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Die Sache mit Hecking 28. Dezember 2012

Posted by Max in : Bundesliga , trackback

Stell dir vor, du bist ein sogenannter Traditionsverein. Rekordabsteiger zwar gemeinsam mit Arminia Bielefeld, aber gerade dabei – im Gegensatz zur drittklassigen Arminia – dich wieder in der Bundesliga zu etablieren. Endlich hast du einen Trainer gefunden, der die bescheidenen finanziellen Mittel ideal mit den vorhandenen Ressourcen aus dem eigenen Nachwuchs verknüpft. Und dann kommt direkt vor Weihnachten der vom größten deutschen Automobilhersteller fremdgelenkte VfL Wolfsburg daher und nimmt dir diesen Coach kurzerhand von der Gehaltsliste. Frohes Fest!

Es wirkt schon bizarr, dass der eigentlich als ruhig und besonnen geltende Hecking plötzlich den Schritt nach Wolfsburg wagt. Ein Verein, der nach dem Abgang von Wolfgang Wolf 2003 nie zur Ruhe gekommen ist. Zwar feierte man kurzzeitig große Erfolge, aber nachhaltig waren diese Ergebnisse nie. In der Reihe mit Jürgen Röber, Eric Gerets, Holger Fach, Klaus Augenthaler, Felix Magath, Lorenz-Günter Köstner, Steve McClaren und Pierre Littbarski ließt sich Dieter Hecking nur wie ein weiterer Kandidat einer langen Streichliste mit dem Titel “Gescheitert in Wolfsburg”.

Dieses Gefühl, dass sich bei einem scheinbar unvorstellbaren Trainerwechsel einstellt, ist nun auch bei Hecking da. Unvorstellbar im Sinne von “das kann nicht funktionieren.” Dieses Gefühl, dass ich einst übrigens auch mal bei Jürgen Klopp und Dortmund hatte. Dieses Gefühl, welches sich einstellt, wenn bei einem Trainerwechsel nicht die Wahl auf einen der “üblichen Verdächtigen” Marke “Retter” oder “Feuerwehrmann” fällt, sondern der langjährige Coach eines anderen Vereins verpflichtet wird. Geprägt wird das Gefühl davon, dass hier eine Gewohnheit aufgebrochen wird, zum einen natürlich – und das ist einschneidend – beim abgebenden Verein, zum anderen in den Köpfen der Fussballfans und -experten.

Ein seltsames Gefühl also, und jetzt reden wir gleich wieder davon, dass VW mit seinen Millionen mit unlauteren Mitteln kämpft, und Hecking letztendlich dem Ruf des Geldes erlegen ist. Aber bringen wir nicht für jeden Kollegen oder gar Verwandten Verständnis auf, der seine Arbeitsstelle bei einem kleinen mittelständischen Unternehmen aufgibt, wenn er die Chance bekommt bei einem Branchenprimus zu arbeiten und dort ganz andere Möglichkeiten aufgezeigt bekommt? Wer würde nicht zu Mercedes-Benz gehen und fortan den Lieferanten die Konditionen diktieren – dabei wie selbstverständlich auch noch mehr Geld kassieren – anstatt den emsigen Produktionsleiter mit 50-Stunden-Woche und ständigem Wettbewerbsdruck bei eben diesem Zulieferer zu geben?

Nähern wir uns dem Hecking-Transfer aber mal noch von einer anderen Seite an: Schon erstaunlich, dass dies tatsächlich die erste Trainersuche von Klaus Allofs war. So wie man ihn als Manager in Bremen kennengelernt hat, ist die Wahl Hecking eigentlich schon wieder verständlich. Ein großer internationaler Name hätte eigentlich ebenso wenig gepasst wie ein klassischer Ein-Zwei-Jahre-Trainer. Hecking stand in Nürnberg mit bescheidenen Mitteln für Kontinuität und Erfolg, so wie es auch bei Allofs und Schaaf an der Weser viele Jahre war.

Umso interessanter fand ich die Tatsache, dass Allofs offenbar zuerst mit Bernd Schuster verhandelte. Oder verhandeln musste? Schließlich war Schuster schon mehrfach im Gespräch und gilt als persönlicher Freund von VW-Aufsichtsrat Sanz. Ob sich letztendlich Allofs durchgesetzt hat und Rückgrat bewies, oder der lange verhandelte Vertrag mit Schuster aus anderen Gründen nicht zustande kam – wir werden es wohl nie erfahren, es sei denn, Allofs schreibt mal ein Enthüllungsbuch. Komisch bleibt nur das Timing, nach Allofs’ Amtsantritt erst wochenlang Interimscoach Lorenz-Günter Köstner hinzuhalten, dann offiziell und lange mit Schuster zu verhandeln und letztendlich den gefühlten Schnellschuss mit Hecking abzufeuern. Doch diese Kapriolen um die Trainerwahl sind nun vorbei, ab Januar wird das Duo Hecking/Allofs nur noch an Erfolgen gemessen. Interessant wird außerdem zu sehen sein, wie beide mit der neuen Situation – Geld im Überfluss – klarkommen. In jedem Fall eine interessante Konstellation an der Aller.

Die ärmste Sau bei dem ganzen Gebahren ist wohl Martin Bader. Je nach dem, ab welchem Zeitpunkt der Nürnberger Manager über die Abwanderungsgedanken und -taten von Dieter Hecking informiert war. Der Nachfolger von Hecking wurde dann über die Weihnachtstage schnell etabliert: Der bisherige U23-Coach Michael Wiesinger übernimmt. Eine andere Lösung als diese hätte mich auch verwundert. Erstens wäre das nicht Nürnberg-like für die Ära Bader gewesen, zweitens hat man mit Wiesinger einen Trainer, der eine Chance verdient hat. Der Job im stabilen Nürnberg Umfeld – wobei die Stimmung dort auch schnell kippen kann – scheint ideal, um erste Erfahrungen als Bundesligatrainer zu sammeln. Mit acht Punkten Abstand zum Relegationsplatz, gar elf Zähler bis zum direkten Abstiegsrang, hat ihm Hecking ein gutes Polster hinterlassen. Seinen eigenen Weg muss Wiesinger nun trotzdem finden, das Potential zur nächsten Dauerlösung hat er.

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