Die EURO-Analyse 4. Juli 2008
Posted by Max in : EM 2008 , trackbackAndreas Renner hat es schon getan, ebenso Felix von Medien-Sport-Politik. Zum Ausklang einer Europameisterschaft gehört aus Sicht eines Bloggers natürlich auch eine zünftige Analyse. Jetzt, fünf Tage nach der Finalniederlage der deutschen Mannschaft in Wien, ist auch hier der Zeitpunkt dafür gekommen. Gleich vorweg: Anders als bei der WM 2006 bin ich diesmal nach dem Ende der Titel-Hoffnungen nicht sehr enttäuscht. Gemessen an der Spielweise und dem relativ dünn besetzten Kader hat unsere Elf das Optimale herausgeholt, und gescheitert ist man am Ende nur am mit Abstand besten Team des Wettbewerbes.
Damit möchte ich auch gleich zu denen kommen, die dieser Europameisterschaft ihren Stempel aufgedrückt haben, Spieler und Mannschaften. Mit den Spaniern hatte ich kein so schlechtes Gefühl, als ich bereits vor dem Turnier in meinem Umfeld selbstbewusst verkündet hatte, dass ich mit den Iberern heuer besonders stark rechne. Größtes Plus war die Spielstärke, die aus einem auch in der Breite qualitativ hochwertigen Kader resultiert. Zudem blieben Streitigkeiten innerhalb der einzelnen Fraktionen und Blöcke in der Mannschaft aus, als Resultat bleibt der erste große Titel seit 44 Jahren. Besonders Fernando Torres drückte dem Turnier seinen Stempel auf. Zuvor noch von Sturmkollegen David Villa in den Schatten gestellt, bereitete er den DFB-Verteidigern im Endspiel große Probleme und erzielte zudem den entscheidenden Treffer. Auf dem Weg zum Titel besiegten die Spanier auch zweimal Russland - was sonst keinem Team gelungen ist. So setzt sich jetzt auch mit der Nationalmannschaft ein Trend fort, der im Europapokal mit zwei Titelgewinnen in drei Jahren bereits deutlich wurde - mit Hilfe von finanzstarken Investoren befindet sich der Fussball im ehemaligen Ostblock stark im Aufwind. Bei der EM wurden einige interessante Spieler bekannt: Arshavin, Pogrebnyak oder auch Bilyaletdinov. Über kurz oder lang wird deren Weg wohl in die europäische Spitze führen, auch wenn die heimischen Millionen vermehrt die Talente von einem Abgang nach Mittel- und Westeuropa fernhalten. Als dritte Mannschaft unter den Überraschungen steht für mich die Türkei auf dem Zettel: Die Bosporus-Kicker überzeugten wahrlich nicht mit großer Fussballkunst, aber ihr dreimaliges Comeback in letzter Minute machte ihre Spiele zu besonderen Highlights. Klar, dass sie auch beim kuriosesten Spiel des Turnieres dabei waren, bei der Wasserschlacht von Basel. Defensive Schwächen und das Handicap der Rotsperre von Torwart Volkan konnten dann aber gegen Deutschland nicht kaschiert werden. Doch nach der WM 2002 war es bereits der zweite Achtungserfolg der Türken, die alleine durch ihre Kampfkraft immer wieder unerwartete Dinge erreichen können.
Positiv anmerken möchte ich auch, dass ich den kontinuierlichen Trend zum offensiven Fussball mit großer Zufriedenheit erkannt habe. In der Vorrunde brauchte es nicht einmal eine Hand, um die schwachen Spiele abzuzählen. Ab dem Viertelfinale waren die Matches weitestgehend von Taktik geprägt, aber immer spannend und die Begegnungen Niederlande-Russland und Russland-Spanien haben dann auch wieder voll überzeugt. Nach dem griechischen Titel 2004, Italiens Weltmeisterschaft 2006 und Milans Titel-Gewürge 2007 ließ mich langsam verzweifeln, die Suche nach dem Guten im Fussball zu bewältigen. Schon die vergangene CL-Saison, nun die Europameisterschaft: Der Trend zeigt eindeutig Richtung Offensive. Dabei fällt auf, dass immer mehr Mannschaften die perfekte Mischung zwischen attraktivem Spiel und kontrollierter Defensive finden, ohne dass dies gleich italienische Züge annimmt.
Apropos Italien - die gehörten natürlich zu den Enttäuschungen. Als amtierender Weltmeister fast das Ausscheiden in der Vorrunde, dann die nicht minder peinliche Vorstellung mit dem abrupten Ende im Viertelfinale. Doch dieses Abschneiden wundert mich nicht so sehr, die Entwicklung im italienischen Fussball ist seit der WM vor zwei Jahren stehen geblieben. Zu alt, zu wenig Ideen - einfach langweilig. Größte Enttäuschung für mich aber war Tschechien, die in einer eigentlich lösbaren Gruppe schon früh die Segel streichen mussten. Der Ausfall von Rosicky konnte nicht adäquat abgefangen werden, die Nürnberger Leistungsträger Koller und Galasek schleppten ihren Abstiegskrampf mit auf den Platz. Desweiteren konnte auch Frankreich nicht an die hohen Erwartungen anknüpfen, doch auch hier gilt: Kaum neue Akzente seit dem Finale von Berlin. Stillstand allenthalben. Beliebig erweitern möchte ich diese Liste nicht, denn im Grunde ist klar: Drei Gruppensieger haben sich zuvor souverän durchgesetzt, und kapitulierten schon im Viertelfinale - Portugal, Kroatien und die Niederlande.
Negativ erwähnen möchte ich auch die Schiedsrichterleistungen bei diesem Turnier. So schwer das Pfeifen in der heutigen Zeit sein mag, es waren teilweise sehr krasse Fehlentscheidungen dabei, die auf diesem Niveau nicht passieren sollten. Quasi jeder Schiedsrichter leistete sich einen Leistungsausreißer nach unten, das ganze gipfelte in der Willkür des spanischen Selbstdarstellers Manuel Mejuto Gonzalez. Und warum die UEFA als vierte Offizielle zunächst unerfahrene Leute einsetzt, bleibt auch ein Rätsel. Als ab dem Viertelfinale auch nominelle Hauptschiedsrichter den vierten Mann mimten, lief die Sache einfach wesentlich kontrollierter und besser.
Zum Abschluss nun die kurze Auswertung dessen, was Moritz und ich vor dem Turnier erwartet hatten. Am Abend vor dem Start der Europameisterschaft legten wir uns auf Favoriten und Topstars fest (Link). Mit dem EM-Favoriten Deutschland lagen wir beide nicht ganz falsch, auch wenn es ja bekanntlich dann nicht ganz reichte. Völlig daneben ging auch die Prognose für Frankreich als zweiten Namen auf der Favoritenliste. Immerhin landete ich mit dem dritten Schuss Spanien einen Volltreffer, während die Schweiz, getippt von Moritz, eher ein Griff in das Klo war. Die Frage nach der Richtung Einschätzung zwecks EM-Topstar lässt sich schnell beantworten: “Mein” Fernando Torres gehört sicher eher dazu als Karim Benzema. Wenngleich ich resümieren muss, dass kein Spieler durchgängig voll überzeugen konnte. Spanien war mannschaftlich geschlossen, kaum jemand hatte einen schlechten Tag, es hat einfach gepasst.
Meine Meinung zum besten EM-Spiel aller Zeiten (Portugal-England 2004) möchte ich nicht revidieren. Es waren heuer viele großartige Spiele dabei, auch spannende, dramatische, jedoch reicht aus meiner Sicht nichts an jenes Spiel von 2004 heran. Als besonders einprägender Moment wird von diesem Turnier die Wasserschlacht zwischen der Türkei und der Schweiz haften bleiben, ebenso die Abende, als die Niederländer in beeindruckender Manier Italien und Frankreich zerlegten.
Damit möchte ich nun die Kategorie “EM 2008″ beschließen. Hier wird es nur noch dann etwas geben, wenn es überraschende Nachwehen geben sollte. Ich freue mich schon jetzt auf die Europameisterschaft 2012 in Polen, Ukraine, Italien, Spanien - oder wo auch immer. Ab dem ersten Länderspiel der Deutschen der neuen Saison im August gegen Belgien wird alles turnierrelevante unter “WM 2010″ abgelegt. Ich wünsche ein angenehmes Wochenende!
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