Aufstieg und Erinnerung

Posted by Max on Mai 04, 2014
Nordostfussball

Jetzt ist es also geschehen. RB Leipzig schafft durch ein locker-leichtes 5:1 gegen den bereits abgestiegenen 1. FC Saarbrücken vor mehr als 40.000 Zuschauern den Aufstieg in die Zweite Bundesliga. Wenn dort am 1. August die neue Saison beginnt, wird dann erstmals seit 16 Jahren wieder eine Mannschaft aus Leipzig dabei sein.

Rückblick: Am 7. Juni 1998 verpasst der VfB Leipzig durch ein 0:0 am letzten Spieltag gegen die SG Wattenscheid 09 den Klassenerhalt. Ein Sieg in diesem direkten Duell hätte gereicht, und die Bochumer wären abgestiegen. Es war jedoch bis heute das letzte Lebenszeichen des Leipziger Fußballs in den beiden höchsten deutschen Spielklassen. Damals mit dabei und eingewechselt: Ronny Kujat. Ein Leipziger Fußballurgestein, der zehn Jahre später auch in der ersten Saison von RB Leipzig noch dabei war – und heute noch für den Verein arbeitet. Kujat steht wohl wie kaum ein Zweiter für die Wandlung des Fußballs in der Messestadt in den letzten 20 Jahren: Mit dem VfB Leipzig aus der Bundesliga abgestiegen. Aus der Zweiten Liga abgestiegen. Auf- und Abstiege mit dem FC Sachsen Leipzig. Gründungsmitglied einer neuen Zeitrechnung in Markranstädt, den Geburtshelfern von RB Leipzig.

Während meine Erinnerung an Ronny Kujat noch sehr lebendig ist, habe ich die Fakten zum Entscheidungsspiel im Sommer 1998 eben nachschlagen müssen. Mein Interesse für den Fußball entstand erst kurz darauf, irgendwann im Verlauf der Weltmeisterschaft in Frankreich. Den letzten Kick gab das Finalspiel mit den überragenden Franzosen. Natürlich schaut man sich danach schnell nach Fußball in der Heimatstadt um. Was es in den nächsten Jahren zu sehen gab, war eher ernüchternd. Im Jahr nach dem Abstieg gelang dem VfB fast der direkte Wiederaufstieg. Doch schon bald mehrten sich die Anzeichen in Richtung Insolvenz, und so führte der Weg trotz Platz 9 im Jahr 2000 per Zwangsabstieg in die Oberliga. Vier weitere Spielzeiten quälte man sich dort mit den Folgen des vorherigen Insolvenzverfahrens und offensichtlicher Inkompetenz in der Vereinsführung bis zur letztendlichen Vereinsauflösung. Der kurz darauf neugegründete 1. FC Lokomotive Leipzig konnte nie mein Interesse wecken und kämpft heuer wohl erfolglos für den Klassenerhalt in der viertklassigen Regionalliga. Chronische Liquidiätsprobleme und Streitigkeiten in der Vereinsführung sind auch hier eher die Regel statt eine Ausnahme.

Für den FC Sachsen Leipzig lief es nicht wirklich besser. Die Chemiker – in Anspielung auf die zu DDR-Zeiten real existierende und heute als Kopie auflaufende BSG Chemie – spielten nach der Wiedervereinigung nie in der ersten oder zweiten Bundesliga, waren 1995 aber zumindest nah dran. Ab 1998 führte der Weg aber auch im Stadtteil Leutzsch stetig nach unten. Trotz eines hart erkämpften Klassenerhalts in der damals drittklassigen Regionalliga musste der FC Sachsen zwangsabsteigen. Nachfolgend gab es diverse erfolglose Bemühungen: Trainer wie Wolfgang Frank oder Eduard Geyer versuchten ihr Glück, selbst Rolf-Christel Guié-Mien spielte für einige Zeit in Leipzig. 2007 klopfte dann erstmals Red Bull in Leipzig an – die Übernahme scheiterte unter anderem an einer fehlenden Einigung bzw. zum Verbot der Umbenennung des Vereins. Weiter: Abstieg, Finanzprobleme, Zuschauerschwund – unter anderem, weil der Verein im Nachwuchsbereich eine Kooperation mit RB Leipzig anstrebte – letztendlich auch hier die Auflösung des Vereins 2011.

Das ist die Geschichte des Leipziger Fußballs, die ich seit 1998 kenne. Obwohl ich mich emotional den Grün-Weißen aus Leutzsch verbunden fühlte, haben mich all diese Umstände in die Arme des Bundesliga-Dinos HSV getrieben. Kurios und ernüchternd, dass es auch hier die Finanzgeschichte derzeit ähnlich läuft wie in Leipzig zwischen 1998 und 2011.

Epilog: Ich wurde in letzter Zeit hin und wieder gefragt, wie ich eigentlich zu RB Leipzig stehe. Nun bin ich zwar lange kein Fan des Vereins, aber zumindest ein Sympathisant. Auch wegen der eben erklärten Geschichte. Ich kenne keinen Zweitligafußball in der Stadt mehr, von Bundesligaspielen ganz abgesehen. Dazu musste ich zeitlebens mindestens die zweihundert Kilometer nach Berlin fahren. Natürlich wäre es auch mir lieber, einer der nicht mehr existierenden Leipziger Traditionsvereine würde jetzt an der Stelle von RBL stehen – doch die Geschichte hat einen anderen Weg vorgesehen. Mit dem Weg der sportlichen Entwicklung seit dem Wirken von Ralf Rangnick kann ich mich identifizieren, während ich RB vorher auch durch die Transferpolitik „Altstars kaufen“ eher kritisch sah. Solange man beim Verein eine klare Entwicklungslinie verfolgt – wie übrigens auch in Hoffenheim oder seit Allofs auch in Wolfsburg – werde ich über solche Diskussionen nur lächeln können oder auch über diese bösen Androhungen hinwegsehen.

Tags: , ,

3 Comments to Aufstieg und Erinnerung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *