Schalke und Werder torkeln durch Europa 28. November 2008
Posted by Max in : Champions League, Europa League , trackbackDie letzten Tage war es etwas ruhig hier. Zwischen lauter Transformationen, Schaltvorgängen und Frequenzkennlininien findet man leider kaum Zeit, über den Fussball zu schreiben. Den Grundvorraussetzung ist, ein Spiel auch zu sehen, und genau das war das einzige, was in den vergangenen fünf Tagen das höchste Ausmaß der Gefühle für uns war. Ein Ende des vorweihnachtlichen Stresses ist in Sicht, ab Mitte nächster Donnerstag entspannt sich das Pflichtprogramm doch entscheidend und bringt auch wieder mehr Zeit, um den Blog mit Leben zu erfüllen. Damit hier wenigstens einige Zeilen stehen, möchte ich wenigstens noch einmal zurückblicken auf verschiedene Eindrücke aus Champions League und UEFA-Pokal.
Während der FC Bayern am Dienstag seine Pflichtaufgabe gegen Steaua Bukarest souverän erledigte, verabschiedete sich der Vizemeister aus Bremen, der SV Werder, vorzeitig aus der Champions League. Gegen Anorthosis Famagusta reichte es nur zum glücklichen 2:2, im Parallelspiel setzte sich überraschend Panathinaikos Athen bei Inter Mailand durch. Über weite Strecken der Partie hatten die Bremer zwar mehr Spielanteile, die besseren, zwingenderen Chancen jedoch habe ich bei den Zyprern gesehen. Diese überzeugten mit ihren Stürmern Savio und Hawar durch ein schnelles, direktes Konterspiel. Dieses war von einem Tempo geprägt, was selbst Werder in seinen besten Jahren nicht besser hätte spielen können. Nach dem 1:0 durch einen Eckball hatten sie kurz darauf eine weitere großartige Chance, die beinahe das zweite Tor hervorgebracht hätte. Nur wenige Augenblicke später war es soweit, ein erstklassiger Spielzug ließ die Bremer Abwehr ganz alt aussehen. Gerade bei diesem zweiten Gegentreffer offenbarte sich dem Zuschauer ein desaströses Bild, kein Bremer konnte mit der Geschwindigkeit seines Gegenspielers Schritt halten, sodass im Endeffekt drei Zyprer frei vor dem Werder-Tor auftauchten. Erst die späten Tore durch Diego und Almeida drehten das Spiel, bedingt auch durch einen kleinen Kräfteeinbruch der Hausherren.
Nun möchte ich nicht ohne Einschränkungen in den Tenor von Premiere-Reporter Marcel Reif einstimmen, der rigoros einen Trainerwechsel an der Weser forderte. Man muss jedoch konstatieren, dass die generelle Entwicklung momentan eindeutig stagniert. Im Sommer wurde auf dem Transfermarkt keine Investition getätigt, die dem Verein entscheidend weitergeholfen hat, und nach dem Desaster mit Carlos Alberto wird man wohl erst einmal von größeren Transfersummen absehen. Ich bin kein Verfechter der These “Stillstand bedeutet Rückschritt”, aber auch mir fehlte zuletzt in Bremen - und ich denke auch das hat Marcel Reif nur sagen wollen - der letzte unbedingte Wille, auf Titeljagd zu gehen. Der Verein hat großes Potential, doch man versuchte, nach der Meisterschaft 2004 immer im gleichen Modus weiterzuführen. Dabei tritt ein Verschleiß und Qualitätsverlust im Kader ein, was ein ganz normaler Vorgang ist. Es wirkt aber auf einen Außenstehenden einfach mit der Zeit etwas nervig, wenn gebetsmühlenartig darauf hingewiesen wird, dass man mit den Möglichkeiten einfach nicht mithalten kann. Konkret: Es fehlen Impulse von außen, ein neuer frischer Wind durch vielleicht zwei oder drei gezielte Neuverpflichtungen, die den Etablierten im Aufgebot etwas Feuer machen. Ein Trainerwechsel jedoch ist dabei der völlig falsche Weg.
Das Thema Transfer-Politik war sicher auch ein Grund, weshalb die Fans auf Schalke gestern Abend im Spiel gegen Manchester City mit ihren Rufen am Stuhl des Managers Andreas Müller sägten. Dank einer desaströsen Leistung der königsblauen Elf stellte sich alsbald eine Endzeitstimmung ein, wie ich sie erst vor kurzem in Leipzig erlebt habe: Gelungene Aktionen des Gegners werden ebenso beklatscht wie Fehlpässe der eigenen Mannschaft. Da nützt es auch nicht, wenn Trainer Rutten anschließend bekennt: “Die Fans hatten Recht.” Die Gemengelage in Gelsenkirchen ist aber eine andere als in Bremen. Der Kader krankt daran, dass er schon seit Jahren mit einem völlig ungeeigneten System bespielt wird. Ein offensives 4-3-3 können nur wenige Vereine spielen, nämlich diese, die auf den Flügelpositionen hochklassige Spieler vorweisen können. Die Probleme tauchen dann auf, wenn sich die verfügbaren Spielern bestenfalls mit dem Prädikat “gut” versehen lassen. Und genau da sehe ich ein Problem: Nicht die Abwehr ist ein Faktor für die wenig befriedigenden Schalker Leistungen, es gibt allerdings kaum offensive Impulse. In den letzten Jahren wurden massig Flügelstürmer ausprobiert, eingeschlagen jedoch hat keiner von ihnen. Im Zentrum ist Kevin Kuranyi unbestrittener Alleinunterhalter, oft verzweifelt ohne Chance gegen die gegnerischen Abwehrreihen, zudem leicht zu verunsichern und mit einem schwierigen Standing bei den Fans. An guten Tagen kann Schalke zwar tolle Spiele zeigen und begeisternden Fussball zeigen, zu leicht aber lässt sich das Spiel der Knappen auch lähmen. Der Gegner muss meist nur an wenigen Schlüsselstellen ansetzen, um den Nerv zu treffen.
Wahrscheinlich wäre auch Anorthosis Famagusta eine Mannschaft, mit der Schalke große Probleme hätte. Beeindruckt von deren Leistung am Dienstag möchte ich den Zyprern im doppelten Exil noch einige Sätze widmen. Es ist gewiss keine einfache Situation, seit knapp dreißig Jahren aus der Heimatstadt (Famagusta) in das Interimsstadion nach Larnaca vertrieben zu sein. Für die Champions League geht die Reise noch ein bisschen weiter, in die Hauptstadt Nikosia. Dennoch herrschte im GPS-Stadion eine tolle Stimmung - klein, aber fein. Die Spielweise baut aus einer kompakten Defensive auf, und mündet, wie bereits oben beschrieben, in raschen Kontern. Doch gerade die Art und Weise, wie sich Anorthosis über mehrere Stationen und schnellen Pässen zum Tor des Gegners hangelt, war mitreißend. Technisch sind dort alle Spieler sehr gut geschult, kaum ein Ball verspringt. Liegt man dann erst einmal vorne, spielt es sich auch gleich viel leichter. Überraschend war auch, dass Trainer Temuri Ketsbaia beim Stand von 0:0 einen zweiten Stürmer einwechselte, womit er fast das Spiel zu seinen Gunsten entschieden hätte. Lediglich der Substanzverlust in den letzten zehn Minuten und die schwache Chancenauswertung verhinderten einen weiteren Heimsieg. Ich wünsche nach Werders Ausscheiden den Zyprern den Einzug in das Achtelfinale, auch wenn es in Athen sehr schwer wird. Doch alleine schon aufgrund der tollen Spielweise sollte sich Famagusta durchsetzen!
Soweit ein kurzer Rückblick und Analyse der Probleme von Schalke und Bremen. Ich wünsche allerseits einen angenehmen Start in das erste Adventswochenende - Lasst die Kerzen brennen!
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