiden von Italien war so nicht eingeplant, vor dem Turnier zählten sie für mich neben Brasilien zu meinen beiden Favoriten auf den Titel. Dass ich stattdessen noch ein Spiel von Costa Rica zu sehen bekäme, hielt ich Mitte Juni aber eher für ausgeschlossen.

Wie also sah der WM-Konsum während der drei Wochen aus? Im Wesentlichen informiert wurde ich über das Internet. Gesehen habe ich von allen Partien in dieser Zeit nur die erste Halbzeit von Deutschland gegen Ghana in einem Irish Pub in New York, sowie die Schlussviertelstunde USA gegen Portugal, gleichfalls in einem Irish Pub in Providence. Grundsätzlich wäre ein intensives Verfolgen der Weltmeisterschaft zumindest in der ersten Reisewoche auf US-Amerikanischen Boden aber durchaus möglich gewesen: Sowohl in Boston als auch in New York wurde an fast jeder Straßenecke mit Live-Übertragungen aller Spiele geworben. In Island war das Interesse da schon geringer, was sich wohl bloß bei einer WM-Teilnahme des Landes geändert hätte. Doch an Informationen mangelt es in Zeiten von flächendeckendem Wifi auch in der Ferne nicht. Ob Italien- und Spanien-Ausscheiden, Suarez-Biss oder Löws nasse Haare, ja selbst Cathy Fischer dringt bis nach Island vor. Und jetzt pünktlich zu den entscheidenden Spielen wieder zurück.

Was hat man aus der Ferne über das deutsche Team erfahren können? Mit einem schlechten Gefühl war ich am 16. Juni in den Tag gestartet, erleichtert nach dem guten Startauftritt gegen Portugal. Anschließend ging es wohl so weiter wie so oft bei den letzten Turnieren: Dem leichtfüßigen Start folgte ein zähes zweites Spiel, ehe sich das Team mit Anstand aber ohne Glanz doch noch den Gruppensieg sicherte. Anschließend ein zähes Ringen im Achtelfinale gegen einen unangenehmen, aber unterlegenen Gegner. Was mich aus der Ferne am Meisten verwundert hat, war Löws Aussage, er habe “13, 14 Spieler, die wir bringen können”. Das ist natürlich eine massive Abwertung von einem nicht unbeträchtlichem Teil des Kaders. Die Reservetorhüter mal abgezogen, scheinen sich die Herren Durm, Ginter, Großkreutz und Draxler in den Wochen von Brasilien nicht wirklich WM-tauglich zu präsentieren. Alles junge Spieler, deren Nominierung in den letzten zwei Jahren keinesfalls sicher war. Letztendlich bestätigen sie jetzt wohl die Zweifel des Bundestrainers, wobei sich natürlich schon die Frage stellt: Konnte man in Deutschland keine besseren Ergänzungsspieler für den Kader finden? Wie konnte es zu dieser massiven Fehleinschätzung im Nominierungsprozess kommen? Sicher würden die genannten Spieler das deutsche Spiel nicht sprunghaft verbesseren, aber zumindest eine “Entdeckung” aus diesen Reihen wäre denkbar gewesen. So muss es also die bekannte Startformation plus den wenigen Tauschkandidaten richten.

Das Derby von Reykjavik
Ganz ohne Live-Fußball ging es aber auch im Urlaub nicht. Warum kurz vor der Abreise nicht mal ein Spiel in Island anschauen, denn schließlich spielt die Liga Pepsi-Deildin über den Sommer, da es ab September in Island eher dunkel ist. Dafür braucht man den ganzen Sommer kein Flutlicht. Am 10. Spieltag trafen also an einem Mittwochabend bei 9°C und teilweise peitschendem Sprühregen zum Reykjavik-Derby Rekordmeister KR (Knattspyrnufélag Reykjavíkur) und Vikingur aufeinander. Derbys sind in Island eher die Regel als Ausnahme, bis auf wenige Ausnahme kommen alle Vereine aus der Hauptstadt-Region. Teams wie IB Vestmannaeyjar von einer nur per Fähre oder Flugzeug zu erreichenden Insel sind schon exotisch.

KR holte im Jahr 2013 bereits seine 26. Meisterschaft, hinkt aber in der diesjährigen Runde bereits einige Punkte hinter Tabellenführer FH Hafnarfjördur hinterher. Von daher war ein Sieg gegen das punktgleiche Vikingur, bisher überraschend starker Aufsteiger, zwingend notwendig, um den Anschluss zu halten. Vor geschätzt etwas mehr als 1.000 Zuschauern war die Begegnung im ersten Durchgang weitgehend ausgeglichen, erst ab der 25. Minute kam KR besser ins Spiel – zuvor kam auch Vikingur zu Torchancen, die aber durch den guten Torwart Stefán Logi Magnússon vereitelt wurden. Nach dem Seitenwechsel waren die Gastgeber aber die bessere Mannschaft, erzielten in der 53. und 64. Spielminute ihre Treffer zum verdienten 2:0-Erfolg. Das Niveau des Spiels lässt sich natürlich mangels Vergleichsbegegnungen sehr schwer einschätzen. Auf deutsche Verhältnisse gemünzt, hätte es sowohl eine durchschnittliche Zweitligapartie als auch ein Drittligaspiel sein können. Keine der beiden Mannschaften zeigte mehr als zwei sehenswerte Kombinationen bei ihren Offensivbemühungen, die Spielweise war wie auch in Norwegen oder Schweden üblich eher englisch-rustikal geprägt.

Zum Abschluss noch ein paar Impressionen. Eine Tribüne im KR-Völlur gibt es nur auf einer Seite, diese fasst etwas mehr als 1.500 Zuschauer. Mit den restlichen Stehplätzen rund um das Feld erweitert sich die Kapazität laut Wikipedia auf etwa 2.700. Ansonsten versprüht das Stadion schönsten Oberligacharme: Ein kleines Vereinsheim mit vereinseigener Gastronomie, ein Getränke-, ein Essenswagen für die Halbzeitpause. Man kennt sich auf den Tribünen.

Björn Kopplin

Posted by Max on Mai 21, 2014
Bundesliga / No Comments

Fünf Jahre ist es jetzt her, dass Björn Kopplin, geboren im Januar 1989 in Berlin, bei der U20-Weltmeisterschaft in Ägypten über die linke Abwehrseite Antreiber des Spiels der DFB-Auswahl war. Obwohl die Deutsche Mannschaft damals im Viertelfinale knapp in der Verlängerung an Brasilien scheiterte, blieb mir dieses Nachwuchsturnier wie kein vergleichbarer Wettbewerb vorher oder danach in Erinnerung. Insbesondere auch wegen dem blonden Jungen auf der linken Abwehrseite: Björn Kopplin.

Kopplin spielte damals in der Zweiten Mannschaft des FC Bayern. Nach dem Turnier urteilte ich:

Besonders Kopplin könnte in dieser Form schon bald ein ernsthafter Ergänzungsspieler werden, was in absehbarer Zeit auch das Außenverteidigerproblem der Bayern lösen könnte.

Letztendlich kam es anders: Die Lücke, als Philipp Lahm von der linken auf die rechte Abwehrseite verschoben wurde, wurde bei Bayern durch verschiedene Spieler geschlossen. Massimo Oddo, Edson Braafheid, Diego Contento, David Alaba. Nur ein Name taucht in dieser Liste nie auf: Björn Kopplin. Er brachte es nie auf ein Bundesligaspiel für den FC Bayern – mehr noch: Absolvierte noch keine einzige Partie in der höchsten Spielklasse. Wie kam es dazu? Natürlich waren im Nachgang mit einigen Jahren Abstand betrachtet meine Vorschusslorbeeren für Kopplin etwas überzogen, doch dass er ein guter Bundesligaspieler werden könnte, dessen war ich mir schon sicher.

Nach besagter U20-Weltmeisterschaft spielte Björn Kopplin noch ein Jahr im Unterbau des FC Bayern. Da war aber schon nicht mehr sein Mentor Hermann Gerland der Trainer, sondern Mehmet Scholl. 2010 schließlich ging Kopplin – übrigens auf Vermittlung von Gerland – zum VfL Bochum. Dort testete er nicht nur erfolgreich Currywürste, sondern spielte auch zwei anständige Saisons. In seiner ersten Spielzeit mit dem VfL ging es sogar bis in die Aufstiegsrelegation gegen Mönchengladbach. Doch Kopplin handelte sich im Hinspiel seine fünte Gelbe ein, fehlte dann im Rückspiel gesperrt. Bochum blieb (sicher nicht wegen Kopplin) zweitklassig, plänkelte im Jahr darauf im Mittelfeld vor sich hin. Aber Kopplin war Stammspieler, allerdings auf der Position des Rechtsverteidigers.

Björn Kopplin war nun etabliert, immerhin in der Zweiten Bundesliga. Und so klang es schon etwas romantisch, als im Sommer 2012 sein Wechsel zu Union Berlin erfolgte. Die Köpenicker waren bereits in den ersten neun Fußballerjahren Kopplins Heimat, eher er im Alter von 15 nach München wechselte. Der Start in seiner Geburtsstadt war aber sicher nicht optimal: Kopplin verpasste zunächst mit einer Schambeinentzündung, kurz darauf mit einem Nasenbeinbruch das komplette erste Halbjahr. Es folgten zwar noch elf Einsätze in der Rückrunde, doch in der Saison 2013/2014, die eigentlich dann seine hätte werden sollen, kam er nicht an Marc Pfertzel vorbei. Kurioserweise jener Spieler, den er einst in Bochum verdrängte. Sieben Partien stehen in seiner Statistik der abgelaufenen Spielzeit, fünf weitere Spiele in der Zweiten Mannschaft, die in der Regionalliga Nordost kickt. Und die Perspektiven sind nicht besser: Obwohl Marc Pfertzel die Eisernen im Sommer verlässt, hat Union mit dem Österreichischen Nationalspieler Christopher Trimmel bereits einen neuen Konkurrenten verpflichtet.

Die Gründe für den ausgebliebenen endgültigen Durchbruch von Björn Kopplin sind vielschichtig. Da waren zum einen die wohl zu hohen Erwartungen. Vielleicht aber auch seine Versetzung auf die rechte Abwehrseite – denn auf Links wäre die Konkurrenz, egal in welchem Verein, wohl heute nicht so groß. Seine Vorstöße von der linken Flanke waren beim Nachwuchsturnier 2009 eine echte Waffe, in seinen Vereinen trat Kopplin aber nicht als besonders offensiv in Erscheinung. Doch auch eine gewisse Unruhe und Schludrigkeit waren Gründe, weshalb die Karriere nicht den erhofften Verlauf nahm. In einem Beitrag der Berliner Zeitung vom letzten Dezember berichtet sein Jugendtrainer Hermann Gerland: “Er war sehr schnell und laufstark, hatte allerdings wenig Ruhe am Ball”. Dass er sich in der letzten Saison nicht durchsetzen konnte, lag wohl auch an einer mangelnden Einstellung in der Vorbereitung. Kopplin gibt zu: “Ich war vom Fitnesszustand nicht so weit, dass ich jedes Training gut absolvieren konnte”.

Bis 2015 läuft der Vertrag von Kopplin bei seinem Heimatklub noch. Die Perspektiven sind wie beschrieben durch die Verpflichtung eines prominenten Konkurrenten nicht besser geworden. Doch man kann Björn Kopplin nur wünschen, dass er den Kampf wenigstens annimmt und sich an den Rat seines Ex-Trainers Gerland hält: “Er soll ein bisschen Gas geben”.

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Der Bela-Guttmann-Fluch

Posted by Max on Mai 17, 2014
Europa League / No Comments

Mein Kollege, über dessen Kritik an der Bundesliga-Langeweile ich vor einiger Zeit sinnierte, ist aufgrund seiner familiären Wurzeln Fan von Benfica Lissabon. In dieser Woche musste er (wieder einmal) feststellen, dass es wohl noch mindestens 48 Jahre dauern wird, bis er wieder einen Internationalen Titel seiner Mannschaft feiern darf. Anfang 90 wird er dann sein, und vorher wird der Liebe Gott bei ihm nicht das Licht ausknipsen.

Schuld an der Misere ist Béla Guttmann. Ich kannte diesen Namen nicht, bevor ich Anfang des Jahres das sehr empfehlenswerte Buch von Jonathan Wilson zur Taktikgeschichte des Fußballs gelesen hatte. Mit Guttmann gewann Benfica im Jahr 1962 letztmals den Europapokal der Landesmeister, seitdem gab es acht Finalteilnahmen, in allen acht Spielen verlor Benfica das Endspiel. Wilson schreibt dazu in seinem Buch:

Man erzählt sich, Guttmann habe Benfica bei seinem Abschied mit einem Fluch belegt. Demnach sollte der Klub so lange keinen europäischen Titel mehr gewinnen, bis er ihm seine ihm zustehende Prämie bezahlt habe. Natürlich ist das Unsinn. Dennoch hat Benfica seitdem von fünf Endspielen im Europapokal keines mehr gewinnen können.  (Jonathan Wilson: Revolutionen auf dem Rasen, Seite 138)

Mittlerweile sind es schon acht Niederlagen: Im Europapokal der Landesmeister 1963, 1965, 1968, 1988 und 1990. Im UEFA Cup 1983 sowie in der Europa League 2013 und 2014. Ein interessantes Guttmann-Portrait aus dieser Woche nennt eine andere Version: Benfica habe ihm eine Gehaltserhöhung verweigert, deshalb ergriff Guttmann Hals über Kopf die Flucht und verfluchte den Verein auf 100 Jahre im Europapokal. Diese Version ist die bekannteste Auslegung des Bela-Guttmann-Fluchs. Bei früheren Finals flehten sogar schon Stars wie Eusebio am Grab des Ex-Trainers, es half alles nichts. Bela Guttmann, ein großer Name, Visionär und Weltenbummler, Importeur des erfolgreichen 4-2-4-Systems in Brasilien, galt gleichermaßen als unsentimental wie skrupellos, hat kein Einsehen.

Der Fluch ist derzeit so präsent wie lange nicht mehr: Zwei Jahre nacheinander verlor der größte Sportverein der Welt das Finale der Europa League. Vorige Saison gegen Chelsea durch ein Tor in der Nachspielzeit, vergangene Woche gegen den FC Sevilla im Elfmeterschießen. Nun mag man denken, dass sich die Fußballmillionäre von heute nicht um Flüche, Prophezeiungen oder andere Gedankenspiele der Metaebene kümmern.

Nur schwer lässt sich aber ohne das Bemühen höherer Mächte erklären, was am Mittwoch beim Finale in Turin passiert ist: Benfica hatte, beginnend mit der Endphase der ersten Halbzeit, reihenweise hochkarätiger Torchancen, deren Verhinderung durch den FC Sevilla sich nur unzureichend mit Glück beschreiben lässt. Wie die Spanier den Ball im letzten Moment von  der Linie kratzen, wie von Geisterhand plötzlich den Ball abblockten oder die Benfica-Spieler aus bester Position das Tor verfehlten – hatte hier Bela Guttmann seine Finger im Spiel? Anders lässt sich wohl auch kaum erklären, wie kläglich Oscar Cardozo und Rodrigo ihre Elfmeter in der entscheidenden Phase vergaben. Als hätte ihnen beim Anlauf die Stimme von Guttmann im Kopf herum gespukt.

So stand am Ende der Titelgewinn für den FC Sevilla. Es ist bereits der dritte Titel in diesem Wettbewerb für den Verein innerhalb der letzten acht Jahre. Man kann diese vom Kader her eigentlich relativ unspektakuläre Truppe also gut und gerne als Spezialist für den Europapokal beschreiben. Ohne Piotr Trochowski, den indisponierten Marko Marin, der nur 26 Minuten nach seiner Einwechslung wieder ausgetauscht wurde, dafür aber mit einem überragenden Ivan Rakitic. Der Kroate hat sich in den drei Jahren seit seinem Weggang vom FC Schalke 04 zu einem gestandenen Mittelfeldspieler von hoher internationaler Klasse entwickelt. Eine Entwicklung, die damals im Trikot der Königsblauen nicht unbedingt absehbar war. Am Mittwoch überzeugte Rakitic durch eine extrem hohe Präsenz in fast allen Teilen des Spielfeldes, einem guten Gespür für den richtigen Pass und unterstrich auch seine Führungsqualitäten als Mannschaftskapitän. Kein Wunder also, dass er in den Blickpunkt einiger großer Vereine gerückt ist.

Während Sevilla also in seinen drei europäischen Finalteilnahmen immer siegreich vom Platz ging, knabbert Benfica weiter am Bela-Guttmann-Fluch. Noch 48 Jahre – oder ist doch alles nur Aberglaube und großer Zufall?

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Komisches Ende

Posted by Max on Mai 11, 2014
Bundesliga / No Comments

Die Saison 2013/2014 ist abgesehen von den Relegationsausläufern vorbei. Damit hat nun auch eine seltsame Rückrunde ihr Ende gefunden. Seltsam, weil die Entwicklungen in fast allen Tabellenregionen kaum in ein Muster der letzten Jahre passten. Seltsam bedeutet nicht zwingend uninteressant, dennoch hinterlässt diese Rückrunde am Ende ein komische Gefühl, welches ich nicht richtig einordnen – und noch schwerer erklären kann.

Oben gab es die zeitigste Meisterschaft der Bundesliga-Meisterschaft. Bereits am 27. Spieltag, ausgepielt am 25. März, mit einem 3:1 im Berliner Olympiastadion, sicherte sich der FC Bayern die Deutsche Meisterschaft. Eine großartige Leistung der Mannschaft, die im Spannungsfeld zwischen Überschwang, Demut und Enttäuschung über die Chancenlosigkeit anderer Teams gleich global als auf Jahre unschlagbar eingeordnet wurde. Dazu beigetragen haben für mich insbesondere Ergebnisse wie das 1:6 zwischen Wolfsburg und Bayern Anfang März. Mit hohem Aufwand spielte dort der VfL über eine Stunde stark mit, führte sogar, und ging am Ende komplett unter. Angesichts solcher Erfahrungen schienen das scheue Wegkuschen vieler Konkurrenten und Verweigern jeder Offensive in Spielen gegen den Meister eine legitime Einstellung zu sein. Wer hätte gedacht, dass Guardiola den Bayern nach dem Triple letzte Saison noch so einen Qualitätssprung verpassen könnte? Doch so groß der Einfluss des Katalanen auf die frühe Meisterschaft gewesen sein mag, so viele Fehler leistete er sich in den Wochen danach. Das frühzeitige Abschreiben der Meisterschaft führte zu einem riesigen Spannungsabfall, plötzlich relativierten sich viele Bayern-Leistungen als eine besonders starke Phase. Niederlagen gegen Augsburg und Dortmund, letztendlich sogar das Ausscheiden in der Champions League. Was wäre gewesen wenn in den Monaten bis März nur mehr Gegner aufbegehrt hätten gegen die Bayern?

Mit gehöhrigem Respektabstand hatten sich zur Winterpause Leverkusen, Mönchengladbach und Dortmund hinter dem Tabellenführer auf den Rängen zur Champions League einquartiert. Letztendlich erlebten die Leverkusener ihren obligatorischen Rückrundeneinbruch, der schon so vielen Trainern den Arbeitsplatz im Rheinland gekostet hat. Während Mönchengladbach eine Rückrunde im besseren Rahmen seiner Möglichkeiten spielte, fanden die Dortmunder zurück zu alter Stärke und nährten die Hoffnung, doch langfristig wieder ein ernsthafter Konkurrent für die Bayern zu sein. Das 3:0 in München war schon ein Ausrufezeichen, das Pokalfinale steht noch aus und scheint heute offener als gedacht.

Eine wesentliche Erkenntnis, die bei mir in dieser Rückrunde aber intensiv gereift ist: Die Kräfteverhältnisse in der Bundesliga haben sich nachhaltig verschoben. Die Zustände, wie ich sie seit 1998 kannte, gibt es so nicht mehr: Stuttgart, Bremen oder Hamburg spielen nun bereits seit einigen Jahren auf dem absteigenden Ast. Es scheint schwer vorstellbar, dass hier schon zur neuen Spielzeit eine deutliche Besserung einsetzt. Zu tiefgreifend waren die Einschnitte in diesen Klubs, auch aufgrund von Fehlern in der Vergangenheit. Es wird für diese Vereine ein langer Weg zurück zu alten Hohenflügen, kurzfristig dürfte das eher ein Ausreißer werden. Dazu tragen auch die neuen, starken Kräfte im oberen Mittelfeld bei: Mönchengladbach ist mittlerweile ein dauerhafter Anwärter auf Europa, Mainz, Augsburg oder Hoffenheim in der Bundesliga etabliert. Freiburg oder Frankfurt hatten zwar lange Zeit große Probleme, konnten sich aber nach dem Abwerfen der Belastung Europa League letztendlich relativ deutlich im Mittelfeld sichern.

Die aber wohl eigenartigste Erscheinung dieser Rückrunde war der Abstiegskampf. Oder das, was man landläufig so nennt. Denn ein wirklicher Kampf war es nicht wirklich. Während Stuttgart, Freiburg, Frankfurt und Hannover zwar zwischenzeitlich schlechte Phasen hatten, gab es diesmal drei Mannschaften, denen über die ganze Saison die Qualität fehlte, um den Ligaerhalt zu sichern. Das gipfelte dann darin, dass der HSV, Nürnberg und Braunschweig alle fünf Partien am Saisonende verloren.

Quelle: Härringer Spottschau vom 10.05.2014

Während der Braunschweiger Löwe ebenso kurz vor dem Ziel krepierte wie das Nürnberger Schneckenrennen ein jähes Ende fand, gibt es für den HSV noch Hoffnung. Als Fan und Mitglied bei den Hamburgern nimmt man den letzten Strohhalm Relegation natürlich gerne mit – auch wenn der Abstieg, wenn man ehrlich ist, die logische Konsequenz aller Fehlentwicklungen und fragwürdigen Entscheidungen seit der Labbadia-Verpflichtung 2009 gewesen wäre. Es macht schon Angst, wenn man sich trotz fünf Niederlagen am Saisonende keinen Platz verloren hat und sich an ein paar gute Momente in den Spielen gegen Bayern und Mainz klammert. Dieser merkwürdige Abstiegskampf im Frühjahr 2014 gibt wohl den letzten Ausschlag für das komische Gefühl, welches diese Saison – insbesondere die Rückrunde – hinterlässt.