Kollektiv geschlagen

Posted by Moritz on Dezember 26, 2012
EM 2012, WM 2014

Vor kurzem geschah bemerkenswertes. Jogi Löw gestand doch noch ein, dass er Fehler gemacht hat. Zwei sogar und ziemlich ähnlicher Natur. Nachdem bisher jegliche Vorwürfe öffentlich komplett an ihm abprallten, zeigte er seine nachdenkliche Seite. Und das sicher auch zurecht.

Schaut man ein paar Jahre zurück, war das zu Ende gehende für die Nationalmannschaft ein vergleichbar gutes gewesen. Doch mit den Leistungen steigt auch der Anspruch und macht aus einem
guten nur noch ein durchschnittliches. Aus diesem stechen zwei Fehlleistungen hervor, die dem Selbstverständnis nach schon gar nicht vorkommen dürfen.

Doch der Reihe nach: Zu Beginn des Jahres stand die deutsche Nationalmannschaft als einer der Top-Favoriten auf den Titel fest. Die Eindrücke der WM 2010 und die perfekte Qualifikation prägten diese nicht nur nationalen Erwartungen. Die Testspiele vor dem Turnierstart mit den Niederlagen gegen Frankreich und die Schweiz sowie dem uninspierierten Schlafwagenfußball mit Israel, erhöhten lediglich die Unsicherheit, ob die Realität gewillt ist, sich dem eigenen Denken zu beugen.

In der Gruppenphase tat sie das letztendlich souverän. Gegen hervorragend organisierte Portugiesen wurde der EM-Star in deutschen Farben gekührt und köpfte sich in die Herzen. Ausgerechnet der viel gescholtene Schönwetterfußballer Mario Gomez, dem nur unwichtige Tore gelingen, brachte die Mannschaft in das Turnier.

Aller danach erst recht aufflammenden gerechtfertigten sowie ungerechtfertigten Kritik an seiner Spielweise zum Trotz schoss er im folgenden Spiel auch die Niederlande ab. Auch wenn Oranje letztendlich sang- und klanglos ein Spiel später den Heimweg antrat, waren spätestens nach dieser Begegnung die letzten Zweifel beseitigt, dass Deutschland ein Titelanwärter ist. Hinten und vorne gefestigt, spielte Löws Team auch ohne den großen Hurrafußball erfolgreich.

Wer danach glaubte, dass der Weg ins Finale ein einfacher sein wird, hatte die Rechnung ohne den gemeinen Italiener gemacht. Ausgerechnet der, der sich um Systeme und Anordnungen nicht schert, stach zweimal zu. Balotelli wurde zum Bezwinger eine Maschine, die in diesem Spiel kräftig aus dem Tritt geraten war.

Es war der erste Kardinalfehler von Löw. Er entblößte durch eine taktische Umstellung die rechte Seite. Das lähmte zum einen die Mannschaft, die dadurch kollektiv gelähmt schien, und öffnete zum anderen den Italienern, den Weg zu ihrem letztendlich verdienten 2-1. Nicht nur die elf Spieler sondern auch Löw, schienen vom Verlauf wie vor den Kopf geschlagen und unfähig zu irgendeiner Reaktion. Es war ein erster Schatten auf dem sonst gottgleichem Bild des Trainers.

Über die Sommerpause kühlten sich die Gemüter nur geringfügig wieder ab und die Spiele danach taten nicht viel, die allgemein skeptischere Stimmung zu heben. Irgendeinen Grund zur allgemeinen Kritik fand sich nach den Spielen gegen Argentinien, die Faröer und Österreich immer. Mal war das Spiel zu sinnlos, der Sieg zu hart erkämpft, zu glücklich, das Tor zu groß oder wahlweise zu klein. Doch trotz allem befand sich die Mannschaft auf einem makellosen Weg nach Brasilien.

Bis zu jenem zweiten Schicksalstag. Keiner hörte es kommen. Keiner ahnte es. Trotzdem schlug es gnadenlos zu. Max meinte, das beste Spiel der Nationalmannschaft gesehen zu haben. Bis nach einer Stunde eine komplette Mannschaft regelrecht implodierte und eine spielerisch vollkommene 4-0-Führung für die Annalen noch abgab.

Konnte man die Niederlage gegen Italien mit anderthalb zugedrückten Augen noch als Lernprozess verbuchen, fällt das bei der Partie gegen Schweden wesentlich schwerer und ließ viele zunächst sprachlos zurück. Anders als gehofft werden beide Spiele der Auswahl noch eine ganze Weile nachhängen. In beiden Partien gab es keinen einfachen Auslöser, sondern die Niederlagen fußten auf einem feinen Netz sich verstärkender Ursachen. Ob deren Analyse zu einem positiven Ende verarbeitet oder doch nur nonchalant übergangen werden wird sich herausstellen müssen. Die Selbstkritik von Löw mag ein Schritt sein, es darf aber nur der erste und nicht der letzte gewesen sein.

In Gänze hat das vergangene Jahr zwei Dinge in aller Konsequenz gezeigt. Die deutsche Mannschaft ist, so kann man das durchaus nennen, gerade im Griff einer goldenen Generation. In der Verfassung, wie sie sich im vergangenen Jahr präsentierte, könnte es die erste sein, die keinen Titel erringt. Der Druck wird stetig wachsen, aber mindestens vier Jahre hat sie noch Zeit sich zu krönen und die sollte man ihr auch geben.

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