Auer Absturz

Posted by Max on Dezember 19, 2014
Bundesliga, Nordostfussball

Er hat es wieder getan: Jakub Sylvestr erzielte auch im Rückspiel gegen den FC Erzgebirge Aue den entscheidenden Treffer zum 1:0-Sieg für seinen neuen Arbeitgeber 1. FC Nürnberg. Ein klarer Fall von „ausgerechnet Sylvestr“. Bis zum Sommer spielte der Slowake zwei Jahre lang im Erzgebirge und trug dort als Torjäger maßgeblich zu zweimal Klassenerhalt bei. Jakub Sylvestr steht für eine bessere Zeit im Erzgebirge, denn aktuell mühen sich seine ehemaligen Mitspieler und Sturm-Nachfolger vergeblich darum, eine zweitligataugliche Mannschaft darzustellen.

Die Saison ging schon denkbar schlecht los: Noch unter Trainer Falko Götz gab es vier Niederlagen an den ersten Spieltagen im August. Zweimal knapp auswärts (Nürnberg, Leipzig), aber vor allem auch zweimal ziemlich heftig im eigenen Stadion – 1:5 gegen Bochum, 0:3 gegen Düsseldorf. Den Mechanismen des Geschäfts folgend wurde Götz entlassen, aber auch Präsident Lothar Lässig trat von seinem Amt zurück. Die Lücke wurde geschlossen mit Helge Leonhardt, Bruder von Uwe Leonhardt, der von 1992 bis 2009 bereits Präsident beim FC Erzgebirge war. Der neue starke Mann im Verein präsentierte sich vom ersten Moment als Draufgänger mit klaren Worten, klaren Positionen. Einen „Karacho-Plan“ kündigte er an, damit der Verein schnell wieder aus der Talsohle herauskommt. Und gleich mit seiner ersten Entscheidung sorgte er dann auch für eine große Überraschung: Tomislav Stipic wurde verpflichtet, ein bis dato unbekannter Nachwuchstrainer aus Ingolstadt.

Es folgte die bislang beste Phase dieser Saison. Zwar gab es auch unter Stipic zunächst eine Niederlage gegen die Überflieger aus Darmstadt, doch die Mannschaft präsentierte sich schnell verändert, frischer und kreativer. Drei Heimsiege in Folge gegen St. Pauli, Aalen und 1860 München, dazu Remis in Ingolstadt, Sandhausen und Frankfurt hievten die Veilchen für eine Weile aus der direkten Abstiegszone. Doch die Form der Früherbst konnte das Team nicht halten, der bis heute letzte Sieg datiert vom 19. Oktober (gegen 1860), seitdem gab es in acht Spielen nur drei Punkte. Teils unglückliche Punktverluste zwar, gegen Heidenheim etwa vergab das Team reihenweise gute Möglichkeiten, aber nur von einer Ergebniskrise zu reden, reicht nicht.

Leonhardt und Stipic, das wurde schnell klar, ist kein normales Duo. Der junge Trainer Stipic, ein Mann mit interessanten Ideen und Ansichten, die ja zumindest in seiner ersten Phase Erfolg hatten. Soviel wurde in den drei Monaten ihrer Zusammenarbeit klar: Stipic ist Leonhardts Mann. Beide präsentieren sich als Einheit und schlagen verbal in eine ähnliche Kerbe. Der eine (Leonhardt) etwas lauter, der andere (Stipic) eher sachlich. Die Frage jedoch ist, ob insbesondere das harte Draufgehen von Leonhardt in der aktuellen Situation wirklich förderlich ist. Vor dem Spiel am vergangenen Wochenende gegen Heidenheim gab er bei Sky ein für mich bemerkenswertes Interview. Leonhardt äußerte sich dort mit klaren Worten zur aktuellen sportlichen Situation:

Der Kader wurde umfangreich analysiert von Stipic und Co. Wir haben ein Rating gemacht über jede Person. Deshalb kann ich jetzt nicht über Personen sprechen, wenn wir noch drei Spiele haben. Das ist auch eine Frage, wie geht man mit dem Kader um, wie geht man mit der Perspektive um, du hast einen Bestand, im Ernstfall würde ich auch den Kaderstamm verkleinern und würde mit denen weiterarbeiten, die die Fights hier annehmen im Erzgebirgsstadion, die unsere Tugenden annehmen. Wir brauchen hier jetzt keinen schönen Fußball zu spielen, wir müssen draufdreschen, wir müssen ein Zeichen setzen. Damit unsere Fans uns die Treue halten, aber nicht nur wegen den Fans, wir werden dann auch Erfolg haben. Da bin ich mir sicher. Wir haben ein klares Rating und wir haben eine Perspektive. Und die Perspektive heißt Veränderung.

Ich halte es in einer solchen Lage, wie sich der FC Erzgebirge derzeit befindet, nicht für besonders klug, offen über ein mannschaftsinternes Rating und daraus abzuleitenden Veränderungen zu reden. Insbesondere unter dem Aspekt, dass Aue mit bisher 24 Spielern inklusive Ersatztorwart im Vergleich zu anderen Zweitligateams nicht auffällig viele Spieler im Kader hatte. Der Stamm besteht aus zehn Spielern, die bisher bei mindestens 16 der 18 Partien mitgewirkt haben. Alle diese Spieler standen auch gegen Heidenheim in der Startformation, wo sich Trainer Stipic direkt im Anschluss an die Leonhardt-Aussagen folgendermaßen äußerte:

Wir haben heute eine richtig gute Aufstellung. Wir haben eine Mannschaft zusammengestellt, die in der Lage ist dieses Spiel zu gewinnen. […] Wir sind aktuell Tabellenletzter, haben aber eine bessere Stimmung als unser Tabellenplatz aussagt. Wir sind auf dem Weg, wieder ein Team zu werden. In den letzten Spielen […] haben wir allen Spielern das Vertrauen gegeben, auch im Wettkampf zu spielen, um sie dann auch zu sehen, zu begutachten. Jetzt haben wir uns heute für diese elf Spieler entschieden, die das absolute Vertrauen haben – und natürlich auch die Qualität.

Rating erstellt, alle Spieler im Wettkampf getestet, und trotzdem den gleichen Stamm wie im großen Teil der Saisonspiele auf dem Feld? Da stellt sich dann schon die Frage, welche Veränderungen Leonhardt konkret meint. Welche Spieler den Kaderstamm verlassen sollen um diesen zu verkleinern. Zumal Stipic seinen Stammspielern – wenn auch nur im Nachsatz – explizit Qualität zugesprochen hat. Das wird wohl eine spannende Wintertransferperiode im Erzgebirge, sicher auch wieder mit interessanten Aussagen des Duos Leonhardt/Stipic.

Gegen Heidenheim endete das Spiel übrigens 1:1. Der Optimismus von Stipic vor dem Spiel wurde zumindest dahingehend bestätigt, dass Aue dort seine beste Leistung seit einigen Wochen zeigte. Nun bleibt noch am Sonntag die Chance in Bochum den Abstand auf die Nichtabstiegsränge (vier Punkte) bzw. den Relegationsplatz (drei Punkte) bis zur Winterpause zu verringern.

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