EM 2012

Kollektiv geschlagen

Posted by Moritz on Dezember 26, 2012
EM 2012, WM 2014 / No Comments

Vor kurzem geschah bemerkenswertes. Jogi Löw gestand doch noch ein, dass er Fehler gemacht hat. Zwei sogar und ziemlich ähnlicher Natur. Nachdem bisher jegliche Vorwürfe öffentlich komplett an ihm abprallten, zeigte er seine nachdenkliche Seite. Und das sicher auch zurecht.

Schaut man ein paar Jahre zurück, war das zu Ende gehende für die Nationalmannschaft ein vergleichbar gutes gewesen. Doch mit den Leistungen steigt auch der Anspruch und macht aus einem
guten nur noch ein durchschnittliches. Aus diesem stechen zwei Fehlleistungen hervor, die dem Selbstverständnis nach schon gar nicht vorkommen dürfen.

Doch der Reihe nach: Zu Beginn des Jahres stand die deutsche Nationalmannschaft als einer der Top-Favoriten auf den Titel fest. Die Eindrücke der WM 2010 und die perfekte Qualifikation prägten diese nicht nur nationalen Erwartungen. Die Testspiele vor dem Turnierstart mit den Niederlagen gegen Frankreich und die Schweiz sowie dem uninspierierten Schlafwagenfußball mit Israel, erhöhten lediglich die Unsicherheit, ob die Realität gewillt ist, sich dem eigenen Denken zu beugen.

In der Gruppenphase tat sie das letztendlich souverän. Gegen hervorragend organisierte Portugiesen wurde der EM-Star in deutschen Farben gekührt und köpfte sich in die Herzen. Ausgerechnet der viel gescholtene Schönwetterfußballer Mario Gomez, dem nur unwichtige Tore gelingen, brachte die Mannschaft in das Turnier.

Aller danach erst recht aufflammenden gerechtfertigten sowie ungerechtfertigten Kritik an seiner Spielweise zum Trotz schoss er im folgenden Spiel auch die Niederlande ab. Auch wenn Oranje letztendlich sang- und klanglos ein Spiel später den Heimweg antrat, waren spätestens nach dieser Begegnung die letzten Zweifel beseitigt, dass Deutschland ein Titelanwärter ist. Hinten und vorne gefestigt, spielte Löws Team auch ohne den großen Hurrafußball erfolgreich.

Wer danach glaubte, dass der Weg ins Finale ein einfacher sein wird, hatte die Rechnung ohne den gemeinen Italiener gemacht. Ausgerechnet der, der sich um Systeme und Anordnungen nicht schert, stach zweimal zu. Balotelli wurde zum Bezwinger eine Maschine, die in diesem Spiel kräftig aus dem Tritt geraten war.

Es war der erste Kardinalfehler von Löw. Er entblößte durch eine taktische Umstellung die rechte Seite. Das lähmte zum einen die Mannschaft, die dadurch kollektiv gelähmt schien, und öffnete zum anderen den Italienern, den Weg zu ihrem letztendlich verdienten 2-1. Nicht nur die elf Spieler sondern auch Löw, schienen vom Verlauf wie vor den Kopf geschlagen und unfähig zu irgendeiner Reaktion. Es war ein erster Schatten auf dem sonst gottgleichem Bild des Trainers.

Über die Sommerpause kühlten sich die Gemüter nur geringfügig wieder ab und die Spiele danach taten nicht viel, die allgemein skeptischere Stimmung zu heben. Irgendeinen Grund zur allgemeinen Kritik fand sich nach den Spielen gegen Argentinien, die Faröer und Österreich immer. Mal war das Spiel zu sinnlos, der Sieg zu hart erkämpft, zu glücklich, das Tor zu groß oder wahlweise zu klein. Doch trotz allem befand sich die Mannschaft auf einem makellosen Weg nach Brasilien.

Bis zu jenem zweiten Schicksalstag. Keiner hörte es kommen. Keiner ahnte es. Trotzdem schlug es gnadenlos zu. Max meinte, das beste Spiel der Nationalmannschaft gesehen zu haben. Bis nach einer Stunde eine komplette Mannschaft regelrecht implodierte und eine spielerisch vollkommene 4-0-Führung für die Annalen noch abgab.

Konnte man die Niederlage gegen Italien mit anderthalb zugedrückten Augen noch als Lernprozess verbuchen, fällt das bei der Partie gegen Schweden wesentlich schwerer und ließ viele zunächst sprachlos zurück. Anders als gehofft werden beide Spiele der Auswahl noch eine ganze Weile nachhängen. In beiden Partien gab es keinen einfachen Auslöser, sondern die Niederlagen fußten auf einem feinen Netz sich verstärkender Ursachen. Ob deren Analyse zu einem positiven Ende verarbeitet oder doch nur nonchalant übergangen werden wird sich herausstellen müssen. Die Selbstkritik von Löw mag ein Schritt sein, es darf aber nur der erste und nicht der letzte gewesen sein.

In Gänze hat das vergangene Jahr zwei Dinge in aller Konsequenz gezeigt. Die deutsche Mannschaft ist, so kann man das durchaus nennen, gerade im Griff einer goldenen Generation. In der Verfassung, wie sie sich im vergangenen Jahr präsentierte, könnte es die erste sein, die keinen Titel erringt. Der Druck wird stetig wachsen, aber mindestens vier Jahre hat sie noch Zeit sich zu krönen und die sollte man ihr auch geben.

Der Gesamt-Nachklapp

Posted by Max on Juli 10, 2012
EM 2012 / 2 Comments

Ein letztes Mal zur EM 2012 bloggen – dann wird diese Kategorie geschlossen und wir fokussieren uns fortan auf das Ziel Brasilien 2014. In schon guter Tradition möchte ich einige Tage nach dem Finale das Turnier noch einmal mit allgemeinen Eindrücken ausklingen lassen, um dann auch einen geistigen Haken hinter diese Europameisterschaft zu setzen. Da es an dieser Stelle bereits sowohl eine ausführliche Betrachtung der deutschen Mannschaft, als auch die ultimative Lobhudelei auf den Titelträger gab, möchte ich mich nun noch auf einige wenige Punkte beschränken.

Der Gesamteindruck der Spiele

Positiver Durchschnitt. Irgendwie so kann man es wohl nennen. Betrachtet man die gezeigten Leistungen nüchtern, muss ich Günther Netzer in seinem kicker-Interview zustimmen: Es gab kaum herausragende Leistungen. Und trotzdem hat der Großteil der Spiele bei mir durchaus für Unterhaltung gesorgt. Positiv aufgefallen ist diesmal, dass die Anlaufkurve quasi mit dem ersten Anpfiff von Null auf fast Hundert schoss. Vom ersten Gruppenspieltag an gab es interessante und spannende Spiele zu sehen. Um die einseitigen Spiele während des Turniers abzuzählen, braucht es aus meiner Sicht nicht mal eine Hand. Erwartungsgemäß waren die Spiele in der K.O.-Phase dann überwiegend von Taktik geprägt – nach dem Motto: Wer den ersten Fehler macht, verliert.

Etwas traurig fand ich, dass bei dem Turnier die absolut dramatischen Höhepunkte ab dem Viertelfinale etwas fehlten. Obwohl es – vom Finale abgesehen – nie eine Mannschaft komplett zerlegt hat, war auch in den wenigsten Fällen von einer völlig ausgeglichenen Partie zu sprechen. Selbst beim eigentlich glücklichen spanischen Sieg im Halbfinale gegen Portugal baute sich bei mir nie so richtig Spannung auf – im Hinterkopf war immer das Gefühl: Spanien bringt das Ding sicher durch. Und so kam es dann ja auch. Immerhin war das beste und beeindruckendste Turnierspiel dann das Finale – ein würdiger Schlusspunkt für diese Europameisterschaft.

Was mir sonst noch aufgefallen ist – Entweder nur ein stark subjektiver Eindruck meinerseits, oder es ist tatsächlich so gewesen: Die Spieler der meisten Mannschaften (erstaunlicherweise nicht die Spanier) wirkten schlapp von einer langen Saison. Das Problem tritt eigentlich alle zwei Jahre auf, aber diesmal kam es mir noch extremer vor als sonst. Das traf insbesondere auch für das deutsche Team zu – das noch dazu mit der Vizebayern-Hypothek aufspielte. Ich werde den Trend in Brasilien weiter beobachten.

Vor dem Turnier gab es die üblichen Horrorszenarien. Über Jahre hinweg durften wir uns in unregelmäßigen Abständen Reportagen ansehen und durchlesen über Korruption und Verzögerungen beim Stadionbau, mangelnde Infrastruktur, Hooligans und Gewaltproblemen usw. Am Ende waren alle Stadion fertig und in einem Top-Zustand, bis auf die wohl nicht zu verhindernden wenigen Ausnahmen war es auch ein friedliches Fussballfest. Wie sie das wohl wieder hinbekommen haben? Und trotzdem scheint man im Vorhinein einige Fans abgeschreckt zu haben – besonders aus England wurde berichtet, das vor Reisen nach Osteuropa explizit gewarnt wurde, weshalb der Support bei einigen englischen Spielen eher enttäuschend war. Und auch sonst kam das Turnier stimmungsmäßig für mich nicht an die letzten Welt- und Europameisterschaften heran. Daran hatte auch die diesmal massive Förderung des Eventpublikums durch die UEFA seinen Anteil – der UEFA-Countdown vor dem Anpfiff ist wohl die Erfindung, die der Fussball am wenigsten gebraucht hat.

Die Überraschungen des Turniers

Über weite Strecken verlief das Turnier eigentlich wie vorhergesehen, die ganz großen Überraschungen – etwa wie die Türkei 2008 oder Griechenland 2004 – blieben diesmal aus. Wobei es schon interessant war, wie sich Griechenland erneut mit einer Mauertaktik zumindest in das Viertelfinale mogeln konnte. Auf die Spuren von Rehakles’ Jungens konnte man sich dann doch nicht begeben. Die größte Überraschung der EM 2012 war für mich aber Italien. Und das ist eine Aussage, die mir weniger Überwindung kostet als gedacht. Bekanntermaßen bin ich sonst ein entschiedener Gegner des italienischen Fussballs, aber das pragmatische und trotzdem attraktive System von Cesare Prandelli gefiel mir gut. Wenn er diesen Weg fortführen kann, ist Italien sicher wieder ein heißer Kandidat für 2014. Der neue italienische Schwung hatte außerdem für mich zur Folge, dass ich das Ausscheiden der deutschen Elf diesmal lange nicht so schmerzhaft fand wie in den vergangenen Turnieren.

Die Enttäuschungen des Turniers

An dieser Stelle könnte ich einige Punkte nennen: Einige Spieler aus dem deutschen Kader, die Chancenlosigkeit der Iren, das frühe Ausscheiden der Gastgeber. Oder einfach wieder Frankreich – weil es mittlerweile schon Spaß macht, sie als Enttäuschung aufzuzählen.

Letztendlich hängen geblieben sind mir aber zwei Dinge: Zum einen das Auftreten der Niederländer. Traurig, was aus dieser hoch veranlagten Mannschaft, die 2010 noch Vize-Weltmeister war, geworden ist. Wie ein wirrer Haufen von Egoisten verloren sich die Oranjes in taktische Diskussionen um die Position ihrer Stars. Wo es dem deutschen Coach Joachim Löw gut gelungen ist, die Egos talentierter Bankdrücker zu kanalisieren, ließ van Marwijk Diskussionen zu und trat folgerichtig zurück. Ab sofort sitzt das größte Ego auf der Trainerbank: Feierbiest Louis van Gaal. Das wird lustig.

Fast noch eine größere Enttäuschung war für mich aber Tschechien. Nicht das gesamte Turnier, aber die Zweite Halbzeit im Viertelfinale gegen Portugal. Selten, eigentlich nie zuvor, habe ich eine Nationalmannschaft mit realistischen Chancen auf das Halbfinale bei einer EM gesehen, die sich so dermaßen hat hängen lassen. Kein Aufbäumen nach dem Gegentreffer, keinem Tschechen war anzumerken, dass er das Weiterkommen wollte. Es war zum heulen.

Die Schiedsrichter

Dieses Thema ist nun schon ein Dauerbrenner in den Rückblicken zu Turnieren. Kein Wunder, denn 2008 und 2010 wurden hier teils schauderhafte Vorstellungen geboten. Und nach dem Auftaktspiel der Euro hatten wir schon schlimmste Befürchtungen, so würde es weitergehen. Letztendlich besserten sich die Schiedsrichterleistungen dann jedoch deutlich, bis auf zwei weitere Ausnahmen gab es eigentlich fast nichts zu meckern. Bei den angesprochenen Ausnahmen handelt es sich jedoch um zwei fatale Fehlentscheidungen, die allerdings jeweils von den Torrichtern zu verantworten waren: Das elfmeterreife Foul im Spiel Spanien-Kroatien direkt vor den Augen des Torrichters, und der nicht gegebene Treffer für die Ukraine gegen England. In beiden Fällen hatte der Torrichter beste Sicht und erfüllte seine Funktion nicht – konsequenterweise wurden die betroffenen Gespanne aus Deutschland und Ungarn direkt danach nach Hause geschickt.

Nachdem die UEFA über Jahre nun schon in diversen Klubwettbewerben die Torrichter testet und immer von großartigen Erfolgen dieser Methode gesprochen hat, gab es nun den Schuss vor den Bug: Bei diesem Turnier, wo hunderte Millionen von Menschen zugeschaut haben, wurde der Sinn der Torrichter nicht klar – vielmehr wurde er mehr als hinterfragt. Vielleicht waren diese Fehlschläge aber genau zum richtigen Zeitpunkt, kurz vor der FIFA-Tagung, wo dann sicher auch aufgrund gestiegener Aufmerksamkeit flugs neue Technologien verabschiedet wurden.

Dabei will ich es dann auch belassen. Ab August setzen wir an dieser Stelle fort mit der Berichterstattung zur Qualifikation für die WM 2014. Genießt die Sommerpause!

Der deutsche Nachklapp

Posted by Max on Juli 08, 2012
EM 2012 / No Comments

Die Europameisterschaft ist seit einer Woche Geschichte – mit Spanien hat das Turnier einen mehr als würdigen und verdienten Sieger gesehen. Aus deutscher Sicht bleibt die Enttäuschung bestehen, auch im dritten Anlauf unter Löw den entscheidenden letzten Schritt – genau genommen diesmal sogar zwei Schritte – nicht gemacht zu haben. Durch den Krampf gegen Italien hat sich die DFB-Elf selbst darum gebracht, zu beweisen, dass man sich mittlerweile mit Spanien auf Augenhöhe bewegt. Nach dem deutlichen Finalsieg der Spanier könnte man sagen: Besser so, die hätten Kleinholz aus den deutschen Sensibelchen gemacht. Auf der anderen Seite: Vielleicht hätte es das deutsche System den Spaniern mehr Probleme bereitet.

All das ist nun nur spekulativ, stattdessen ist in den Tagen nach dem Ausscheiden eine Debatte über die Arbeit von Joachim Löw entbrannt. Auch das ist Fussball, oder vielmehr die damit verbundene Öffentlichkeit: Du kannst sechs Jahre der gefeierte Held sein, das fast unfehlbare Genie verkörpern und nach einer solchen Niederlage – deinem ersten großen Fehlschlag bei der Mannschaftsaufstellung – wird plötzlich alles in Frage gestellt. Glücklicherweise hat sich die Aufregung um den Bundestrainer schon etwas gelegt, auch, weil die Diskussion bis auf den einen Abend in Warschau jeder sachlichen Grundlage entbehrt. Vorgeworfen wurde Löw neben der totalen Ausrichtung am italienischen System und der damit verbundenen Hereinnahme von Toni Kroos vor allem das Festhalten am augenscheinlich nicht fitten Bastian Schweinsteiger. Auch ich hätte ihn wohl nicht in die Startaufstellung gestellt, auf der anderen Seite möchte ich hier auf den Einwurf des Kollegen von Passives Abseits verweisen, der zum Ausklang der Europameisterschaft einige sehr weise Worte verfasst hat und das Dilemma des Bundestrainers auf den Punkt bringt:

Aber selbst das Festhalten an Bastian Schweinsteiger würde ich ihm nicht vorwerfen wollen. Man stelle sich vor, Löw lässt nach 4 Siegen sein Chefchen im Defensiven Mittelfeld raus und scheidet dann (auf einmal deswegen) aus… Wie krass wäre dann das Medienecho geworden?

Beispielhaft an der Causa Schweinsteiger entzündete sich auch wieder einmal die Führungsspielerdebatte. Diese ist mittlerweile dermaßen ausgelutscht und vor allem nicht zielführend. Löw ist ein Freund flacher Strukturen und ich bin überzeugt, dass ein Fussballteam im 21. Jahrhundert auch ohne ein absolutes Alphatier der Marke Ballack erfolgreich sein kann, Titel holen kann. Was mir im deutschen Team fehlt ist kein Leithammel, sondern eher ein klassischer “Agressiv-Leader”, um mal im Terminus der unpassenden Begrifflichkeiten zu bleiben. Es fehlten im Kader ein oder zwei Spieler der Marke Ballack, Frings, Jeremies, Effenberg. Typen, die einfach mal ordentlich dazwischengrätschen, Zeichen setzen, wachrütteln können. Eine gewisse Reibung und höhere Vielfarbigkeit hätten der Mannschaft an einigen Stellen gut zu Gesicht gestanden – so hatte ich im ganzen Turnier ein etwas unheimliches Gefühl im Unterbewusstsein, dass die Mannschaft nach einem Rückstand nicht mehr das Ruder herumreißen kann. Was sich ja auch so bewahrheitet hat. Und das ist auch mein Vorwurf an den nun leider abgewanderte ehemaligen DFB-Sportdirektor Matthias Sammer: Mit seinem Nachwuchskonzept sind alle Spieler technisch sehr gut ausgebildet für das moderne Spiel, weisen charakterlich kaum Schwächen auf. Aber der deutsche Fussball droht so auch etwas im Einheitsbrei zu versinken.

Bewegen wir uns jetzt aber vom Grundsätzlichen etwas weg. Im folgenden möchte ich die einzelnen Mannschaftsteile etwas genauer beleuchten: Wie haben sich die Spieler geschlagen? Was ist hier in Zukunft zu erwarten?

Tor (Manuel Neuer, Tim Wiese, Ron-Robert Zieler)

Hier scheint die Position von Manuel Neuer auf Jahre unangefochten, dabei wären gerade hier mehr als genug brauchbare Alternativen von mindestens internationaler Klasse da. Wenn Neuer bei diesem Turnier gefordert wurde, war er da. Einige starke Paraden von ihm stehen im Gegensatz zu langen Phasen, wo sich der Ball nicht mal annäherungsweise seinem Tor näherte. Ich wage mal die Prognose: Wenn Neuer keinen enormen Leistungseinbruch erleidet oder sich verletzt, wird er auch in den nächsten Jahren – und das völlig zurecht – die deutsche Nummer Eins bleiben. Aus der Reihe vieler guter Torhüter macht er den komplettesten Eindruck, bringt zudem einen gewaltigen Erfahrungsvorsprung bei internationalen Spielen mit.

Interessant wird, wie es dahinter weitergeht. Ich kann mir derzeit nicht vorstellen, dass Tim Wiese auch 2014 noch zweiter Torwart sein wird. Und ein Aufrücken zum Stammkeeper würde überhaupt nicht in das Schema Löw passen – es würde mich eher nachhaltig erschüttern. Also dürfte es bei den restlichen Plätzen eng zugehen zwischen Zieler, ter Stegen und vielleicht auch Leno. Wobei ter Stegen in seinem ersten Länderspiel vor der EM zeigte, dass ihm auf internationaler Ebene logischerweise noch einiges fehlt. Weniger vorstellen kann ich mir übrigens, dass René Adler nochmal den Sprung in den DFB-Kader schafft. Selbst wenn er beim HSV zu alter Hochform aufläuft, würde sich Löw damit aufgrund der Vorgeschichte einen unnötigen Brandherd aufmachen. Adler war ja quasi designierte Nummer Eins für die unantastbare Position, die Neuer jetzt inne hat.

Abwehr (Holger Badstuber, Jerome Boateng, Benedikt Höwedes, Mats Hummels, Philipp Lahm, Per Mertesacker, Marcel Schmelzer)

Das größte Problem in diesem Mannschaftsteil ist ein echter Dauerbrenner: Wer spielt auf der rechten oder linken Abwehrseite – also wahlweise dort, wo Philipp Lahm nicht spielen kann. Es scheint fast unerklärlich, warum der in den letzten Jahren so florierende DFB-Nachwuchsapparat keinen einzigen Spieler abgeworfen hat (und perspektivisch auch nicht abwerfen wird), der zur Dauerlösung auf einer der Seiten werden könnte. Da hat man nun schon den Luxus, Lahm flexibel einsetzen zu können, und es bringt trotzdem nichts. Bei diesem Turnier hat Joachim Löw einen guten Kompromiss gefunden, mit einem Jerome Boateng in guter Verfassung zumindest defensiv eine stabile Variante erarbeitet. Mehr Zug nach vorne liefert im Verein zwar Marcel Schmelzer, doch im Nationaltrikot enttäuschte er bisher durchweg.

Die Kette “Im Verein stark – im Nationalteam überfordert” traf bis vor diesem Turnier auch auf Mats Hummels zu. Dann bekam der Dortmunder vor dem ersten Gruppenspiel überraschend das Vertrauen des Bundestrainers und spielte gleich eine richtig starke Partie. Im weiteren Turnierverlauf kam er dann aber wieder auf das Niveau zurück, das ich von ihm erwartet hatte. Sein monotoner, durchschaubarer Stil funktioniert dauerhaft nur in Dortmund. Meine Meinung dazu ist bekannt, ich stehe damit in weiten Teilen alleine da – auch in diesem Blog: Ich halte Mats Hummels für einen absolut überschätzten Spieler. Auf Dauer wird Deutschland mit ihm als Innenverteidiger nicht glücklich. Von daher hoffe ich, dass entweder Per Mertesacker mal wieder zu alter Form findet, Jerome Boateng in die Mitte rückt oder Benedikt Höwedes sich festspielen kann. Vakant ist für mich derzeit nämlich nur die Rolle neben dem starken Holger Badstuber, der nun nicht mehr wegzudenken ist.

Mittelfeld (Lars Bender, Mario Götze, Ilkay Gündogan, Sami Khedira, Toni Kroos, Thomas Müller, Mesut Özil, Lukas Podolski, Marco Reus, André Schürrle, Bastian Schweinsteiger)

Im größten Mannschaftsteil gibt es durchaus etwas mehr Diskussionsbedarf. Beginnen wir in der defensiven Zentrale, wo wie bereits vor zwei Jahren das Duo Schweinsteiger/Khedira agierte. Unter normalen Bedingungen, d.h. mit einem Schweisteiger in Bestform, gibt es hier überhaupt keinen Zweifel. Da sich seine Verletzungsprobleme nun aber schon über lange Zeit hinziehen muss zumindest die Frage gestellt werden: Was gibt es für Alternativen? Zunächst aber noch ein Wort zu Sami Khedira: Er war für mich der Spieler des Turniers im deutschen Team. Gebt ihm noch ein, zwei verletzungsfreie Jahre, und der Mann verkörpert absolute Weltklasse. Neben Schweinsteiger lauten die Alternativen für den Posten neben ihm derzeit Toni Kroos und Ilkay Gündogan. Bei Kroos wartet man immer noch auf den nächsten Entwicklungsschritt – er scheint ihn nicht gehen zu können. Anscheinend ist das große Talent von einst zwar immer noch ein begnadeter und sehr guter Fussballer, aber auch an seinen Grenzen angekommen. Mit der etwas statischen Spielweise wird er auf Dauer der Edeljoker bleiben. Völlig unklar ist, was zukünftig mit Ilkay Gündogan passiert. Seine Nominierung war mir ohnehin ein kleines Rätsel – die gute Rückrunde in Dortmund muss er erst noch bestätigen. Ins Spiel bringen möchte ich von daher noch den Namen Sven Bender, der vor dem Turnier mangels Fitness aussortiert wurde, zukünftig aber durchaus ein ernsthafter Stammspieler-Kandidat sein könnte. Ebenso wie übrigens sein Bruder Lars, der bei der Euro einmal rechts hinten mit guter Leistung aushelfen konnte, ansonsten ein beliebter Allround-Joker war.

Ein unerwartetes Problemkind sind plötzlich die Außenbahnen. Das “Wunderkind” von 2010, Thomas Müller, läuft seiner Form hinterher. Die jugendliche Beschwingheit, die Leichtigkeit ist verloren. Nach der Vorrunde verlor er seinen Platz im Team und Marco Reus hat mehr als nur angedeutet, dass er nach momentanen Leistungsstand einfach die bessere Alternative ist. Und auf der anderen Seite könnte Löw endlich den entscheidenden Schritt gemacht haben: Die jahrelange Treue zu Lukas Podolski hat mit der Herausnahme gegen Griechenland einen ersten Riss erhalten. Hier drängt André Schürrle mit Gewalt nach, auch wenn er noch nicht so konstant die starken Leistungen abrufen kann wie ein Reus, sollte ihm die Zukunft gehören. Bei Podolski kann man trotz 100 Länderspielen nur hoffen, dass mit dem Wechsel zu Arsenal endlich der nächste Schritt kommt.

Die große Unbekannte im Mittelfeld ist für mich Mario Götze. Das Dortmunder Supertalent hatte im Gedränge der Offensivabteilung diesmal das Nachsehen, vor allem wohl, weil Götze nach einer langen Verletzung nicht fit war. Wie seine Rolle demnächst konkret aussehen soll, ist völlig schleierhaft. Fakt ist für mich: Ein Mittelfeld mit Reus, Özil und Götze gleichzeitig kann eigentlich nicht funktionieren – zu viele ähnliche Typen würden dann für ein Ungleichgewicht sorgen und die Probleme, die in den vergangenen Wochen zu Tage getreten sind, nicht lösen. Hier liegt für mich der Schlüssel zum Erfolg, den der Bundestrainer bis 2014 finden muss: Die Kräfteverhältnisse im Mittelfeld richtig anzuordnen: Stabilität und Präsenz auf der “Sechser”-Position, Kreativität in der Spielmacherrolle und agile, rochierende Außenspieler, die im optimalen Fall auch noch mit den Außenverteidigern harmonieren. Ein unanfechtbares Puzzleteil ist dabei übrigens Mesut Özil, den ich bei diesem Turnier wesentlich positiver gesehen habe als Moritz. Özil alleine wird nie ein Spiel entscheiden können, da muss es auch um ihn herum zusammenpassen, was diesmal nur selten der Fall war.

Sturm (Mario Gomez, Miroslav Klose)

Wir befinden uns abschließend im kuriosesten Mannschaftsteil. Kurios deshalb, weil Mario Gomez eigentlich über jeden Zweifel erhaben sein müsste ob seiner Trefferquote. Und trotzdem scheint die Zahl seiner Fürsprecher immer noch entscheidend kleiner zu sein als die seiner Kritiker. Einen wirklich objektiven Grund dafür gibt es nicht. Gomez ist nicht der Typ Everybodys-Darling, wie es Klose war. Gomez pflegt eine andere Spielweise als Klose, aber nicht wirklich weniger erfolgreich. An dieser Stelle muss ich noch einmal auf den Blog Passives Abseits verweisen, wo das Thema gleichermaßen diskutiert wurde. Trotz ungefähr gleich schlechter Leistung gegen Italien wurde Klose im Endeffekt wesentlich besser bewertet als Gomez. Glücklicherweise hat Joachim Löw schon die richtigen Schlüsse gezogen und setzt mittlerweile fast immer auf Gomez. Das er sich nichtsdestotrotz manchmal einen anderen Spielertypen als Alternative wünscht, hat seine Umstellung gegen Griechenland aber auch offengelegt. Und wenn ich mir jetzt überlege, wie es auf dieser Position weitergehen soll, wer die Alternativen sind – große Leere. Klose ist immer häufiger verletzt, wird aber 2014 noch dabei sein. Gomez wird weiter seine Tore erzielen. Aber dahinter kommt fast nichts mehr. Es war ja schon bezeichnend, dass bis zuletzt Cacau dabei war oder ernsthaft über eine Nominierung von Mike Hanke nachgedacht wurde. Podolski in die Mitte? Passt nicht zum Stil der Nationalelf. Patrick Helmes zurückholen? Scheint mir noch die logischste Alternative zu sein, je nach dem, wie seine nächste Saison unter Magath läuft. Das 4-2-3-1-System hat den klassischen Torjäger in Rekordzeit fast ausgerottet, das erfolgsbringende spanische 4-6-0 wird diese Situation wohl auch nicht gebessert haben. Also bleibt hier alles wie es ist: Klose wird gefordert, Gomez wird spielen und treffen.

Zum Schluss möchte ich mich noch der in diesen Tagen immer wieder aufgeworfenen Begrifflichkeit der “Goldenen Generation” widmen. Angeblich befinden wir uns gerade in dieser oder bleibt sie – wie die TZ schreibt – sogar unvollendet? Mal abgesehen davon, dass es bei einem ständigen Wechsel im Kader immer nur eine Reihe einzelner Spieler in diesem Sinne als “Generation” erfasst werden können, ist mir hier die Grenze nicht klar: Werden nun also ernsthaft die Herren Klose, Lahm, Schweinsteiger, Podolski so genannt. Da muss man sich auch mal überlegen wo sie herkamen: Aus einer tiefen Sinnkrise des deutschen Fussballs nach 1998, 2000 und 2004, woran auch das kurzzeitige Hoch bei der WM 2002 nichts ändern konnte. Wenn hier überhaupt was als “Goldene Generation” bezeichnet werden kann, dann betrifft das doch eher die Spieler denen die Zukunft gehört: Reus, Götze, Schürrle, Özil & Co.

Die rote Furie demonstriert ihre Macht

Posted by Max on Juli 02, 2012
EM 2012 / No Comments

Gratulation an Spanien! Das war eine Demonstration der Macht, welche die Furia Roja in der Fussball-Welt besitzt. Man muss besser sagen: Macht, die sie immer noch besitzt. Was wurde vorher nicht geunkt, die Spanier seien erfolgsmüde, gelangweilt von ihrem eigenen Stil und allgemein und sowieso auf dem absteigenden Ast. Nichts davon war am Ende zu sehen. Auch im dritten Turnier hat es keine Mannschaft geschafft, das Team von Vincente del Bosque länger als ca. 30 Minuten zu gefährden. Am Ende steht der neue “Weltrekord” – noch nie hatte es schließlich zuvor eine Nation geschafft, drei große Titel in Folge zu gewinnen.

Irgendwie scheint es im Jahr 2012 üblich, die Erfolgreichen zu kritisieren: Erst Chelsea für den Sieg in der Champions League, jetzt die Spanier. In beiden Fällen wurde in der “Öffentlichkeit” der Spielstil angemahnt. Ist es Neid? Oder zerfließt Fussball-Europa gerade in der Schönheit des Spiels? Ich wiederhole meine Worte nach dem CL-Finale, aber auch 2012 gilt zum Glück noch: Am Ende zählt das Ergebnis. Fussball ist ein Ergebnissport. Und wenn Spanien im Endspiel Italien mit 4:0 überrollt – und der Sieg war auch in dieser Höhe verdient – kann man sich noch so sehr über ein System ohne Stürmer mokieren: Ganz schlecht kann das nicht gewesen sein. Und die Rufe, die Spanier befänden sich auf dem absteigenden Ast waren wohl nicht mehr als ein verzweifeltes Hoffnungmachen der unterlegenen Nationen. Spanien ist so stark wie nie zuvor, erzielte nun seinen deutlichsten Finalsieg, scheint auf Jahre unschlagbar – gerade, weil del Bosque in den letzten Jahren behutsam neue Spieler integriert hat. Nicht mit dem irren Verjünungstempo wie ein Löw beim DFB, aber trotzdem erfolgreich.

Man könnte jetzt sagen: Spanien hat Glück gehabt im Halbfinale gegen Portugal. Aber dieser Faktor gehört halt auch dazu. Immer wieder zitiere ich an dieser Stelle ARD-Reporter Andre Siems: “Fussball wird nicht im Konjunktiv gespielt”. Und auch diese Floskel stimmt immer noch. Was nützt es wenn Italien im Gruppenspiel nahe an einem Sieg war, wenn Kroatien mit etwas mehr Courage vielleicht auch etwas erreichen hätte können. Am Ende steht für mich der Fakt: Seit vier Jahren sucht man außerhalb von Spanien vergeblich ein dauerhaft wirksames Mittel gegen diese Truppe. Die Suche geht weiter, 2014 in Brasilien.

An dieser Stelle verbietet sich natürlich auch das Was-wäre-wenn mit der deutschen Nationalmannschaft. Die hat sich mit ihrem leblosen Auftritt im Halbfinale selbst disqualifiziert zu zeigen, ob sie als Haufen toller Einzelspieler, aber ohne echten Charakter die Iberer hätten gefährden können.

Nachtrag: Diese Anmerkung kann ich mir jetzt nicht verkneifen. Erstmals stimmt mein Tipp bei einem Turnier. Vor dem Turnier hatte ich auf Spanien gesetzt – zugegeben auch kein wirklich gewagter Versuch.

Bella Italia

Posted by Moritz on Juni 29, 2012
EM 2012 / No Comments

Es war alles bereitet. Spanien steht im Finale bereit und hat den Fehdehandschuh bereits zum Finale in den Ring geworfen. Die Revanche für zwei vorherige Niederlagen war die Motivation es dieses Jahr besser zu machen. In Gedanken war man wohl schon in Kiew. Doch 90 Minuten reichten, um krachend am eigenen Anspruch zu scheitern und ohne wehende Fahnen und ohne Trompeten Heim reisen zu müssen.

Das eigentlich überraschende ist, dass es nicht den einen Grund gibt, warum nicht reichte gegen den sogenannten Angstgegner. Das Spiel wirkte, als wurde an vielen Reglern etwas zurückgenommen. Das Spielsystem wurde umgekrempelt, das Zenturm gestärkt, die Flanken entschärft und der italienische Kontrahent nur phasenweise unter Druck gesetzt. Gleichzeitig fiel die in den vorherigen Spielen teilweise hochgelobte Abwehrreihe auseinander, so dass selbst Chancentod Italien mit den ersten Chancen die letztlich genickbrechenden Tore macht.

Hervor sticht natürlich das Spielsystem. Wie gut die Mannschaft sich an ungewohnte Spielsysteme anpasst, hat man in zahlreichen Vorbereitungsspielen sehen können. Es mutet daher etwas unverständlich an, dass Löw sich in solch einem Spiel ohne Zwang zu einer solchen Umstellung hat hinreißen lassen, während spielstarke Alternativen auf der Bank saßen und die zur Korrektur erst in der zweiten Halbzeit kamen.

Doch die Schuld alleine beim Trainer zu suchen greift zu kurz. Wäre das Spiel anders ausgegangen, man hätte ihn dafür gefeiert. Der Konjunktiv verrät so einiges. Auch die Spieler haben ihren Anteil. Bis auf Ausnahmen wirkten sie fahrig, ungenau in den Aktionen. Teilweise glaubte man schon phlegmatische bzw. apathische Züge erkennen zu können. Als gäbe es keinen Rückstand, der aufgeholt werden müsse. Als stände es noch 0-0 wurde ein träger Stiefel abgespult, der dieses Mal nicht passte. Die monothematischen Angriffe waren leicht zu verteidigen.

Am Ende war es wohl genau das, dass an zu vielen Stellmöglichkeiten gleichzeitig gedreht wurde, was die Niederlage einleitete. Zur zweiten Halbzeit korrigierte Löw seine Mannschaft zwar mit Klose und Reus. Aber die Belebung dauerte nur kurz, bis sich Italien erneut darauf einstellte und in einem Anflug von Torschlusspanik die halbgare Halbfeldflanken-Saison eröffnet wurde, die gegen die Urgewalt Ballotellis in den 45 Minuten zuvor geradezu harmlos wirkte. Der geschenkte Elfmeter kurz vor Schluss war letztlich auch nur Kosmetik. Ein 2-1 liest sich im Geschichtsbuch immerhin nach Spannung.

Nach dem Spiel den Untergang herbeireden zu wollen ist sicherlich verkehrt. Zu viel Freude haben die Auftritte im letzten Jahr gegen die Niederlande oder Brasilien gemacht. Letztendlich muss man wohl konstatieren, dass die Nationalmannschaft ihre Höchstform zu einem völlig irrelevanten Zeitpunkt erreicht hatte und während der EM dem größtenteiles hinterher trauerte.

Gleichzeitig muss man Italien zu einem hochgradig verdienten Finaleinzug gratulieren. Ihnen kann man konstatieren alles richtig gemacht zu haben. Schon am ersten Spieltag hatten sie die Spanier am Rande der Niederlage. Sollten sie ihre Lehren daraus gelernt haben, könnte es ihr Meisterstück werden. Als Phönix aus der Asche quasi, betrachtet man den Sprung von der WM zum aktuellen Turnier. Bella Italia halt.

Die subjektiven Bewertung der Einzelleistungen spiegelt letztendlich das wieder, was sich während des Spieles teilweise an Unzufriedenheit angesammelt hat. Entsprechend fallen sie auch eher durchwachsen aus.

Manuel Neuer: Neuer war eigentlich der hilfloseste Mann auf dem Platz. Bei den Gegentoren allein gelassen, hielt er, was zu halten war. Symptomatisch für seinen unbändigen Drang irgendwie zu helfen, war das extrem hohe, riskante Spiel als quasi elfter Feldspieler kurz vor Schluss. Geholfen hat es leider nicht. Note: 3

Jerome Boateng: Nach starkem Turnierbeginn erlebte er gegen Italien einen erneuten Tiefpunkt. Zum Teil bedingt durch die Linkslastigkeit der Aufstellung war er allein für seine rechte Seite verantwortlich und vollkommen überfordert mit Raum und Zeit. Wohl auch deshalb zog es ihn immer wieder in die Mitte. Gleichzeitig war er beim ersten Tor begeisterter Zuschauer des Vorbereiters. Note: 5

Mats Hummels: Hoch gelobt und wieder tief gefallen. Beim 1-0 konnte er vor der Flanke nicht entscheidend stören und war auch ansonsten nach hinten und im Spielaufbau fahrig. Höhepunkte waren noch seine zwei Chancen vor dem italienischen Kasten, die jedoch ihr Ziel verfehlten. Sympomatisch. Note: 5

Holger Badstuber: Es wäre ein Abend gewesen sich auszuzeichnen als Anker der Stabilität. Doch auch der erfahrenere der beiden Innenverteidiger verpasste die Chance und für ihn gilt im Grunde das gleiche wie für seine Koellegen. Verliert beim ersten Gegentor Balotelli, den er schon auf Tuchfühlung hatte, vollkommen. Note: 5

Phillip Lahm: Der Kapitän war in der Abwehr noch der aktivste. Insbesondere seine Torchance ist da hervorzuheben. Allerdings beging er auch den Kardinalfehler das Abseits vor dem 2-0 aufzuheben. Gleichzeitig glänzte er ebenfalls mit oft halbgaren Flanken aus dem Halbfeld. Note: 5

Bastian Schweinsteiger: Ein Schatten seiner selbst. Er wirkte zeitweise völlig dem Spiel entbunden. Offensichtlich war er nicht auf der Höhe seiner Schaffenskräfte und noch gezeichnet von der Verletzung kurz vor dem Turnier. Warum er trotz mangelnder Fitness auf den Platz durfte ist schleierhaft und lässt sich wohl nur mit Symbolcharakter erklären. Note: 6

Sami Khedira: Der Madrilene war der engagierteste Spieler auf dem Platz und praktisch wieder überall zu finden. Allerdings hinterlies er den Eindruck für alles verantwortlich zu sein. Des Öfteren hielt er den Ball zu lange, anstatt ihn schnell nach abzugeben und machte es dem Gegner leicht einzugreifen. Note: 3

Mesut Özil: Der “Designer” befindet sich in der Schaffenskrise. Es war nicht sein Spiel. Er ließ in Halbzeit eins die rechte Seite verwaisen und agierte links und im zugestellten Zentrum eher glücklos. Nach der Pause war er mit den richtigen Mitspielern zwar leicht verbessert, aber seine Fähigkeit zum genialen Spielzug ging ihm auch hier ab. Das bisher schwächste Spiel des Künstlers, der immerhin pflichtbewusst den Anstandselfmeter verwandelte. Note: 5

Toni Kroos: Man weiß nicht, wie viel seiner Spielweise einem gestrengen Auftrag von Löw anzulasten ist. Fakt ist, er sollte “das Zentrum stärken” und als freier Kettenhund Pirlos dienen. Das tat und entzog sich somit bis auf Ausnahmen vor allem in Halbzeit Zwei komplett dem kreativen Spiel. Dass Pirlo im entscheidenden Moment frei war, kann man ihm nur halb anlasten, da der Italiener ansonsten eine eher begrenzte Partie ablieferte. Note: 4

Lukas Podolski: Der Noch-Kölner war in dieser Partie ein Komplett-Ausfall. Er fiel lediglich auf, wenn er die auf ihn gerichteten Pässe entweder nicht erreichte oder kurz nach der Annahme wieder verlor. Die Auswechslung zur Halbzeit war so nur folgerichtig. Note: 6

Mario Gomez: Nach einer kurzen Anfangsphase in der er sogar diesseits der Mittellinie gesehen wurde, hing er vollkommen in der Luft. Von ihm und für ihn gab es keinerlei Unterstützung. Ironischerweise kann er sich noch Hoffnungen auf die Torjägerkanone machen. Vorausetzung: Ballotelli trifft nicht mehr. Note: 5

Marco Reus: Er machte in der Anfangsphase der zweiten Halbzeit gleich auf sich aufmerksam und belebte das Spiel mit seiner Dynamik sichtlich. Das Problem für ihn war, dass der Mannschaft die Zeit für spielerische Mittel abging. Ansonsten zeigte er sich auch als Freistoßschütze noch von seiner guten Seite, auch wenn der letztendlich nicht allzuschwer haltbar für Buffon war. Note: 3

Miro Klose: Als Ersatz für Gomez gekommen hatte er ähnlich wie Gomez Schwierigkeiten als einzige Spitze. Er war ähnlich schlecht angebunden und konnte mit der zunehmenden Flankendichte kaum bis gar nichts anfangen, zumal er auch eher nicht der Spielertyp für die Brechstange ist. Note: 5

FAZIT: Das mit Abstand dürftigste Spiel der deutschen Nationalmannschaft seit langem endet mit dem verdienten Ergebnis. International dürfte diese Anti-Leistung mit Erstaunen aufgenommen worden sein, während hierzulande der Sturm über das erneute vorzeitige Scheitern bei einem Turnier noch eine Weile andauern dürfte. Zwar lässt sich auf die jüngste Mannschaft des Turniers aufbauen. Die verpasste Chance als Favorit selbst das Finale verpasst zu haben dürfte aber noch eine Weile im Gedächtnis bleiben.