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Björn Kopplin 21. Mai 2014

Posted by Max in : Bundesliga , add a comment

Fünf Jahre ist es jetzt her, dass Björn Kopplin, geboren im Januar 1989 in Berlin, bei der U20-Weltmeisterschaft in Ägypten über die linke Abwehrseite Antreiber des Spiels der DFB-Auswahl war. Obwohl die Deutsche Mannschaft damals im Viertelfinale knapp in der Verlängerung an Brasilien scheiterte, blieb mir dieses Nachwuchsturnier wie kein vergleichbarer Wettbewerb vorher oder danach in Erinnerung. Insbesondere auch wegen dem blonden Jungen auf der linken Abwehrseite: Björn Kopplin.

Kopplin spielte damals in der Zweiten Mannschaft des FC Bayern. Nach dem Turnier urteilte ich:

Besonders Kopplin könnte in dieser Form schon bald ein ernsthafter Ergänzungsspieler werden, was in absehbarer Zeit auch das Außenverteidigerproblem der Bayern lösen könnte.

Letztendlich kam es anders: Die Lücke, als Philipp Lahm von der linken auf die rechte Abwehrseite verschoben wurde, wurde bei Bayern durch verschiedene Spieler geschlossen. Massimo Oddo, Edson Braafheid, Diego Contento, David Alaba. Nur ein Name taucht in dieser Liste nie auf: Björn Kopplin. Er brachte es nie auf ein Bundesligaspiel für den FC Bayern – mehr noch: Absolvierte noch keine einzige Partie in der höchsten Spielklasse. Wie kam es dazu? Natürlich waren im Nachgang mit einigen Jahren Abstand betrachtet meine Vorschusslorbeeren für Kopplin etwas überzogen, doch dass er ein guter Bundesligaspieler werden könnte, dessen war ich mir schon sicher.

Nach besagter U20-Weltmeisterschaft spielte Björn Kopplin noch ein Jahr im Unterbau des FC Bayern. Da war aber schon nicht mehr sein Mentor Hermann Gerland der Trainer, sondern Mehmet Scholl. 2010 schließlich ging Kopplin – übrigens auf Vermittlung von Gerland – zum VfL Bochum. Dort testete er nicht nur erfolgreich Currywürste, sondern spielte auch zwei anständige Saisons. In seiner ersten Spielzeit mit dem VfL ging es sogar bis in die Aufstiegsrelegation gegen Mönchengladbach. Doch Kopplin handelte sich im Hinspiel seine fünte Gelbe ein, fehlte dann im Rückspiel gesperrt. Bochum blieb (sicher nicht wegen Kopplin) zweitklassig, plänkelte im Jahr darauf im Mittelfeld vor sich hin. Aber Kopplin war Stammspieler, allerdings auf der Position des Rechtsverteidigers.

Björn Kopplin war nun etabliert, immerhin in der Zweiten Bundesliga. Und so klang es schon etwas romantisch, als im Sommer 2012 sein Wechsel zu Union Berlin erfolgte. Die Köpenicker waren bereits in den ersten neun Fußballerjahren Kopplins Heimat, eher er im Alter von 15 nach München wechselte. Der Start in seiner Geburtsstadt war aber sicher nicht optimal: Kopplin verpasste zunächst mit einer Schambeinentzündung, kurz darauf mit einem Nasenbeinbruch das komplette erste Halbjahr. Es folgten zwar noch elf Einsätze in der Rückrunde, doch in der Saison 2013/2014, die eigentlich dann seine hätte werden sollen, kam er nicht an Marc Pfertzel vorbei. Kurioserweise jener Spieler, den er einst in Bochum verdrängte. Sieben Partien stehen in seiner Statistik der abgelaufenen Spielzeit, fünf weitere Spiele in der Zweiten Mannschaft, die in der Regionalliga Nordost kickt. Und die Perspektiven sind nicht besser: Obwohl Marc Pfertzel die Eisernen im Sommer verlässt, hat Union mit dem Österreichischen Nationalspieler Christopher Trimmel bereits einen neuen Konkurrenten verpflichtet.

Die Gründe für den ausgebliebenen endgültigen Durchbruch von Björn Kopplin sind vielschichtig. Da waren zum einen die wohl zu hohen Erwartungen. Vielleicht aber auch seine Versetzung auf die rechte Abwehrseite – denn auf Links wäre die Konkurrenz, egal in welchem Verein, wohl heute nicht so groß. Seine Vorstöße von der linken Flanke waren beim Nachwuchsturnier 2009 eine echte Waffe, in seinen Vereinen trat Kopplin aber nicht als besonders offensiv in Erscheinung. Doch auch eine gewisse Unruhe und Schludrigkeit waren Gründe, weshalb die Karriere nicht den erhofften Verlauf nahm. In einem Beitrag der Berliner Zeitung vom letzten Dezember berichtet sein Jugendtrainer Hermann Gerland: “Er war sehr schnell und laufstark, hatte allerdings wenig Ruhe am Ball”. Dass er sich in der letzten Saison nicht durchsetzen konnte, lag wohl auch an einer mangelnden Einstellung in der Vorbereitung. Kopplin gibt zu: “Ich war vom Fitnesszustand nicht so weit, dass ich jedes Training gut absolvieren konnte”.

Bis 2015 läuft der Vertrag von Kopplin bei seinem Heimatklub noch. Die Perspektiven sind wie beschrieben durch die Verpflichtung eines prominenten Konkurrenten nicht besser geworden. Doch man kann Björn Kopplin nur wünschen, dass er den Kampf wenigstens annimmt und sich an den Rat seines Ex-Trainers Gerland hält: “Er soll ein bisschen Gas geben”.

Der Bela-Guttmann-Fluch 17. Mai 2014

Posted by Max in : Europa League , add a comment

Mein Kollege, über dessen Kritik an der Bundesliga-Langeweile ich vor einiger Zeit sinnierte, ist aufgrund seiner familiären Wurzeln Fan von Benfica Lissabon. In dieser Woche musste er (wieder einmal) feststellen, dass es wohl noch mindestens 48 Jahre dauern wird, bis er wieder einen Internationalen Titel seiner Mannschaft feiern darf. Anfang 90 wird er dann sein, und vorher wird der Liebe Gott bei ihm nicht das Licht ausknipsen.

Schuld an der Misere ist Béla Guttmann. Ich kannte diesen Namen nicht, bevor ich Anfang des Jahres das sehr empfehlenswerte Buch von Jonathan Wilson zur Taktikgeschichte des Fußballs gelesen hatte. Mit Guttmann gewann Benfica im Jahr 1962 letztmals den Europapokal der Landesmeister, seitdem gab es acht Finalteilnahmen, in allen acht Spielen verlor Benfica das Endspiel. Wilson schreibt dazu in seinem Buch:

Man erzählt sich, Guttmann habe Benfica bei seinem Abschied mit einem Fluch belegt. Demnach sollte der Klub so lange keinen europäischen Titel mehr gewinnen, bis er ihm seine ihm zustehende Prämie bezahlt habe. Natürlich ist das Unsinn. Dennoch hat Benfica seitdem von fünf Endspielen im Europapokal keines mehr gewinnen können.  (Jonathan Wilson: Revolutionen auf dem Rasen, Seite 138)

Mittlerweile sind es schon acht Niederlagen: Im Europapokal der Landesmeister 1963, 1965, 1968, 1988 und 1990. Im UEFA Cup 1983 sowie in der Europa League 2013 und 2014. Ein interessantes Guttmann-Portrait aus dieser Woche nennt eine andere Version: Benfica habe ihm eine Gehaltserhöhung verweigert, deshalb ergriff Guttmann Hals über Kopf die Flucht und verfluchte den Verein auf 100 Jahre im Europapokal. Diese Version ist die bekannteste Auslegung des Bela-Guttmann-Fluchs. Bei früheren Finals flehten sogar schon Stars wie Eusebio am Grab des Ex-Trainers, es half alles nichts. Bela Guttmann, ein großer Name, Visionär und Weltenbummler, Importeur des erfolgreichen 4-2-4-Systems in Brasilien, galt gleichermaßen als unsentimental wie skrupellos, hat kein Einsehen.

Der Fluch ist derzeit so präsent wie lange nicht mehr: Zwei Jahre nacheinander verlor der größte Sportverein der Welt das Finale der Europa League. Vorige Saison gegen Chelsea durch ein Tor in der Nachspielzeit, vergangene Woche gegen den FC Sevilla im Elfmeterschießen. Nun mag man denken, dass sich die Fußballmillionäre von heute nicht um Flüche, Prophezeiungen oder andere Gedankenspiele der Metaebene kümmern.

Nur schwer lässt sich aber ohne das Bemühen höherer Mächte erklären, was am Mittwoch beim Finale in Turin passiert ist: Benfica hatte, beginnend mit der Endphase der ersten Halbzeit, reihenweise hochkarätiger Torchancen, deren Verhinderung durch den FC Sevilla sich nur unzureichend mit Glück beschreiben lässt. Wie die Spanier den Ball im letzten Moment von  der Linie kratzen, wie von Geisterhand plötzlich den Ball abblockten oder die Benfica-Spieler aus bester Position das Tor verfehlten – hatte hier Bela Guttmann seine Finger im Spiel? Anders lässt sich wohl auch kaum erklären, wie kläglich Oscar Cardozo und Rodrigo ihre Elfmeter in der entscheidenden Phase vergaben. Als hätte ihnen beim Anlauf die Stimme von Guttmann im Kopf herum gespukt.

So stand am Ende der Titelgewinn für den FC Sevilla. Es ist bereits der dritte Titel in diesem Wettbewerb für den Verein innerhalb der letzten acht Jahre. Man kann diese vom Kader her eigentlich relativ unspektakuläre Truppe also gut und gerne als Spezialist für den Europapokal beschreiben. Ohne Piotr Trochowski, den indisponierten Marko Marin, der nur 26 Minuten nach seiner Einwechslung wieder ausgetauscht wurde, dafür aber mit einem überragenden Ivan Rakitic. Der Kroate hat sich in den drei Jahren seit seinem Weggang vom FC Schalke 04 zu einem gestandenen Mittelfeldspieler von hoher internationaler Klasse entwickelt. Eine Entwicklung, die damals im Trikot der Königsblauen nicht unbedingt absehbar war. Am Mittwoch überzeugte Rakitic durch eine extrem hohe Präsenz in fast allen Teilen des Spielfeldes, einem guten Gespür für den richtigen Pass und unterstrich auch seine Führungsqualitäten als Mannschaftskapitän. Kein Wunder also, dass er in den Blickpunkt einiger großer Vereine gerückt ist.

Während Sevilla also in seinen drei europäischen Finalteilnahmen immer siegreich vom Platz ging, knabbert Benfica weiter am Bela-Guttmann-Fluch. Noch 48 Jahre – oder ist doch alles nur Aberglaube und großer Zufall?

Komisches Ende 11. Mai 2014

Posted by Max in : Bundesliga , add a comment

Die Saison 2013/2014 ist abgesehen von den Relegationsausläufern vorbei. Damit hat nun auch eine seltsame Rückrunde ihr Ende gefunden. Seltsam, weil die Entwicklungen in fast allen Tabellenregionen kaum in ein Muster der letzten Jahre passten. Seltsam bedeutet nicht zwingend uninteressant, dennoch hinterlässt diese Rückrunde am Ende ein komische Gefühl, welches ich nicht richtig einordnen – und noch schwerer erklären kann.

Oben gab es die zeitigste Meisterschaft der Bundesliga-Meisterschaft. Bereits am 27. Spieltag, ausgepielt am 25. März, mit einem 3:1 im Berliner Olympiastadion, sicherte sich der FC Bayern die Deutsche Meisterschaft. Eine großartige Leistung der Mannschaft, die im Spannungsfeld zwischen Überschwang, Demut und Enttäuschung über die Chancenlosigkeit anderer Teams gleich global als auf Jahre unschlagbar eingeordnet wurde. Dazu beigetragen haben für mich insbesondere Ergebnisse wie das 1:6 zwischen Wolfsburg und Bayern Anfang März. Mit hohem Aufwand spielte dort der VfL über eine Stunde stark mit, führte sogar, und ging am Ende komplett unter. Angesichts solcher Erfahrungen schienen das scheue Wegkuschen vieler Konkurrenten und Verweigern jeder Offensive in Spielen gegen den Meister eine legitime Einstellung zu sein. Wer hätte gedacht, dass Guardiola den Bayern nach dem Triple letzte Saison noch so einen Qualitätssprung verpassen könnte? Doch so groß der Einfluss des Katalanen auf die frühe Meisterschaft gewesen sein mag, so viele Fehler leistete er sich in den Wochen danach. Das frühzeitige Abschreiben der Meisterschaft führte zu einem riesigen Spannungsabfall, plötzlich relativierten sich viele Bayern-Leistungen als eine besonders starke Phase. Niederlagen gegen Augsburg und Dortmund, letztendlich sogar das Ausscheiden in der Champions League. Was wäre gewesen wenn in den Monaten bis März nur mehr Gegner aufbegehrt hätten gegen die Bayern?

Mit gehöhrigem Respektabstand hatten sich zur Winterpause Leverkusen, Mönchengladbach und Dortmund hinter dem Tabellenführer auf den Rängen zur Champions League einquartiert. Letztendlich erlebten die Leverkusener ihren obligatorischen Rückrundeneinbruch, der schon so vielen Trainern den Arbeitsplatz im Rheinland gekostet hat. Während Mönchengladbach eine Rückrunde im besseren Rahmen seiner Möglichkeiten spielte, fanden die Dortmunder zurück zu alter Stärke und nährten die Hoffnung, doch langfristig wieder ein ernsthafter Konkurrent für die Bayern zu sein. Das 3:0 in München war schon ein Ausrufezeichen, das Pokalfinale steht noch aus und scheint heute offener als gedacht.

Eine wesentliche Erkenntnis, die bei mir in dieser Rückrunde aber intensiv gereift ist: Die Kräfteverhältnisse in der Bundesliga haben sich nachhaltig verschoben. Die Zustände, wie ich sie seit 1998 kannte, gibt es so nicht mehr: Stuttgart, Bremen oder Hamburg spielen nun bereits seit einigen Jahren auf dem absteigenden Ast. Es scheint schwer vorstellbar, dass hier schon zur neuen Spielzeit eine deutliche Besserung einsetzt. Zu tiefgreifend waren die Einschnitte in diesen Klubs, auch aufgrund von Fehlern in der Vergangenheit. Es wird für diese Vereine ein langer Weg zurück zu alten Hohenflügen, kurzfristig dürfte das eher ein Ausreißer werden. Dazu tragen auch die neuen, starken Kräfte im oberen Mittelfeld bei: Mönchengladbach ist mittlerweile ein dauerhafter Anwärter auf Europa, Mainz, Augsburg oder Hoffenheim in der Bundesliga etabliert. Freiburg oder Frankfurt hatten zwar lange Zeit große Probleme, konnten sich aber nach dem Abwerfen der Belastung Europa League letztendlich relativ deutlich im Mittelfeld sichern.

Die aber wohl eigenartigste Erscheinung dieser Rückrunde war der Abstiegskampf. Oder das, was man landläufig so nennt. Denn ein wirklicher Kampf war es nicht wirklich. Während Stuttgart, Freiburg, Frankfurt und Hannover zwar zwischenzeitlich schlechte Phasen hatten, gab es diesmal drei Mannschaften, denen über die ganze Saison die Qualität fehlte, um den Ligaerhalt zu sichern. Das gipfelte dann darin, dass der HSV, Nürnberg und Braunschweig alle fünf Partien am Saisonende verloren.

Quelle: Härringer Spottschau vom 10.05.2014

Während der Braunschweiger Löwe ebenso kurz vor dem Ziel krepierte wie das Nürnberger Schneckenrennen ein jähes Ende fand, gibt es für den HSV noch Hoffnung. Als Fan und Mitglied bei den Hamburgern nimmt man den letzten Strohhalm Relegation natürlich gerne mit – auch wenn der Abstieg, wenn man ehrlich ist, die logische Konsequenz aller Fehlentwicklungen und fragwürdigen Entscheidungen seit der Labbadia-Verpflichtung 2009 gewesen wäre. Es macht schon Angst, wenn man sich trotz fünf Niederlagen am Saisonende keinen Platz verloren hat und sich an ein paar gute Momente in den Spielen gegen Bayern und Mainz klammert. Dieser merkwürdige Abstiegskampf im Frühjahr 2014 gibt wohl den letzten Ausschlag für das komische Gefühl, welches diese Saison – insbesondere die Rückrunde – hinterlässt.

Aufstieg und Erinnerung 4. Mai 2014

Posted by Max in : Nordostfussball , 2 comments

Jetzt ist es also geschehen. RB Leipzig schafft durch ein locker-leichtes 5:1 gegen den bereits abgestiegenen 1. FC Saarbrücken vor mehr als 40.000 Zuschauern den Aufstieg in die Zweite Bundesliga. Wenn dort am 1. August die neue Saison beginnt, wird dann erstmals seit 16 Jahren wieder eine Mannschaft aus Leipzig dabei sein.

Rückblick: Am 7. Juni 1998 verpasst der VfB Leipzig durch ein 0:0 am letzten Spieltag gegen die SG Wattenscheid 09 den Klassenerhalt. Ein Sieg in diesem direkten Duell hätte gereicht, und die Bochumer wären abgestiegen. Es war jedoch bis heute das letzte Lebenszeichen des Leipziger Fußballs in den beiden höchsten deutschen Spielklassen. Damals mit dabei und eingewechselt: Ronny Kujat. Ein Leipziger Fußballurgestein, der zehn Jahre später auch in der ersten Saison von RB Leipzig noch dabei war – und heute noch für den Verein arbeitet. Kujat steht wohl wie kaum ein Zweiter für die Wandlung des Fußballs in der Messestadt in den letzten 20 Jahren: Mit dem VfB Leipzig aus der Bundesliga abgestiegen. Aus der Zweiten Liga abgestiegen. Auf- und Abstiege mit dem FC Sachsen Leipzig. Gründungsmitglied einer neuen Zeitrechnung in Markranstädt, den Geburtshelfern von RB Leipzig.

Während meine Erinnerung an Ronny Kujat noch sehr lebendig ist, habe ich die Fakten zum Entscheidungsspiel im Sommer 1998 eben nachschlagen müssen. Mein Interesse für den Fußball entstand erst kurz darauf, irgendwann im Verlauf der Weltmeisterschaft in Frankreich. Den letzten Kick gab das Finalspiel mit den überragenden Franzosen. Natürlich schaut man sich danach schnell nach Fußball in der Heimatstadt um. Was es in den nächsten Jahren zu sehen gab, war eher ernüchternd. Im Jahr nach dem Abstieg gelang dem VfB fast der direkte Wiederaufstieg. Doch schon bald mehrten sich die Anzeichen in Richtung Insolvenz, und so führte der Weg trotz Platz 9 im Jahr 2000 per Zwangsabstieg in die Oberliga. Vier weitere Spielzeiten quälte man sich dort mit den Folgen des vorherigen Insolvenzverfahrens und offensichtlicher Inkompetenz in der Vereinsführung bis zur letztendlichen Vereinsauflösung. Der kurz darauf neugegründete 1. FC Lokomotive Leipzig konnte nie mein Interesse wecken und kämpft heuer wohl erfolglos für den Klassenerhalt in der viertklassigen Regionalliga. Chronische Liquidiätsprobleme und Streitigkeiten in der Vereinsführung sind auch hier eher die Regel statt eine Ausnahme.

Für den FC Sachsen Leipzig lief es nicht wirklich besser. Die Chemiker – in Anspielung auf die zu DDR-Zeiten real existierende und heute als Kopie auflaufende BSG Chemie – spielten nach der Wiedervereinigung nie in der ersten oder zweiten Bundesliga, waren 1995 aber zumindest nah dran. Ab 1998 führte der Weg aber auch im Stadtteil Leutzsch stetig nach unten. Trotz eines hart erkämpften Klassenerhalts in der damals drittklassigen Regionalliga musste der FC Sachsen zwangsabsteigen. Nachfolgend gab es diverse erfolglose Bemühungen: Trainer wie Wolfgang Frank oder Eduard Geyer versuchten ihr Glück, selbst Rolf-Christel Guié-Mien spielte für einige Zeit in Leipzig. 2007 klopfte dann erstmals Red Bull in Leipzig an – die Übernahme scheiterte unter anderem an einer fehlenden Einigung bzw. zum Verbot der Umbenennung des Vereins. Weiter: Abstieg, Finanzprobleme, Zuschauerschwund – unter anderem, weil der Verein im Nachwuchsbereich eine Kooperation mit RB Leipzig anstrebte – letztendlich auch hier die Auflösung des Vereins 2011.

Das ist die Geschichte des Leipziger Fußballs, die ich seit 1998 kenne. Obwohl ich mich emotional den Grün-Weißen aus Leutzsch verbunden fühlte, haben mich all diese Umstände in die Arme des Bundesliga-Dinos HSV getrieben. Kurios und ernüchternd, dass es auch hier die Finanzgeschichte derzeit ähnlich läuft wie in Leipzig zwischen 1998 und 2011.

Epilog: Ich wurde in letzter Zeit hin und wieder gefragt, wie ich eigentlich zu RB Leipzig stehe. Nun bin ich zwar lange kein Fan des Vereins, aber zumindest ein Sympathisant. Auch wegen der eben erklärten Geschichte. Ich kenne keinen Zweitligafußball in der Stadt mehr, von Bundesligaspielen ganz abgesehen. Dazu musste ich zeitlebens mindestens die zweihundert Kilometer nach Berlin fahren. Natürlich wäre es auch mir lieber, einer der nicht mehr existierenden Leipziger Traditionsvereine würde jetzt an der Stelle von RBL stehen – doch die Geschichte hat einen anderen Weg vorgesehen. Mit dem Weg der sportlichen Entwicklung seit dem Wirken von Ralf Rangnick kann ich mich identifizieren, während ich RB vorher auch durch die Transferpolitik “Altstars kaufen” eher kritisch sah. Solange man beim Verein eine klare Entwicklungslinie verfolgt – wie übrigens auch in Hoffenheim oder seit Allofs auch in Wolfsburg – werde ich über solche Diskussionen nur lächeln können oder auch über diese bösen Androhungen hinwegsehen.

Symbolpolitik 26. April 2014

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Vor wenigen Minuten gewann RasenBallsport Leipzig mit 1:0 in Rostock. Damit rückte die ostdeutsche Abordnung des Brausekonzerns aus Österreich ein großes Stück näher Richtung Aufstieg. Mit einem Sieg am kommenden Wochenende gegen den 1. FC Saarbrücken im eigenen Stadion kann der direkte Durchmarsch finalisiert werden. Ab durch die Dritte – so hatte es die RB-Marketingabteilung bereits vor der Saison, sehr zum Unmut von Trainer Alexander Zorniger, formuliert. Nun scheint der kühne, aber schon im letzten Sommer nicht völlig unrealistische Wunsch Realität zu werden. Die neue Saison wirft ihre Schatten schon voraus. In der vergangenen Woche hatte RB Leipzig unter Auflagen die Lizenz für die Zweite Bundesliga erhalten. Seitdem wird fleißig diskutiert.

Ein interessanter Randaspekt dieses Spieltages war, dass Andreas Rettig, DFL-Geschäftsführer und damit irgendwie auch oberster Gralshüter der Lizenzen, die Partie von RB Leipzig in Rostock im Stadion verfolgte. Rettig, der DFL-Mann, also bei einer Partie der Dritten Liga – bekanntlich einem DFB-Wettbewerb. Nun ist es ihm nicht verboten, privat solche Spiele zu verfolgen. Doch der Zeitpunkt ist schon interessant. Schließlich hatte es Rettig in dieser Saison perfektioniert, in diversen Interviews immer wieder kleine Spitzen gegen die Leipziger fallen zu lassen. Es war nie ein Frontalangriff, da ist Rettig Diplomat genug. Doch seine klare Haltung und Abneigung zum Geschäftsmodell RB Leipzig ließ er immer wieder durchblicken, erwähnte mehrfach, dass er eine Lizenzerteilung in der aktuellen Konstellation sehr kritisch sieht. Der Weser-Kurier vermutete schon vor einigen Wochen, dass hier wohl die “feine Hinterzimmer-Diplomatie” zwischen Verein und Ligaverband einen Kompromiss aushandelt, der am Ende eine Lizenz mit Auflagen für RB Leipzig vorsieht. So kam es dann auch. Richtigerweise vermutete das Blatt auch, dass die “juristisch Hintergründe reichlich schwammig wirken”. Letztendlich sind es drei Auflagen für RB Leipzig geworden:

Auflage 1: Ein neues Logo muss her
Klar, Regeln sind Regeln. Aber von den drei Auflagen kann man diese wohl mit größter Wahrscheinlichkeit als Symbolpolitik der DFL abstempeln. Natürlich ähnelt das aktuelle Vereinswappen sehr stark dem Firmenlogo von Red Bull. Das ist weder schwer erklärbar noch eine große Überraschung. Doch was genau würde sich mit einem anderen Logo ändern? Würde damit die intime Verbindung zwischen dem Verein RasenBallsport e.V. und dem Konzern Red Bull weniger greifbar werden? Stadionname, Banden- und Trikotwerbung, Rahmenprogramm, das blanke Wissen um die Hintergründe dieses Vereins – nichts würde sich ändern. RB Leipzig und Red Bull bleiben untrennbar miteinander verbunden. Die Änderung des Vereinslogos wäre hier nur ein ganz kleiner Tropfen auf den (zu) heißen Stein. Erinnert sei an die Anfangsphase des Vereins: Damals spielte man in der Hoheit des Sächsischen Fußballverbandes, dieser lehnte das Logo ebenfalls schon ab – was zur Folge hatte, dass der Verein einfach ohne Logo auftrat. Nach dem Aufstieg in die Vierte Liga genehmigte der DFB das Wappen – jetzt geht der Spaß wieder von Neuem los. So albern diese Auflage auch scheint, in einigen Fankreisen wird diese doch auf Zustimmung stoßen. Etwa bei den Rasenballisten (“Für RasenBallsport, gegen Red Bull”), die in der Vergangenheit schon mehrfach die zu starke Assoziierung des Logos mit dem Geldgeber kritisierten.

Auflage 2: Neubesetzung der Führungsgremien
Diese Auflage ist weit weniger banal und durchaus diskussionswürdig. Im Kern geht es der DFL um die Frage, ob im Verein die oft benannte “50+1 Regel” ausgehebelt wird. Allerdings gilt diese Regelung nur für Kapitalgesellschaften, die aus Vereinen hervorgegangen sind und wo die Mehrheiten weiterhin beim Stammverein liegen. Dagegen argumentiert RB Leipzig, dass man ein Verein im klassischen Sinne sei und kein Interesse habe, den Profifußball in eine Kapitalgesellschaft auszugliedern. Soweit die vermeintlich klare rechtliche Grundlage, nichtsdestotrotz sind natürlich sämtliche Entscheidungsposten von Abgesandten aus Österreich besetzt. Aber eben in einer klassischen Vereinsstruktur.

Auflage 3: Vereinfachte Mitgliedschaft
Die Zahlen wurden zuletzt mehrfach durch die Presse getrieben: 800 Euro Mitgliedschaftsgebühr pro Jahr, dazu kommen 100 Euro einmalige Aufnahmegebühr. Außerdem könne der Vorstand jeden Mitgliedsantrag ohne Angabe von Gründen ablehnen. Das alles soll dazu geführt haben, dass RB Leipzig wohl nur eine einstellige Anzahl von Mitgliedern hat. Interessant aber, dass RB-Geschäftsführer Ulrich Wolter vergangenes Jahr mal von über 250 Mitgliedern sprach. Die Argumentation, man wolle sich Zuständen mit Ultra-Gruppierungen wie in anderen Vereinen entziehen ist natürlich hanebüchen. Der wahre Grund, einen möglichst reibungsfreien Einfluss des Geldgebers zu gewährleisten, liegt klar auf der Hand. Ich bin nun kein Kenner des deutschen Vereinsrechts, aber bei RB Leipzig ist man sich sehr sicher, alle Ansprüche des Gesetzgebers zu erfüllen. Von daher ist es nur logisch, dass man alle Winkel der Gesetze ausschöpft um den von Red Bull verfolgten Zweck zu gewährleisten. Sollte es tatsächlich zu einem Rechtsstreit um die RB-Lizenz kommen, wäre ich auf diesen Punkt besonders gespannt: Was gibt das Vereinsrecht her? Kann die DFL bestimmen, wie ein Fußballverein organisiert sein muss oder ist das schon Anmaßung?

Wenn die Diplomaten aus Verband und Verein schon diesen Auflagen-Kompromiss erarbeitet haben, wird es wohl auch in letzter Instanz bei der endgültigen Vergabe Ende Mai eine Einigung geben. Spannend fände ich eine gerichtliche Auseinandersetzung aber in jedem Fall – weil es wohl wahrscheinlich ist, dass die Auflagen der DFL kaum rechtlich Bestand hätten. Die Frage ist, ob RB Leipzig diesen Weg tatsächlich einschlagen will, denn so etwas kann sich bekanntlich lange hinziehen und zu einem unsicheren Schwebezustand in der Sommerpause führen – nicht nur bei den Leipzigern, sondern auch bei einem potentiellen Nachrückerverein. Den Streit um das Vereinslogo kann man sicher einfach aus der Welt räumen. Eine kreative Idee der Marketing-Abteilung von Red Bull wird da schon eine brauchbare, nicht anfechtbare Alternative hervorbringen. Bei den anderen beiden Punkten bin ich aber gespannt auf die Kompromissbereitschaft des Vereins.

Ärgerlich in diesem Zusammenhang aus Leipziger Sicht ist aber auch die fehlende Einigkeit zwischen DFB und DFL. Gerade in so elementaren Fragen müsste doch zwischen den beiden Verbänden Einigkeit herrschen. Der DFB winkt RB Leipzig samt Vereinsstruktur und Logo in seinen Ligen durch, die DFL stresst mit Hardliner Rettig an der Spitze. Von daher wäre ein gerichtlicher Präzedenzfall sehr interessant – er könnte einige Dinge im deutschen Fußball auf den Kopf stellen.