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Der VfB in der Ergebnis-Krise 21. Oktober 2009

Posted by Max in : Champions League , trackback

Es läuft einfach nicht in Stuttgart. Der VfB verlor gestern Abend sein Heimspiel in der Champions League gegen den FC Sevilla. In jeder anderen Gruppe könnte man sich mit zwei Punkten nach Halbzeit der Spiele voll auf das Erreichen des “Strohhalmes” Europa League konzentrieren, aber in der Stuttgarter Staffel läuft alles anders: Während die Andalusier vorneweg marschieren, sind die Chancen des Teams von Markus Babbel weiter intakt. Das Spiel gegen Sevilla verlief wie so oft: Das Mehr an Chancen reichte nicht aus, um daraus endlich einmal Profit zu schlagen. Der VfB Stuttgart bleibt in seiner (Ergebnis)-Krise hängen.

Dabei hatte das Spiel vielversprechend begonnen. In der Anfangsphase entwickelte sich ein flottes Spiel, was selbst der als Sky-Chefkritiker bekannte Marcel Reif anmerken musste. Zuvor wurde von allen Seiten die Offensivkraft des FC Sevilla gelobt, doch, offensichtlich eingeschüchtert von den bärenstarken Auftritten der Stuttgarter in den letzten Wochen, die verlegten sich zunächst ausschließlich auf eine ungewohnte Kontertaktik. Mit genauen Pässen, schnellem Umschalten und flinker Überbrückung des Mittelfeldes erarbeiteten sie sich einige brauchbare Tormöglichkeiten - doch weder Youngster Julian Schieber noch Jung-Nationalspieler Cacau noch Millionen-Neueinkauf Kuzmanovic vermochten diese zu nutzen. Und so kam das erste Gegentor in genau jene Phase, als sich die Taktik der Sevillaner allmählich zu entfalten begann: Nach einem Eckball stört Hleb den flankenden Adriano nicht entscheidend, Squillaci bekommt noch Begleitschutz durch Boulahrouz und erzielt das bis dahin unverdiente 0:1. Die restlichen Minuten bis zur Halbzeitpause verliefen ereignislos - Stuttgart zeigte zwar Moral und war weiter um konstruktive Aktionen bemüht, aber sie scheiterten immer häufiger am Defensivverbund Sevillas.

Mit dem Seitenwechsel setzte der Gäste-Coach ein Zeichen - allerdings in Richtung Defensive: Verteidiger Duscher wirkte fortan anstelle des zweiten Stürmers Luis Fabiano mit. Das klassische “norwegische” 4-5-1-System verfehlte seine Wirkung nicht. Denn der VfB Stuttgart konnte an den engagierten Auftritt der ersten Dreiviertelstunde zunächst keinen Anschluss finden. Bezeichnend, und letztendlich der nächste Akteur auf der langen Liste von Spielern mit individuellen Fehlern, das Jens Lehmann das 0:2 zu verantworten hatte. Eine abgerutschte Sevilla-Flanke klärte der Goalie ohne Not direkt in die Mitte vor die Füße von Jesus Navas - der freilich keine Mühen scheute und den Ball im leeren Tor unterbrachte. Dieser Gegentreffer versetzte Stuttgart den endgültigen Nackenschlag, die Körperspannung ging völlig flöten. 20 Minuten gab es keine Gegenwehr mehr. Logisch, das auch das dritte Gegentor in dieser Phase fiel: Zu einfach konnte Squillaci mit seinem zweiten Treffer per Kopf den Doppelpack perfekt machen. Wieder ein Gegentor nach Standardsituation, auch wenn es aus einer relativ klaren Abseitsposition erzielt wurde.. Nach 69 Minuten wechselte Babbel mit Hitzlsperger, Pogrebnyak und Elson dreifach ein. Und besonders die Hereinnahme des Brasilianers lohnte sich: Elson belebte das Spiel und konnte mit einem sehenswerten Freistoß zumindest den Anschlusstreffer erzielen. Die letzten Minuten zeigten die Stuttgarter Moral und hatten durch Schieber und Tasci zwei weitere große Chancen.

Wir können jetzt das “Was wäre wenn”-Spiel spielen: Was wäre, wenn Lehmann den Ball vor dem 0:2 wie tausendmal vorher vernünftig geklärt hätte ? - Er hatte alle Optionen, nur diese war nicht dabei. Was wäre, wenn der Schiedsrichter beim zweiten Squillaci-Treffer korrekterweise auf Abseits entschieden hätte? Was wäre, wenn ein Schieber mit Selbstvertrauen den Ball in der 89. Minute freistehend vor Sevillas Torwart einfach eingeschoben hätte? Was wäre, wenn Tasci in der Nachspielzeit nicht die Latte, sondern das Tor getroffen hätte?

Es sind zu viele Fragen, die der große Meister André Siems mit dem wahren Satz “Fußball wird nicht im Konjunktiv gespielt” entkräftet hätte. Die Leistungen gegen Schalke und Sevilla machten zumindest über weite Strecken Mut, das Publikum steht weiter hinter der Mannschaft (außer hinter Hleb, der ausgepfiffen wurde). Doch irgendwann muss der Zeitpunkt kommen, wo die vielen Chancen genutzt werden, die auch gestern wieder statistische Überlegenheit in Resultate umgesetzt wird. Zumindest die Tendenz stimmt aber - und daraus müssen die Stuttgarter jetzt neuen Mut ziehen. Das Auswärtsspiel gegen Hannover kommt jetzt zum richtigen Zeitpunkt. Ein Gegner, der selbst seit Jahren nach konstant guter Form sucht.

Kompliment auch an den FC Sevilla: Nach den zwei UEFA-Pokal-Siegen und ihrem unglücklichen CL-Achtelfinal-Ausscheiden 2008 waren sie ein Jahr von der großen europäischen Bildfläche verschwunden. Neben dem oft zitierten Offensiv-Power kann dieses Team anscheinend auch anders spielen. Abwarten, effektiv. Kontertaktik eben. Der Einzug in die nächste Runde ist so nur noch eine Formsache. Dieser FC Sevilla musste gestern nur einen Bruchteil dessen abrufen, was sie an Qualität auf dem Kasten haben.

Im Parallelspiel der Gruppe blamierte sich Glasgow Rangers mit vier absurd lächerlichen Gegentoren gegen den rumänischen Meister Unirea Urziceni. Für Stuttgart bedeutet das: Alles ist noch offen - Remis in Sevilla und Siege gegen die Rumänen und Rangers, das könnte schon für das Achtelfinale reichen.

Kommentare»

1. Unter normalen anderen Umständen… « angedacht - 21. Oktober 2009

[…] stellt sich die Situation aber etwas anders dar: „Es läuft einfach nicht in Stuttgart.“ In der Bundesliga steckt man im Abstiegskampf, in der Champions League scheinen die Chancen […]

2. hirngabel - 22. Oktober 2009

Sehr gelungene Zusammenfassung und Zustandsbeschreibung der Stuttgarter Situation. Das Spiel *hätte* in der Tat ganz anders laufen können - *ist* es aber leider nicht. Zumindest hat der engagierte Auftritt und die Konstellation in der Gruppe mir ein wenig Mut und Hoffnung gelassen, so dass ich nur leicht frustriert aber nicht enttäuscht und deprimiert aus dem Abend gegangen bin.
In dieser Lage sind es halt schon die kleinen Dinge…

Widerspruch allerdings beim zweiten Gegentor, bei dem Lehmann sicher nicht glücklich aussah, allerdings war der Ball eine derartig krumme Gurke, dass Du da als Torwart eigentlich nur falsch reagieren kannst. Und dass das 0:3 “zu leicht” erzielt werden konnte ist relativ klar, wenn der Stürmer im Abseits steht - aber in diesem Fall mal ausnahmsweise keinem individuellen Fehler der Abwehr geschuldet, die ja in dieser Situation eigentlich alles richtig macht (= niemand hebt das Abseits auf).