Am Tag, als es langsam peinlich wurde 6. Februar 2009
Posted by Max in : Medien , trackbackVor nicht mal einer Woche wagten wir den Blick zurück auf ein mittlerweile eingestelltes Hallenspektakel, dass die in der Spielzeit 1998/1999 so unterträglich lange Wartezeit auf den Rückrundenstart verkürzte. Natürlich vergnügten sich die Spieler abseits des Budenzaubers nicht im Trainingslager - der eigentliche Grund für die zweimonatige Unterbrechung des Ligaspielbetriebes war eine Amerika-Reise, welche die DFB-Auswahl im Februar 1999 zu zwei Spielen in den USA angetreten hatte. Der erste Auftritt heute vor exakt zehn Jahren in Jacksonville gegen die unsere US-Amerikanischen Freunde.
Um den Zustand der Nationalmannschaft war es nicht besonders bestellt. Nach der Weltmeisterschaft 1998 wurde die Chance zum großen Umbruch nicht genutzt, immer offensichtlicher wurde, dass entweder gescheites Spielermaterial fehlte, oder der Trainer überfordert mit der Situation war. Oder die beiden Effekte haben sich einfach nur hochgeschaukelt und verstärkt. Bereits im vergangenen Oktober beschwörte ich deshalb den Tag, an dem dunkle Wolken aufzogen. Nach jenem misslungenen Debüt von Sir Erich Ribbeck gab es noch zwei weitere Spiele, die immerhin nicht in einer Niederlage endeten: Ein dröges 3:1 in Chisinau gegen Moldawien, sowie ein achtbares 1:1 gegen die Niederlande. Noch also war Ribbecks Billanz ausgeglichen, aber schon die USA zeigten am 6. Februar 1999 der deutschen Nationalmannschaft ihre Grenzen auf.
Ein Verjüngungsprozess der schwarz-rot-goldenen Vertretung im internationalen Vergleich hatte auch über den letzten Jahreswechsel im 20. Jahrhundert schlicht nicht stattgefunden. Und so nahm der Tag seinen Lauf, als es mit Blick auf das Nationalteam langsam peinlich wurde. Zur Vergegenwärtigung der Situation genügt ein Blick auf die Aufstellung im Testspiel gegen die USA:
Kahn - Matthäus - Babbel, Rehmer - Ricken, Ramelow, Möller, Jeremies, Zickler - Marschall, Preetz
Welch wohlklingende Namen! Babbel! Rehmer! Möller! Marschall! Matthäus! Doch mindestens drei Namen aus dieser Liste hätten zu diesem Zeitpunkt nicht mehr im Nationalteam stehen sollen, weil sie ihren Horizont entweder schon überschritten hatten oder in absehbarer Zeit der Nationalmannschaft nicht mehr im erforderlichen Sinne weiterhelfen können. Eigentlich war auch Michael Preetz mit seinen 31 Lenzen schon ein paar Tage zu alt, um in dieser Partie sein Länderspieldebüt zu geben. Doch diese Personalie untermauert einerseits meine These, dass im Jahr 1999 einfach nicht genug gescheites Spielermaterial zu finden war, dass einen Prozess der Entkalkung vorangetrieben hätte. Andererseits ist der Fall Preetz auch Ausdruck der Hilfslosigkeit, mit der Erich Ribbeck das Nationalteam leitete. Der Torjäger von Hertha BSC hatte gerade einmal ein gutes Halbjahr in der Bundesliga hinter sich, ganz vorne dabei in der Scorerliste, und die Presse schrie natürlich nach seiner Berufung. Die Sache ist im Rückblick ein ähnlicher Fall wie ein paar Jahre später mit Martin Max, ein echter, deutscher Torjäger, aber eigentlich schon ein bisschen zu alt für ein Debüt. Doch Ribbeck gab Michael Preetz diese Chance und wurde zumindest am 6. Februar dafür nicht belohnt.
Die Aufstellung verrät weiterhin, dass hinter dem Duo Babbel/Rehmer unser Lothar Matthäus immer noch als Libero aufgeboten wurde. Nun knapp 19 Jahre nach seinem Debüt im DFB-Trikot schien er als Abräumer hinter der Innenverteidigung das letzte Relikt vom Weltmeistertitel. Doch helfen konnte er der Mannschaft nicht wirklich. Interessant auch, was Alex Zickler im Mittelfeld zu suchen hatte?
Die Geschichte vom Spiel selber ist schnell erzählt, und doch kurios. Nach 16 Minuten eröffnete Kirovski das Feuerwerk, acht Minuten später erzielte Sanneh das zweite Tor, ehe Reyna nach 26 Minuten den 3:0-Endstand herstellte. Das Ergebnis war die eine Sache. Doch bemerkenswert war auch: Alle drei Torschützen verdienten damals ihr Geld in der Bundesliga: Claudio Reyna beim aufstrebenden VfL Wolfsburg, Tony Sanneh in Berlin bei der Hertha, und Jovan Kirovski in der zweiten Liga bei Fortuna Köln, wohin er aus Dortmund ausgeliehen war. Noch jetzt höre ich die Stimme meines Vaters: “Das haben sie nun davon, holen sich die Spieler nach Deutschland und machen sie stark, und jetzt treffen sie hier gegen uns.” Diese Einschätzung des Fussball-Laien enthält natürlich keinen Funken Wahrheit und spiegelte doch so treffend den Tenor der Medien in den Tagen darauf wieder.
Drei Tage später stand in Miami ein Spiel gegen Kolumbien auf dem Plan. Ribbeck verzichtete auf den Libero, spielte stattdessen mit Lothar, Wörns und Rehmer auf einer Linie. Allerdings setzte es wiederum drei Gegentreffer. Die Zeit der Experimente begann aber erst richtig, und das sehr abenteuerlich: Drei - so würden wir heute sagen - “Sechser” mit Babbel, Jeremies und Bode (???). Davor drei Mittelfeldspieler (Neuville, Möller, Reich) und als einzige Spitze Michael Preetz. Immerhin traf Preetz zweimal und ein weiteres Tor von Marco Bode beschehrte immer ein Remis. Für den genannten Marco Reich war es sein bis zum heutigen Tag erstes und einziges Länderspiel. Bei seiner aktuellen Tätigkeit in der dritten englischen Liga sollten seine Chancen auf einen weiteren Einsatz auch eher gering sein. Damit ist er neben Michael Preetz der einzige Nationalspieler, der seine ganze Länderspielkarriere auf dem amerikanischen Kontinent absolvierte.
Michael Preetz durfte im Juli noch einmal beim Confed-Cup in Mexiko spielen. Dort gab es auch ein Wiedersehen mit den USA. Darüber berichte ich aber zu gegebener Zeit …
Kommentare»
schöner Artikel, allerdings nicht immer ganz stimmig. Sicher standen die Zeichen zu Ribbecks Zeitn alles andere als auf Verjüngung, allerdings muß man zu dessen Verteidigung hinzufügen, das es auch noch nicht zum “Geist” gehörte, mit Jungspunten zu experimentieren.
Ebenso die ist die Einschätzung Deines Vaters nicht ganz inkorrekt. Wenn Spieler von wo auch immer in die Bundesliga kommen, haben sie in jedem Fall mindestens die Möglichkeit, sich weiter zu entwickeln - und das mit deutschem know how. “Wir” haben sie also doch ein klein wenig stärker gemacht. Acuh wenn ausländische Trainer ihre Hand im Spiel hatten.
Ich mach mal den Besserwisser: es muss doch “beschwor” statt “beschwörte” heißen, oder ist das ein Stilmittel?
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