Winterpausen-Statistik: RB Leipzig

Posted by Max on Dezember 28, 2014
Bundesliga, Nordostfussball / No Comments

Es ist Winterpause. Diese spielfreie Saisonphase wird kurz nach den besinnlichen Festtagen nicht nur für wenig besinnliche, wilde Transfergerüchte genutzt, sondern gerne auch, um auf die erste Saisonhälfte zurückzublicken. Genau das möchte ich heute mit RB Leipzig machen, dem viel beachteten Aufsteiger in der Zweiten Bundesliga. In den Vordergrund stellen möchte ich dabei, neben ein paar persönlichen Eindrücken, vor allem statistisches Material, welches ich im Lauf der letzten Monate über die Liga gesammelt habe.

Das erste Halbjahr der Rasenballer war – sportlich gesehen – eines mit vielen Höhen und ein paar Rückschlägen. Zwischen den Heimspielen zum Saisonauftakt (0:0 gegen Aalen) und kurz vor Weihnachten (1:1 gegen 1860 München) konnte man gewisse Ähnlichkeiten erkennen in einer bemühten, aber arg verkrampften Spielanlage. Doch dazwischen lag ein guter Saisonstart und ein abfallender Trend in den Wochen ab November. Als sinnvoller Vergleich für die Entwicklung der Mannschaftsleistungen taugt wohl eher das 3:0 in München im August, dem ersten richtig überzeugenden Auftritt des Teams, und dem zähen 1:1 vor einigen Tagen gegen den selben Gegner im eigenen Stadion. Nachfolgende Grafik verdeutlich den Leistungsabfall in den letzten Wochen.

141228_fieberkurve_positionenDem erfolgreichen Saisonstart mit elf Punkten aus fünf Spielen ohne Niederlage folgte Ende September die erste Pleite – “ausgerechnet” bei Union Berlin. Jenem Verein, der es sich offenbar besonders auf die Fahne geschrieben hat, gegen RB anzukämpfen. Spätestens ab dem achten Spieltag ist jedoch ein tabellarischer Abwärtstrend zu erkennen. Ab da gab es mit drei Spielen ohne Dreier die bisher längste Sieglos-Serie, wobei es im gleichen Zeitraum nur eine Niederlage gab bei zwei Unentschieden. Von einem wirklichen Negativ-Trend zu reden, ist zumindest mit Blick auf diese Werte eher wie das Suchen mit der Nadel im Heuhaufen. Für einen Aufsteiger (auch wenn RB sicher kein “normaler Aufsteiger” ist) lesen sich 29 Punkte nach 19 Spielen sehr positiv, zumal der Abstand auf den direkten Aufstiegsplatz nur vier Punkte beträgt. Das RB aber ab Mitte der Hinrunde zumindest den Kontakt zum souveränen Tabellenführer Ingolstadt verloren hat, zeigt die nächste Grafik – die Punkteschere zwischen den Oberbayern und RB Leipzig ging zuletzt immer weiter auseinander.

141228_fieberkurve_punkte

Dass die Leistungen der letzten Wochen trotz nach wie vor guter Tabellenposition nicht mehr an die Spiele im Sommer und Frühherbst herankamen, ist offensichtlich. Im folgenden habe zunächst einige Fakten über die eher geringe Trefferanzahl der Mannschaft zusammengetragen.

  • In den ersten neun Spielen erzielte das Team 14 Tore (Schnitt: 1,56). In den darauffolgenden zehn Partien gab es nur noch acht Treffer, der Schnitt sank auf 0,8 pro Spiel.
  • Acht Spiele, also etwas weniger als die Hälfte aller Spiele konnte RB Leipzig keinen eigenen Treffer erzielen. In fünf Spielen gab es nur ein Tor.
  • Mit einem Mittelwert von 1,16 Toren pro Spiel sind nur vier Teams ungefährlicher (Nürnberg, Sandhausen, Aalen, Aue).
  • Acht Spieler haben sich bisher für RBL in die Torschützenliste eingetragen. Unumstrittener Goalgetter ist Yussuf Poulsen (acht Tore). Er ist dabei auch der effektivste regelmäßige Spieler, benötigt nur knapp 159 Minuten pro Treffer. Ihm folgen Terrence Boyd (177 Minuten pro Tor) und Daniel Frahn (343 Minuten pro Tor). Was man in den letzten Wochen gesehen hat, verströmten aber fast ausschließlich Poulsen und Boyd Torgefahr. Für Kapitän Frahn scheint die Leistungsgrenze erreicht, zuletzt gab es harte Gerüchte, dass er bald aussortiert wird.
  • Der mittlerweile nach Ried verliehene Denis Thomalla erzielte in 99 Spielminuten bei einer Einwechslung einen Treffer als Einwechselspieler. Dieses Tor gegen 1860 München und ein weiteres von Mathias Morys im gleichen Spiel waren die einzigen Joker-Tore bisher.

RB Leipzig hat die wenigsten Treffer aller Teams bis zu seiner aktuellen Tabellenposition. Warum die Mannschaft trotzdem gut im Rennen ist, liegt auch in der starken Defensivarbeit begründet – auch wenn man davon in einigen Spielen, insbesondere gegen 1860 München zuletzt, als letztendlich auch bestraftes Abwehr-Harakiri gespielt wurde, manchmal nicht viel merkt. Nur zwölf Gegentore in 19 Partien jedoch sind Ligabestwert. Neunmal bereits gingen die RB-Torhüter Bellot und Coltorti ohne Gegentreffer vom Feld, achtmal setzte es nur einen Treffer. Lediglich Union Berlin und Fortuna Düsseldorf erzielten zwei Tore gegen die RB-Abwehr, jeweils gegen Benjamin Bellot im Kasten. Wenn man diese Fakten zusammenfasst, wundert es auch nicht, dass die drei häufigsten Ergebnisse lauten: 0:0 (fünfmal), 0:1 (dreimal), 1:0 (zweimal).

Nun folgen noch eine ganz Menge weiterer Queer-Beet-Fakten aus den ersten 19 Saisonspielen:

  • Den einzigen Elfmeter der Saison für die Roten Bullen vergab Daniel Frahn in München. Gegen sich bekam das Team noch keinen Strafstoß gepfiffen.
  • In einer fiktiven Tabelle der ersten 45 Spielminuten ist RB Viertplatzierter, während man in der Tabelle der zweiten Spielhälfte nur auf dem zehnten Rang liegt. Bestätigt den Eindruck, dass RB nicht immer eine konstante Leistung über die volle Spielzeit gelingt.
  • Konditionelle Probleme sind es wohl allerdings nicht: In einer Tabelle der Schlussviertelstunde liegt RB Leipzig auf Tabellenrang 7. Bochum wäre hier übrigens Zweiter, Sandhausen Vierter.
  • In der Heimtabelle ist RB Fünfter (19 Punkte), auswärts liegt das Team auf dem zehnten Platz (10 Punkte).
  • Diego Demme ist der einzige Spieler, der in allen Saisonspielen mitgewirkt hat. Dabei stand er bis auf das Spiel gegen Kaiserslautern in der Startformation. Dort wurde er eingewechselt, ansonsten siebenmal ausgewechselt.
  • Anthony Jung absolvierte bis zu seinem Platzverweis in Aalen als einziger Spieler im Kader jede Spielminute der Saison. Er ist trotz der dort verpassten Spielzeit und der nachfolgenden Sperre mit 1.586 Spielminuten der Dauerbrenner der Mannschaft.
  • Zsolt Kalmar wurde in neun Spielen eingewechselt und führt damit diese Statistik an. In einer Partie stand der Ungar in der Startformation, da wurde er aber ausgewechselt. Somit kommt Kalmar trotz zehn Einsätzen auf nur 187 Spielminuten – die wenigsten aller Spieler mit mindestens zehn Saisoneinsätzen.
  • Kapitän Daniel Frahn wurde bei 17 Einsätzen (davon 14 in der Startformation) zwölfmal vorzeit vom Platz genommen. Ein weiterer Nachweis einer eher mäßigen Hinrunde des Kapitäns.
  • 42 Gelbe Karten und zwei Gelb/Rote-Karten (für Clemens Fandrich und Anthony Jung) stehen in der Sünderkartei. Das ist Platz 13 in der Liga. Rani Khedira ist mit sechs Verwarnungen mannschaftsinterner Spitzenreiter, gefolgt von Marvin Compper und Daniel Frahn (jeweils fünf). Insgesamt wurden schon 17 Spieler im RB-Kader verwarnt.
  • In den 19 Partien wurde RB Leipzig von 18 verschiedenen Schiedsrichtern gepfiffen. Lediglich Christian Dingert begleitete zwei Spiele der Mannschaft. In diesen beiden Spielen zeigte er keinem RB-Spieler eine Karte.
  • Insgesamt kamen bisher 263.477 Zuschauer bei zehn Heimspielen in die Red Bull Arena. Im Durchschnitt liegt man damit hinter Nürnberg, Kaiserslautern und Düsseldorf auf dem vierten Platz. Die Spannweite geht von 18.235 Besuchern (Spieltag in der Woche, gegen Karlsruhe) bis zu 38.660 gegen St. Pauli. Lediglich bei Nürnberg (und hier auch nur durch das fast ausverkaufte Derby) ist die Differenz zwischen niedrigster und höchster Besucherzahl größer.
  • Auswärts kamen bisher 152.615 Zuschauer zu den RB-Gastspielen, das sind 16.957 im Durchschnitt (Stadionauslastung ca. 57 %). Damit liegt man lediglich auf dem elften Rang, wobei diese Statistik natürlich verfälscht ist – noch haben ja nicht alle Teams auf allen Plätzen gespielt.

Wer noch nicht genug vom Zahlenwust hat, für den habe ich die bisherige Saisonstatistik des RB-Kaders mithilfe meiner Statistik-Software zusammengestellt. Hier entlang!

Meine Statistik beschränkt sich nicht nur auf RB Leipzig, sondern umfasst die gesamte Zweite Bundesliga. Die Highlights des gesamten Materials werde ich in den nächsten Tagen an dieser Stelle präsentieren.

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Auer Absturz

Posted by Max on Dezember 19, 2014
Bundesliga, Nordostfussball / No Comments

Er hat es wieder getan: Jakub Sylvestr erzielte auch im Rückspiel gegen den FC Erzgebirge Aue den entscheidenden Treffer zum 1:0-Sieg für seinen neuen Arbeitgeber 1. FC Nürnberg. Ein klarer Fall von “ausgerechnet Sylvestr”. Bis zum Sommer spielte der Slowake zwei Jahre lang im Erzgebirge und trug dort als Torjäger maßgeblich zu zweimal Klassenerhalt bei. Jakub Sylvestr steht für eine bessere Zeit im Erzgebirge, denn aktuell mühen sich seine ehemaligen Mitspieler und Sturm-Nachfolger vergeblich darum, eine zweitligataugliche Mannschaft darzustellen.

Die Saison ging schon denkbar schlecht los: Noch unter Trainer Falko Götz gab es vier Niederlagen an den ersten Spieltagen im August. Zweimal knapp auswärts (Nürnberg, Leipzig), aber vor allem auch zweimal ziemlich heftig im eigenen Stadion – 1:5 gegen Bochum, 0:3 gegen Düsseldorf. Den Mechanismen des Geschäfts folgend wurde Götz entlassen, aber auch Präsident Lothar Lässig trat von seinem Amt zurück. Die Lücke wurde geschlossen mit Helge Leonhardt, Bruder von Uwe Leonhardt, der von 1992 bis 2009 bereits Präsident beim FC Erzgebirge war. Der neue starke Mann im Verein präsentierte sich vom ersten Moment als Draufgänger mit klaren Worten, klaren Positionen. Einen “Karacho-Plan” kündigte er an, damit der Verein schnell wieder aus der Talsohle herauskommt. Und gleich mit seiner ersten Entscheidung sorgte er dann auch für eine große Überraschung: Tomislav Stipic wurde verpflichtet, ein bis dato unbekannter Nachwuchstrainer aus Ingolstadt.

Es folgte die bislang beste Phase dieser Saison. Zwar gab es auch unter Stipic zunächst eine Niederlage gegen die Überflieger aus Darmstadt, doch die Mannschaft präsentierte sich schnell verändert, frischer und kreativer. Drei Heimsiege in Folge gegen St. Pauli, Aalen und 1860 München, dazu Remis in Ingolstadt, Sandhausen und Frankfurt hievten die Veilchen für eine Weile aus der direkten Abstiegszone. Doch die Form der Früherbst konnte das Team nicht halten, der bis heute letzte Sieg datiert vom 19. Oktober (gegen 1860), seitdem gab es in acht Spielen nur drei Punkte. Teils unglückliche Punktverluste zwar, gegen Heidenheim etwa vergab das Team reihenweise gute Möglichkeiten, aber nur von einer Ergebniskrise zu reden, reicht nicht.

Leonhardt und Stipic, das wurde schnell klar, ist kein normales Duo. Der junge Trainer Stipic, ein Mann mit interessanten Ideen und Ansichten, die ja zumindest in seiner ersten Phase Erfolg hatten. Soviel wurde in den drei Monaten ihrer Zusammenarbeit klar: Stipic ist Leonhardts Mann. Beide präsentieren sich als Einheit und schlagen verbal in eine ähnliche Kerbe. Der eine (Leonhardt) etwas lauter, der andere (Stipic) eher sachlich. Die Frage jedoch ist, ob insbesondere das harte Draufgehen von Leonhardt in der aktuellen Situation wirklich förderlich ist. Vor dem Spiel am vergangenen Wochenende gegen Heidenheim gab er bei Sky ein für mich bemerkenswertes Interview. Leonhardt äußerte sich dort mit klaren Worten zur aktuellen sportlichen Situation:

Der Kader wurde umfangreich analysiert von Stipic und Co. Wir haben ein Rating gemacht über jede Person. Deshalb kann ich jetzt nicht über Personen sprechen, wenn wir noch drei Spiele haben. Das ist auch eine Frage, wie geht man mit dem Kader um, wie geht man mit der Perspektive um, du hast einen Bestand, im Ernstfall würde ich auch den Kaderstamm verkleinern und würde mit denen weiterarbeiten, die die Fights hier annehmen im Erzgebirgsstadion, die unsere Tugenden annehmen. Wir brauchen hier jetzt keinen schönen Fußball zu spielen, wir müssen draufdreschen, wir müssen ein Zeichen setzen. Damit unsere Fans uns die Treue halten, aber nicht nur wegen den Fans, wir werden dann auch Erfolg haben. Da bin ich mir sicher. Wir haben ein klares Rating und wir haben eine Perspektive. Und die Perspektive heißt Veränderung.

Ich halte es in einer solchen Lage, wie sich der FC Erzgebirge derzeit befindet, nicht für besonders klug, offen über ein mannschaftsinternes Rating und daraus abzuleitenden Veränderungen zu reden. Insbesondere unter dem Aspekt, dass Aue mit bisher 24 Spielern inklusive Ersatztorwart im Vergleich zu anderen Zweitligateams nicht auffällig viele Spieler im Kader hatte. Der Stamm besteht aus zehn Spielern, die bisher bei mindestens 16 der 18 Partien mitgewirkt haben. Alle diese Spieler standen auch gegen Heidenheim in der Startformation, wo sich Trainer Stipic direkt im Anschluss an die Leonhardt-Aussagen folgendermaßen äußerte:

Wir haben heute eine richtig gute Aufstellung. Wir haben eine Mannschaft zusammengestellt, die in der Lage ist dieses Spiel zu gewinnen. […] Wir sind aktuell Tabellenletzter, haben aber eine bessere Stimmung als unser Tabellenplatz aussagt. Wir sind auf dem Weg, wieder ein Team zu werden. In den letzten Spielen […] haben wir allen Spielern das Vertrauen gegeben, auch im Wettkampf zu spielen, um sie dann auch zu sehen, zu begutachten. Jetzt haben wir uns heute für diese elf Spieler entschieden, die das absolute Vertrauen haben – und natürlich auch die Qualität.

Rating erstellt, alle Spieler im Wettkampf getestet, und trotzdem den gleichen Stamm wie im großen Teil der Saisonspiele auf dem Feld? Da stellt sich dann schon die Frage, welche Veränderungen Leonhardt konkret meint. Welche Spieler den Kaderstamm verlassen sollen um diesen zu verkleinern. Zumal Stipic seinen Stammspielern – wenn auch nur im Nachsatz – explizit Qualität zugesprochen hat. Das wird wohl eine spannende Wintertransferperiode im Erzgebirge, sicher auch wieder mit interessanten Aussagen des Duos Leonhardt/Stipic.

Gegen Heidenheim endete das Spiel übrigens 1:1. Der Optimismus von Stipic vor dem Spiel wurde zumindest dahingehend bestätigt, dass Aue dort seine beste Leistung seit einigen Wochen zeigte. Nun bleibt noch am Sonntag die Chance in Bochum den Abstand auf die Nichtabstiegsränge (vier Punkte) bzw. den Relegationsplatz (drei Punkte) bis zur Winterpause zu verringern.

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Alles halb so schlimm?

Posted by Max on Dezember 02, 2014
Bundesliga / 1 Comment

Eigentlich sollte doch alles besser werden. Ausgliederung der Profi-Mannschaft, neue Führungskräfte. Einigermaßen sinnvolle Transfers im Sommer. Kurz nach dem Saisonstart dann noch der Trainerwechsel. Trotz all dieser Bemühungen wandelt der Hamburger SV auch im Dezember 2014 wieder am Abgrund. Vorletzter Platz, nur noch die in einer schweren Ergebniskrise steckenden Dortmunder stehen hinter den Rothosen. Wird der Bundesliga-Dino trotz des schwer wiegenden Umbruchs im Sommer also diesmal tatsächlich sein Alleinstellungsmerkmal der ewigen Erstklassigkeit einbüßen. Oder ist nach erst 13 Spieltagen dieser Saison eigentlich alles halb so schlimm?

Die Wahrheit liegt wohl irgendwo in der Mitte. Einerseits lügt natürlich die Tabelle nicht: Platz 17, erst sieben Saisontreffer und nur drei Siege stehen in der Bilanz. Zu betrachten ist aber auch, dass der Abstand zu den Nichtabstiegsrängen nicht existiert (punktgleich mit Freiburg), Platz Zwölf nur einen Sieg entfernt ist und selbst die Distanz zur oberen Tabellenhälfte lediglich sechs Punkte beträgt. Viel wichtiger als diese Zahlenspielerei ist aber die Einschätzung über tatsächliche Veränderungen im Verein und insbesondere in der Mannschaft. Diese sind – zumindest in meiner subjektiven Einschätzung – durchaus im positiven Umfang vorhanden. Nach einer ganzen Reihe von gescheiterten Trainern, die bereits erfolgreiche Stationen hinter sich gebracht hatten und ihr eigenes Konzept, ihre eigene Spielidee einem völlig verunsicherten und qualitativ limitierten HSV-Kader aufdrücken wollten, sind unter Josef Zinnbauer durchaus Fortschritte zu erkennen.
Der Einfluss von Zinnbauer bei seinem Debüt als Profi-Trainer ist sicher noch nicht in der Geschwindigkeit erkennbar, wie sich Trainer, Funktionäre und Umfeld vorstellen. Doch realistischerweise muss man auch bedenken, wo der HSV herkam: In der Endphase von Fink, unter van Marwijk wie auch bei Slomka war keinerlei Struktur vorhanden. Das krampfhafte Bemühen um offensive Kreativität ging bei allen drei Trainern einher mit defensivem Chaos. Zinnbauer konzentrierte sich zunächst auf die Stabilisierung des Abwehrverbundes, hatte damit teilweise Erfolg (0:0 gegen Bayern), stößt damit aktuell aber auch an (Qualitäts-)Grenzen. Trotzdem wirkt das HSV-Spiel seit einigen Wochen deutlich stabiler und zumindest teilweise mit einem Plan ausgestattet. Das Gefühl für mich als Anhänger dieses Vereins selbst nach einer 1:3-Niederlage gegen Augsburg vom Samstag ist besser als bei vergleichbaren Ergebnissen unter Zinnbauers Vorgängern. Denn zumindest eine Halbzeit ging das Konzept gut auf, die Augsburger konnten ihr Spiel vor der Pause nicht entfalten. Eine zweite Halbzeit auf gleichem Niveau ist der Mannschaft dann aber nicht gelungen.

Trotzdem: Es fühlt sich einfach besser an. Von daher bin ich etwas verwundert, wie stark kicker-Reporter Sebastian Wolff – der als langjähriger HSV-Berichterstatter alle Tiefen der letzten Spielzeiten schon miterlebte – am Montag die aktuelle Entwicklung kritisierte. Frei nach dem Motto: Nichts wird besser. Vielleicht ist es bei mir auch nur Zweckoptimismus mit dem HSV?
In einer Sache hat Wolff aber recht: Die Saison wird maßgeblich von der weiteren Entwicklung zweier Faktoren abhängen. Zum einen muss das Team dringend offensiv gefährlicher werden. Sämtliche Angriffsgefahr wirkt immer noch eher zufällig, bessere Belege als die beiden Treffer gegen Bremen am vorletzten Spieltag gibt es dafür wohl kaum. Und auf der anderen Seite gilt es für den HSV dranzubleiben. Das Problem an dieser Spielzeit: In der unteren Tabellenhälfte gibt es eine große Anzahl von Klubs, die derzeit auf einem ähnlichen Niveau agieren. Abgehängte Teams wie in den Vorjahren Braunschweig oder Fürth, die einen Abstiegsplatz quasi fix blockierten oder fehlgestartete Europapokalteilnehmer sucht man diesmal vergeblich. Ich vertrete die Theorie, dass der HSV mit seiner aktuellen hauchzart ansteigenden Entwicklung in den Vorjahren besser platziert wäre. Von daher ist es wichtig, dass bei aller Stabilisierung auch in den nächsten Wochen die Punkte eingefahren werden, um zumindest den direkten Anschluss an die Konkurrenz zu halten. Denn reißt in dieser Saison der Kontakt ab, wird es in der aktuellen Konstellation fast unmöglich sein, zurückzukommen.

Zweifellos wird das Team des Hamburger SV auch in dieser Saison bis zum Ende im Abstiegskampf stecken. Bei allen positiven Ansätzen ist auch Josef Zinnbauer davon abhängig, ob die Ergebnisse weiterhin stimmen beziehungsweise besser werden. Doch nach dem ganzen Pessimismus der letzten Jahre kann ich wieder etwas Hoffnung schöpfen. Hoffentlich täuscht mich mein Gefühl nicht.

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Kurven-Chor oder Sportschau-Jünger?

Posted by Max on November 24, 2014
Medien / No Comments

Ich lese gerne Studienergebnisse. Es gibt ja fast nichts, was es nicht gibt oder noch nicht gegeben hat. Und das, was noch fehlt, wird kontinuierlich von einer fleißigen Schar Meinungsforscher, Beratungs- und Consultingunternehmen hinzugefügt. So gab es in der vergangenen Woche im Business-Teil des kicker (das gibt es wirklich) endlich eine Antwort auf die brennende Frage: In welche Kategorien lassen sich Fußball-Fans hinsichtlich ihrem Kaufpotential bei Sponsoren unterteilen. Die Untersuchung wurde von der Beratungsfirma Octagon durchgeführt, leider nur bei 519 Personen (Durchschnittsalter 39,4 Jahre; 60 % Männer), aber immerhin in 22 Ländern.

Nach den Ergebnissen der Studie lassen sich Fans bezüglich ihrer Identifikation mit den Sponsoren und dem Interesse am Kauf deren Produkte in vier Gruppen unterteilen:

  • 24/7 Maniacs: Der Name sagt wohl alles. Wollen immer und überall und alles über ihren Klub wissen, volle Identifikation, viele Livespiele im Stadion oder vor dem Fernseher.
  • Kurven-Chor: Volle Loyalität zum Lieblingsverein, der Zugang zu allen Nachrichten über möglichst viele Kanäle ist unausweichlich. Knapp die Hälfte dieser Gruppe kauft Fanartikel und bleibt dem Verein auch in schlechten Zeiten treu.
  • Sportschau-Jünger: Samstag ist ihre Zeit, diese Gruppierung verfolgt die Ligaspiele vor dem Fernseher und wünscht dabei eigentlich keine Ablenkung, obwohl sie sehr viel über soziale Netzwerke diskutieren, auch um Schadenfreude zu teilen.
  • Turnier-Fans: Braucht wohl keiner weiteren Erläuterung. Die Studie stellte fest, dass mehr Frauen als Männer in diese Gruppe fallen.

(Anmerkung: Da die Studie von einer englischsprachigen Agentur vorgenommen wurde, sind die vier Kategorien wohl kicker-Wortschöpfungen)

Die Ableitung für das Sportsponsoring sieht nach dieser Eingruppierung relativ selbsterklärend folgendermaßen aus: Von allen Befragten, die sich mit den Produkten der Klubsponsoren identifizieren können, stellen die 24/7 Maniacs mit Abstand (76 %) die größte Gruppe, gefolgt vom Kurven-Chor (19 %) sowie den Sportschau-Jüngern (7 %). Turnierfans haben offenbar keinerlei Verbindung zu den Sponsoren der Nationalmannschaft – eigentlich ein überraschendes Ergebnis, bei den Summen, welche das DFB-Team auch in diesem Bereich erzielt. Die Werbeeffekte auf die passiven Zuschauer dürften aber wohl ausreichend groß sein, um auch hier ein Werbeengagement zu rechtfertigen.
Wenig anders ist die Verteilung übrigens beim Thema Kaufinteresse. Das heißt, welche Gruppierungen haben ernsthaftes Käuferpotential für die Sponsoren? Die Reihenfolge bleibt gleich (24/7 Maniacs 71 %, Kurven-Chor 21 %, Sportschau-Jünger 5 %, Turnier-Fans 1 %). Die logische Ableitung der Studie ist also, dass Sponsoren zukünftig noch mehr das Kaufpotential der Hardcore-Fans aktivieren sollten.

Die entscheidende Frage nach dem Lesen der Studienergebnisse: In welche Kategorie gehöre ich eigentlich? Anfangs habe ich mich schwer damit getan, aber ich bin wohl halber Kurven-Chor, halber Sportschau-Jünger. Hohe Identifikation mit dem HSV, inklusive dem Besitz von Fanartikeln. Auch verfolge ich die Spiele der Hamburger in der Regel vor dem Fernseher (im Einzelspiel), sofern es die Zeit erlaubt. Zu den Sponsoren des Vereins habe ich aber nicht wirklich eine besondere Beziehung, wenn man davon absieht, dass ich das Hamburger Bier gerne trinke.
Da mir aber das sonstige Tagesgeschehen am Bundesligawochenende aber genauso wichtig ist, auch das Kommunizieren darüber in sozialen Netzwerken, kann ich mich wohl auch vom Vorwurf, ein Sportschau-Jünger zu sein, nicht ganz freisprechen.

Quelle: kicker Sportmagazin Nr. 94 vom 17.11.2014

Die Sache mit der Ethik

Posted by Max on November 22, 2014
Fussball International / 1 Comment

Um ehrlich zu sein, war der Begriff Ethik für mich schon immer äußerst schwammig und unklar besetzt. Das liegt wohl vor allem an der mangelhaften Schulbildung dazu. Zwar gab es ein Fach mit dem Namen Ethik, doch gelehrt wurde es abwechselnd von einem älteren Sportlehrer, der wohl mit der Wiedervereinigung sein sozialistisch angehauchtes Zweitfach verloren hat und dann in den 1990ern umgeschult wurde, und einer jüngeren, seltsamen Kunstlehrerin, die später erst ein komplettes Jahr fehlte und danach endgültig verschwunden war – in der Psychiatrie, wie man munkelte. In der Oberstufe gab es dann einen weiteren umfunktionierten Sportlehrer kurz vor dem Eintritt in den Ruhestand, der die 90 Minuten meist mit endlosen Monologen über Gott und die Welt, insbesondere aber über sein Hobby Napoleon und die Völkerschlacht verbrachte. In acht Jahren Ethikunterricht ist mir nicht klar geworden, was Sinn und Zweck dieser Disziplin sein sollte, außer ein wie auch immer geartetes Gegengewicht zum Religionsunterricht zu bilden. Die Lexikondefinition (“spezifisch moralisches Handeln, insbesondere hinsichtlich ihrer Begründbarkeit und Reflexion” – Wikipedia) jedenfalls suchte man im Lehrplan vergebens.

Im Jahr 2014 nun – mehr als sieben Jahre nach meiner letzten Ethik-Unterrichtsstunde – muss ich feststellen, dass ich wohl nicht alleine bin mit meinem Unwissen über die korrekte Definition. Oder dass das, was man sich in all den scheinbar inhaltsleeren Stunden hat versucht unter dem Begriff Ethik vorzustellen, nicht ganz der gelebten Praxis entspricht. Zumindest im Fußball. Genauer bei der FIFA. Das Erstaunen war schon groß, als ausgerechnet der wohl korrupteste Sportverband der Welt als Reaktion auf die zweifelhafte Doppelvergabe der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 eine Ethikkommission einsetzte, welche sich mit den scharfen Vorwürfen auseinandersetzen sollte.

Nun dauerte es fast vier Jahre seit jenem erschütternden 2. Dezember 2010, dem Tag der Ernennung von Russland und Katar als WM-Ausrichter, bis der Bericht vorgelegt wurde. Das Ergebnis ist ein wieder mal ein echtes FIFA-Meisterstück. Der Verband war ja schon bekannt für seine ganz eigene Weltsicht. Reihenweise für jeden normalen Menschen lachhafter Dokumente, Aussagen und Stellungnahmen wurden in den letzten Jahren (Jahrzehnten) produziert. Mit dem Ergebnis der neuesten Untersuchungen jedoch hat der Weltverband sein wohl größtes Werk dieser Art aller Zeiten abgeliefert. Keine feststellbaren schwerwiegenden Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe der beiden Weltmeisterschaften. Vielmehr waren es die Mitbewerber, die sich die ein oder andere ethische Verfehlung leisteten und FIFA-Funktionäre mit Geschenken und Zuwendungen bedachten. Völlig raus ist natürlich Sepp Blatter, unser liebster Fußball-Opi, der mit der ganzen Sache sozusagen überhaupt nichts zu tun hat. Sagt eine von der FIFA eingesetzte Untersuchungskommission. Der Verband, dessen Funktionäre sich mit der erstmaligen Durchführung einer Doppelvergabe kurz vor dem Erreichen der natürlichen Altersgrenze schön doppelt die Taschen vollgehauen haben.

Es lohnt sich an dieser Stelle wohl ein paar Zitate aus der sogenannten Presidential Note im FIFA-Magazin FIFA Weekly anzuführen. Sepp Blatter schreibt dort unter der Überschrift “Neid muss man sich verdienen”:

Vor allem wenn es um die FIFA (und ihren Präsidenten) geht, bleibt allerdings oft die Objektivität auf der Strecke.
Gelegentlich kommt es mir so vor, als sei ich an allem Ungemach auf dieser Welt Schuld: An der Abholzung des Regenwaldes, am Bahnstreik in Deutschland, an den regelmässigen Vulkanausbrüchen auf Island […]. Ich gehe davon aus, dass ich auf für das miserable Wetter in der Schweiz in diesem Sommer verantwortlich bin. Dann müsste man allerdings fair bleiben – und mir das Verdienst an diesem wunderschönen Herbst zugestehen.

Es lohnt sich gar nicht über diesen Blatter’schen Beitrag aufzuregen. Er zeigt nur einmal mehr, wie weit entfernt der Präsident und seine Gefolgschaft mittlerweile vom tatsächlichen Leben sind, von irgendeiner Spur von Anstand (Ethik) oder Rechtsverständnis. Gäbe es zumindest im Hintergrund noch klar denkende Menschen, sie hätten Blatter wohl in der aktuellen Phase von diesem Beitrag abgeraten.

Zugegebenermaßen habe ich nicht unbedingt ein Problem damit, dass die Weltmeisterschaften in Russland oder Katar stattfinden. Es ist aber das wie der Turniervergabe und eine allgemeine Angst darum, was aus dem Fußball langfristig wird mit diesem Weltverband. Ich bin jetzt 25 Jahre alt und werde hoffentlich noch weit mehr als ein halbes Jahrhundert Fußball erleben. Doch wohin der Weg mit dieser FIFA führen wird, ist mir derzeit völlig schleierhaft. Im schlechtesten Fall ist Sepp Blatter noch zehn oder ein paar Jahre mehr an der Macht, doch ich bin ziemlich sicher, im Hintergrund lauern bereits neue Schergen, die mindestens auf dem gleichen Level agieren oder noch bessere Tricks auf Lager haben.

Gibt es überhaupt irgendwelche wirksamen Mittel, um die FIFA in einen ernsthaften Reformprozess zu drängen? Seit vier Jahren spielt Blatter die Zeitkarte, und hat damit augenscheinlich Erfolg. Der Bericht der Ethikkommission befeuert zwar derzeit extreme Diskussionen, diese aber ändern inhaltlich nichts. Keine vier Jahre mehr bis zur Weltmeisterschaft in Russland, die Uhr tickt weiterhin für den Weltverband. Denn irgendwann kommt der Punkt, an dem es für einen Umschwung und eine Neuvergabe schlicht zu spät ist, weil so eine WM zwangsläufig einen großen Vorbereitungsaufwand bedeutet. Was mir dieser Tage wieder bewusst geworden ist: Die Empörung allerorten (außer in Zürich) ist jetzt freilich wieder groß, aber wirklich aktiv geworden ist von den Mächtigen, den Einflusshabenden in den letzten Jahren keiner. Weder Funktionäre der scheinbar empörten Verbände noch die noch mehr empörten Politiker. Zu groß ist offenbar die Abhängigkeit von der FIFA. Zu groß sind offenbar dann doch die Annehmlichkeiten, die man bei Folgsamkeit im Windschatten des großen Geldes genießt.

An einigen Stellen wurde in den letzten Tagen bereits ein WM-Boykott der UEFA-Mitglieder gefordert, etwa von der Spitze der DFL. Es wäre wahrscheinlich ein wirksames Mittel, wenn eine große Anzahl namhafter Fußballnationen dem Weltturnier fernbleiben würde – das würde dem Ansehen des Premiumproduktes der FIFA schaden, deren wütenden Gegenmaßnahmen man sich wohl kaum sinnvoll ausmalen kann. Ein Verzicht auf dieses Turnier würde aber eben auch in den boykottierenden Ländern einen erheblichen wirtschaftlichen Schaden bedeuten. Für die Verbände, aber auch für Sponsoren, Medien usw. Das wäre insbesondere auch aus politischer Sicht ein kaum tragbares Risiko. Und führt nur noch mehr vor Augen, wie abhängig die Wirtschaft mittlerweile vom sportlichen Zugpferd Fußball ist. Außerdem würde ein WM-Boykott auch zu Lasten der betroffenen Spieler gehen. Mich würde das Ergebnis einer Spielerumfrage dazu brennend interessieren – denn ich kann mir nicht vorstellen, dass die eigentlich wichtigen Akteure sich eine der wenigen Chancen auf eine Teilnahme am wichtigsten Turnier ihres Sports entgehen lassen wollen.

Mir fehlt aktuell die Fantasie, wie man die FIFA, aber auch den Weltfußball und seine Machtgefüge so reformieren könnte, dass es für fast alle Seiten ein tragbares Ergebnis gibt. Selbst eine Absetzung von Sepp Blatter wäre bloß der Tropfen auf den heißen Stein – potente Nachfolger sind sicher schon in Lauerstellung. Für mich bleibt aktuell nur die Hoffnung, dass es irgendwann unwiederlegbare, auch juristisch hart verwertbare Fakten gibt, die selbst beim mehr als zweifelhaften Ethikverständnis der Verbandsfunktionäre für ein Umdenken sorgen. Fakten, die dann auch bis zum Äußersten juristisch verfolgt werden.