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Weltmeister! 16. Juli 2014

Posted by Max in : WM 2014 , add a comment

Etwas verspätet zwar, aber wer weiß, wann man mal wieder einen Beitrag mit dieser Überschrift verfassen kann. Wir sind Weltmeister! Also zumindest das DFB-Team. Der Rest von Deutschland darf sich aber so fühlen. Nach 24 Jahren erfüllten sich die Sehnsüchte der deutschen Fans nach dem vierten Titel, dem vierten Stern auf dem Trikot.

Es ist auch ein Titel von meiner Generation. Das klingt zunächst wie eine Platitüde, doch bei näherem Hinsehen stimmt das wohl so sehr, wie es nie wieder stimmen wird. Zum Start der Weltmeisterschaft am 12. Juni hatte der Kader von Joachim Löw ein Durchschnittsalter von 25,8 Jahren. Ich selbst war an diesem Tag – das habe ich soeben mit größter mathematischer Genauigkeit kompliziert errechnet – 25,4 Jahre alt. Die kleine Differenz kann man vernachlässigen, und schon liege ich mitten im Schnitt dieser weltmeisterlichen Spielergeneration. Während sich bei meinen ersten Turnieren 1998 und 2002 hauptsächlich Spieler im DFB-Kader tumelten, deren sportlichen Aufstieg ich nicht miterlebt habe, kann ich jetzt zu jedem der 23 Spieler eine Geschichte erzählen. An Miroslav Klose sein Länderspieldebüt gegen Albanien im März 2001 kann ich mich noch ziemlich gut erinnern, ebenso an sein siegbringendes Tor kurz vor dem Abpfiff. Es war wohl das letzte Turnier für den Mann, der mich fast mein komplettes “Fußballer-Leben” begleitet hat.

Noch viel mehr für die Phase des sportlichen Wiederaufstiegs nach den großen Enttäuschungen 2000 und 2004 stehen wohl Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger. Ihre kurzfristigen Berufungen in den EM-Kader 2004 belebten zwar die Mannschaft etwas, konnten aber das Ausscheiden in der Vorrunde nicht verhindern. Doch genau dieses frühe Aus stellte die entscheidenden Weichen im Deutschen Fußball: Sportdirektor beim DFB, Nationalmannschaftsmanager, vor allem aber Jürgen Klinsmann als “Türöffner” für moderne und fortschrittliche Methoden im Trainingsalltag, als Motivator für den brachliegenden Sport. Joachim Löw hat diesen vielleicht doch etwas eindimensionalen Klinsmann’schen Ansatz kontinuierlich weiterentwickelt, sich gegen viele Wiederstände gewehrt und jetzt den WM-Titel geholt. Zweifellos, das Jahr 2004 ist ein ganz entscheidendes in der deutschen Fußballgeschichte, Poldi, Schweini und Klose sind die Urväter dieser Evolution.

Wie nun weiter? Einige entscheidende Stützen der Mannschaft werden in den nächsten Jahren an ihre natürlichen Grenzen stoßen. Kapitän Philipp Lahm wird beim nächsten großen Turnier bereits 32 Jahre alt sein, Bastian Schweinsteiger 31. Das ist kein Grund, dass sie dann nicht mehr leistungsfähig sind. Denkt man aber noch zwei Jahre weiter, wird es bei ihnen und auch einigen anderen, heute jüngeren Spielern schon kritisch. Die nächsten zwei Jahre bis zur EM 2016 müssen auch einen langsamen, sanften Umbruch im DFB-Team einleiten. Nicht mit Wucht, aber neue Spieler müssen herangeführt werden. Die Alternativen bei der WM in Brasilien waren teilweise enttäuschend, das Fehlen von Reus, Bender, Gündogan aber macht Mut, dass die Aufgabe zu bewältigen sein wird.

Ob mit oder ohne Joachim Löw, wird sich zeigen. DFB-Präsident Niersbach wiederholte zuletzt gebetsmühlenartig seine Treueschwüre zu Löw. Das ist normal und alles andere wäre jetzt auch ungewöhnlich. Doch der Betroffene selbst denkt offenbar nach. Nicht vergessen ist die harsche, oft unberechtigte Kritik der letzten zwei Jahre. Seit 2006 ist Löw nun schon Bundestrainer, zwei Jahre länger noch im Team dabei. Es gibt auch gute Zeitpunkte zum Abtreten, jetzt wäre zweifellos so einer. Oder weitermachen und 2016 nach dem nächsten Titel greifen? Ein Abgang von Löw muss nicht zwangsläufig schlecht für die Erfolgsaussichten in zwei Jahren sein, mit ihm sind die Chancen auf die Europameisterschaft aber mindestens genauso gut.

Historischer Abend 9. Juli 2014

Posted by Max in : WM 2014 , add a comment

An diesen Abend wird man wohl noch lange zurückdenken. Ehrlich gesagt bin ich mit einem eher schlechten Gefühl in den Abend des WM-Halbfinals gegen Brasilien gestartet. Mit den Erfahrungen der letzten Turniere im Hinterkopf, als das deutsche Team jeweils kurz vor dem Ziel scheiterte. Und mit Blick auf eine Brasilianische Mannschaft, die im Turnierverlauf wohl weniger spielerisch komplett überzeugte, dafür aber durch eine enorme Leidenschaft angetrieben wurde.

Letztendlich war es aber genau diese Leidenschaft und der daraus resultierende Druck auf die Spieler, die zum Zusammenbrechen eines fragilen Systems führten. Meine persönliche Verunsicherung veränderte sich erstmals in den Momenten kurz vor dem Anpfiff. Nun interpretiere ich normalerweise eher weniger in Gesichter von Spielern, aber die deutschen Akteure strahlten hohe Zuversicht und Lockerheit aus. Während man den Brasilianern im Guten Anspannung, im Schlechten Angst unterstellen konnte – letztendlich stellte sich Zweiteres als richtige Deutung heraus. Wohl mit dem Wissen, dass ein deutsches Führungstor kaum zu kontern wäre, gingen die Brasilianer ins Spiel – und noch nie habe ich eine Mannschaft nach nur einem Gegentreffer so auseinanderfallen sehen, wie das Brasilien, das am Ende mit 1:7 unterlag.

Es wird heute schon genug Einzelkritiken und Bewertungen zu den deutschen Spielern geben, deshalb möchte ich mich wenige Stunden nach dem historischen Triumph über Brasilien auf ein paar eigene Bemerkungen zu einzelnen Spielern beschränken.

Fast keine Beschreibung mehr fällt mir ein zu Manuel Neuer. So bitter das klingt, aber das Verletzungspech von René Adler vor der WM 2010 war für den deutschen Fußball ein großer Glücksfall. Vielleicht hätte es Neuer auch ohne das Turnier in Südafrika bis heute zum Stammtorwart geschafft, seine Entwicklung hätte aber auf jeden Fall einen anderen Weg genommen. Natürlich kann man warnen, dass sich auch der Titan Oliver Kahn 2002 nach einem lupenreinen Turnier im Endspiel einen Fehler leistete – aber ohne Neuer wäre Deutschland wohl nicht mehr im Turnier. An die früher oft riskant wirkende Spielweise als Torwart-Libero hat man sich mittlerweile gewöhnt, auch weil Neuer mit zunehmendem Alter diese Rolle sicherer interpretiert. Nach der Pause hatte Brasilien gestern einige gute Chancen, es hätte schnell 2:5 oder 3:5 stehen können – Neuer parierte alle Bälle. Der kommende Welttorhüter.

Um ehrlich zu sein, war ich bisher nicht unbedingt ein Fan von Mats Hummels und seiner Spielweise. Mein favorisiertes Innenverteidigerduo für die Nationalmannschaft hieß eher Boateng/Badstuber. Doch da dies aufgrund von Badstubers Verletzung nicht möglich war, bekommt Hummels wie bereits bei der EM 2012 seine Chance. Und er überzeugt jetzt vollkommen mit seiner Leistung. Mit seiner glänzenden Übersicht, Kopfball- und Zweikampfstärke gibt er endlich auch Jerome Boateng die notwendige Stabilität. Wohl entscheidend für diese Entwicklung von Hummels war die Umstellung seiner Spielweise vom BVB-Modus zu den Löw’schen Vorgaben für die DFB-Auswahl. Weniger riskant im Spielaufbau – dass Hummels hier lernfähig war macht ihn zu dem Stern in der Innenverteidigung.

Berechtigte Zweifel am Fitnesszustand von Sami Khedira gab es vor der Weltmeisterschaft und gibt es wohl auch heute noch. Doch was ich schon im März nach dem Chile-Spiel geschrieben hatte: Khedira ist vielleicht der entscheidende Baustein im deutschen Spiel, mehr noch als Bastian Schweinsteiger. Oder gerade im Zusammenspiel mit ihm. Der Madrilene ist mit seinen Abfangqualitäten und Möglichkeiten im Umschaltspiel kaum ersetzbar und macht auch Schweinsteiger und Kroos erst zu den Stützen für das deutsche Team, welche sie jetzt sind.

Apropos Toni Kroos: Auch ihn sah ich in den letzten Jahren eher skeptisch. Ehrlich gesagt ging ich im vergangenen Sommer sogar davon aus, dass Kroos wohl der große Verlierer beim neuen FC Bayern unter Pep Guardiola sein würde. Zu langsam, zu statisch seine Spielweise. Letztendlich spielte Kroos aber schon im Verein eine starke Saison und setzt diese Form nun auch in Brasilien nahtlos weiter gewinnbringend ein. Es braucht wohl auch im schnellen deutschen Spiel einen ruhige Pol, der notfalls die Bälle mal ein paar Sekunden länger hält. Ein moderner Ballack sozusagen. Kroos’ hohe Ballsicherheit und Torgefahr waren bisher wichtige Elemente bei dieser Weltmeisterschaft.

Und dann gibt es da ja noch den großen Streitfall im Team, Mesut Özil. In der Vergangenheit habe ich ihn in der Nationalmannschaft weit weniger kritisch gesehen als viele andere Betrachter. Doch sein Halbjahr vor der Weltmeisterschaft, sowohl im Verein als auch bei den wenigen Auftritten im Nationaltrikot, ließen auch bei mir große Zweifel aufkommen, ob man es sich wirklich leisten könnte, Özil als Stammspieler durchzuschleppen. Vor dem Brasilien-Spiel las ich einen Kommentar von Pierre Littbarski, der sinngemäß meinte: Özil jetzt aus dem Team zu nehmen, würde die komplette Stabilität der Mannschaft gefährden. Littbarski hat wohl recht. Auch wenn bei dieser WM die Glanzpunkte von Özil fehlen, besonders negativ aus dem Raster gefallen ist er auch noch nicht. Und erledigt seine Aufgaben solide. Seine Rolle als Star der Mannschaft haben andere übernommen, und das hilft ihm wohl, schrittweise mehr Lockerheit zu gewinnen, damit hilft er dem Team mehr.

Die entscheidende Frage aber für das Finale am Sonntag ist: Was kann man aus diesem Spiel wirklich mitnehmen? Zumindest für diesen Halbfinal-Moment wirkt die Mannschaft gefestigter als bei ihrem Scheitern kurz vor Turnierende in den letzten Jahren. Gegen Argentinien oder den Nachbarn Niederlande wartet sicher ein ganz anderes Spiel. Deutschland wird nach diesem 7:1-Erfolg wohl als leichter Favorit ins Endspiel starten. Und es besteht eine realistische Chance, dass die an ihren Pleiten gewachsene Generation diesmal den entscheidenden Schritt machen kann.

WM auf Amerikanisch-Isländisch 7. Juli 2014

Posted by Max in : Fussball International,WM 2014 , add a comment

Ganz schlechte Planung sei das gewesen. Gedankenlos gebucht. Sogar mein Ruf als “echter Fan” wurde in Frage gestellt. – Es war schon eine große Verwunderung im Kollegen- und Bekanntenkreis, als diese realisierten, dass mein Sommerurlaub in diesem Jahr mitten in den Zeitraum der Weltmeisterschaft fällt. Noch dazu in die USA und nach Island, wo man ja nun nicht hinfährt, um dort – obwohl zumindest teilweise in der richtigen Zeitzone – jedes Spiel im Public Viewing zu verfolgen. Auch für mich war es eine Neuerung, große Teile einer Weltmeisterschaft zu verpassen. Seit der WM 1998 hatte ich kein großes Turnier verpasst, diese immer in gebotener Ausführlichkeit verfolgt. Nun gingen also weite Teile der Vorrunde sowie die kompletten Achtelfinalspiele an mir vorbei: Abreise am Tag nach dem 4:0-Auftakt der Deutschen Mannschaft gegen Portugal, Rückkehr pünktlich zum Viertelfinalsieg über Frankreich.

Vor dem Turnier hatte ich mir gedanklich die Frage gestellt, welche Teams wohl nach meiner Wiederankunft in Deutschland noch dabei wären. Und welche Mannschaften ich wohl überhaupt nicht spielen sehen würde. Letztendlich fiel ausgerechnet Spanien in die zweite Kategorie, das war schon eine große Überraschung. Auch das Ausscheiden von Italien war so nicht eingeplant, vor dem Turnier zählten sie für mich neben Brasilien zu meinen beiden Favoriten auf den Titel. Dass ich stattdessen noch ein Spiel von Costa Rica zu sehen bekäme, hielt ich Mitte Juni aber eher für ausgeschlossen.

Wie also sah der WM-Konsum während der drei Wochen aus? Im Wesentlichen informiert wurde ich über das Internet. Gesehen habe ich von allen Partien in dieser Zeit nur die erste Halbzeit von Deutschland gegen Ghana in einem Irish Pub in New York, sowie die Schlussviertelstunde USA gegen Portugal, gleichfalls in einem Irish Pub in Providence. Grundsätzlich wäre ein intensives Verfolgen der Weltmeisterschaft zumindest in der ersten Reisewoche auf US-Amerikanischen Boden aber durchaus möglich gewesen: Sowohl in Boston als auch in New York wurde an fast jeder Straßenecke mit Live-Übertragungen aller Spiele geworben. In Island war das Interesse da schon geringer, was sich wohl bloß bei einer WM-Teilnahme des Landes geändert hätte. Doch an Informationen mangelt es in Zeiten von flächendeckendem Wifi auch in der Ferne nicht. Ob Italien- und Spanien-Ausscheiden, Suarez-Biss oder Löws nasse Haare, ja selbst Cathy Fischer dringt bis nach Island vor. Und jetzt pünktlich zu den entscheidenden Spielen wieder zurück.

Was hat man aus der Ferne über das deutsche Team erfahren können? Mit einem schlechten Gefühl war ich am 16. Juni in den Tag gestartet, erleichtert nach dem guten Startauftritt gegen Portugal. Anschließend ging es wohl so weiter wie so oft bei den letzten Turnieren: Dem leichtfüßigen Start folgte ein zähes zweites Spiel, ehe sich das Team mit Anstand aber ohne Glanz doch noch den Gruppensieg sicherte. Anschließend ein zähes Ringen im Achtelfinale gegen einen unangenehmen, aber unterlegenen Gegner. Was mich aus der Ferne am Meisten verwundert hat, war Löws Aussage, er habe “13, 14 Spieler, die wir bringen können”. Das ist natürlich eine massive Abwertung von einem nicht unbeträchtlichem Teil des Kaders. Die Reservetorhüter mal abgezogen, scheinen sich die Herren Durm, Ginter, Großkreutz und Draxler in den Wochen von Brasilien nicht wirklich WM-tauglich zu präsentieren. Alles junge Spieler, deren Nominierung in den letzten zwei Jahren keinesfalls sicher war. Letztendlich bestätigen sie jetzt wohl die Zweifel des Bundestrainers, wobei sich natürlich schon die Frage stellt: Konnte man in Deutschland keine besseren Ergänzungsspieler für den Kader finden? Wie konnte es zu dieser massiven Fehleinschätzung im Nominierungsprozess kommen? Sicher würden die genannten Spieler das deutsche Spiel nicht sprunghaft verbesseren, aber zumindest eine “Entdeckung” aus diesen Reihen wäre denkbar gewesen. So muss es also die bekannte Startformation plus den wenigen Tauschkandidaten richten.

Das Derby von Reykjavik
Ganz ohne Live-Fußball ging es aber auch im Urlaub nicht. Warum kurz vor der Abreise nicht mal ein Spiel in Island anschauen, denn schließlich spielt die Liga Pepsi-Deildin über den Sommer, da es ab September in Island eher dunkel ist. Dafür braucht man den ganzen Sommer kein Flutlicht. Am 10. Spieltag trafen also an einem Mittwochabend bei 9°C und teilweise peitschendem Sprühregen zum Reykjavik-Derby Rekordmeister KR (Knattspyrnufélag Reykjavíkur) und Vikingur aufeinander. Derbys sind in Island eher die Regel als Ausnahme, bis auf wenige Ausnahme kommen alle Vereine aus der Hauptstadt-Region. Teams wie IB Vestmannaeyjar von einer nur per Fähre oder Flugzeug zu erreichenden Insel sind schon exotisch.

KR holte im Jahr 2013 bereits seine 26. Meisterschaft, hinkt aber in der diesjährigen Runde bereits einige Punkte hinter Tabellenführer FH Hafnarfjördur hinterher. Von daher war ein Sieg gegen das punktgleiche Vikingur, bisher überraschend starker Aufsteiger, zwingend notwendig, um den Anschluss zu halten. Vor geschätzt etwas mehr als 1.000 Zuschauern war die Begegnung im ersten Durchgang weitgehend ausgeglichen, erst ab der 25. Minute kam KR besser ins Spiel – zuvor kam auch Vikingur zu Torchancen, die aber durch den guten Torwart Stefán Logi Magnússon vereitelt wurden. Nach dem Seitenwechsel waren die Gastgeber aber die bessere Mannschaft, erzielten in der 53. und 64. Spielminute ihre Treffer zum verdienten 2:0-Erfolg. Das Niveau des Spiels lässt sich natürlich mangels Vergleichsbegegnungen sehr schwer einschätzen. Auf deutsche Verhältnisse gemünzt, hätte es sowohl eine durchschnittliche Zweitligapartie als auch ein Drittligaspiel sein können. Keine der beiden Mannschaften zeigte mehr als zwei sehenswerte Kombinationen bei ihren Offensivbemühungen, die Spielweise war wie auch in Norwegen oder Schweden üblich eher englisch-rustikal geprägt.

Zum Abschluss noch ein paar Impressionen. Eine Tribüne im KR-Völlur gibt es nur auf einer Seite, diese fasst etwas mehr als 1.500 Zuschauer. Mit den restlichen Stehplätzen rund um das Feld erweitert sich die Kapazität laut Wikipedia auf etwa 2.700. Ansonsten versprüht das Stadion schönsten Oberligacharme: Ein kleines Vereinsheim mit vereinseigener Gastronomie, ein Getränke-, ein Essenswagen für die Halbzeitpause. Man kennt sich auf den Tribünen.

Eindrücke aus Stuttgart 7. März 2014

Posted by Max in : WM 2014 , add a comment

Es gibt uns noch! Unglaublich aber wahr, nach langer Pause soll es hier weitergehen. In etwas abgespeckter Form, mit weniger hausgemachten Verpflichtungen wie Notengebung nach Länderspielen. Derlei eingeschlichene Strukturen und ein wahnsinnig unausgeglichener (Frei-)Zeithaushalt waren die Gründe für die längere Auszeit. Jetzt geht’s also wieder los, einfach mit den Themen, die mich rund um mein Abenteuer Fußball bewegen. Hoffentlich einigermaßen regelmäßig, aber sicher auch mal wieder mit Unterbrechungen.

Wir haben im September mit einem Beitrag über die Nationalmannschaft aufgehört, und genau ein Spiel dieses Teams ist jetzt auch Bestandteil des ersten Eintrags im neuen Jahr. Am Mittwoch hatte ich – auf Einladung von Mercedes-Benz – die Gelegenheit, der DFB-Auswahl bei ihren Testspielbemühungen gegen Chile zuzuschauen. Glücklicherweise ein Gegner, der seinem guten Ruf gerecht wurde und ordentlich Power mitbrachte. So entwickelte sich ein sehr sehenswertes, fast schon faszinierendes Fußballspiel mit hohem Tempo. Faszinierend wegen dem über 90 Minuten quasi ununterbrochenen Vorwärtsdrang der Chilenen, aber auch wegen der Schlaffheit der deutschen Bemühungen, die zeitweise schon in schockierende Überforderung mündete.

Es gab irgendwo einen Wendepunkt in diesem Spiel, den ich nicht genau zeitlich einordnen kann. Wahrscheinlich lag er irgendwo zwischen dem Führungstor durch Götze (16. Minute) und der 30. Spielminute. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde die Partie durch beide Teams bestimmt, zwei Mannschaften die in der Anfangsphase mit sehr hohem Tempo das Mittelfeld überbrückten und in Hochgeschwindigkeit das gegnerische Tor suchten. Leider fiel die Deutsche Mannschaft dann ziemlich schnell in alte lethargische Muster zurück, die Körpersprache und -spannung einiger Spieler ließ deutlich nach. Fortan stürmten nahezu nur die Südamerikaner, allerdings bis zum Abpfiff ohne das nötige Glück im Abschluss. Bei der Vielzahl von vergebenen Torchancen kann man da aber auch die Qualitätsfrage stellen: Mit Ausnahme vom letzten Pass großartig und mit vielen variablen Ideen, danach aber kam bis auf einen Lattentreffer nicht mehr viel.

Wenigstens in den ersten 20 Minuten hinterließ die DFB-Auswahl einen guten Eindruck, wenngleich einmal mehr das Problem der fehlenden Balance zwischen Angriff und Abwehr offenbar wurde. Es fehlt ein Stabilisator im Mittelfeld, die ordnende Hand. Mag verrückt klingen, aber Sami Khedira ist für diese Mannschaft wahrscheinlich doch wichtiger, als oft angenommen. Philipp Lahm – diesmal auf der “Sechs” aufgestellt – spielte für mich keine erkennbare Rolle im System, welche die Lobpreisungen seiner Leistungen auf dieser Position im Verlaufe der Saison gerechtfertigt hätte. Auch ein Bastian Schweinsteiger, in Bestform wohlgemerkt, ist für diese Rolle wohl besser geeignet als ein Verschlepper der Marke Toni Kroos. Bis zur 70. Minute, als ich von meinem Sitznachbarn auf sein Mitwirken aufmerksam gemacht wurde, nahm ich vom zuletzt Hochgelobten keinerlei Notiz. Es wäre aus meiner Sicht zu einfach, die zahlreichen Torchancen von Chile nur der ungeordneten Viererkette zuzuschreiben. Vielmehr ist es die eben beschriebene abhandengekommene Stabilität bei der Verbindung der beiden konträren Mannschaftsteile.

Das Team unter der Regie von Joachim Löw ist bekannt dafür, dass es einen klaren Plan im Offensivspiel verfolgt. Was mir am Mittwoch einmal mehr fehlte, ist ein sichtbarer Alternativplan. Nach der verletzungsbedingten Auswechslung von Marcell Jansen kam Marcel Schmelzer in die Partie. Dieser versuchte sich mehrfach in Läufen auf der Außenbahn, es mangelte aber an Anspielen in seinen Laufweg. Die Möglichkeiten dazu wären da gewesen. Doch weder ein Özil, ein Lahm, Kroos, oder wer auch immer den Ball hatte, alle drehten auf dem Weg nach außen lieber ab. Rückpass statt Flügelangriff. Marcel Schmelzer war der Frust deutlich anzusehen. Dabei wäre es durchaus eine Möglichkeit gewesen, auch die Chilenen mal in Verlegenheit zu bringen, mit Klose (und Gomez auf der Bank) wären auch kopfballstarke Spieler als Empfänger und Verwerter von Flanken vorhanden. Es wird wohl ein entscheidender Faktor für den Erfolg der Weltmeisterschaft werden, ob ein Team Löw im Falle ähnlicher Überforderung gegen ähnliche Gegner in Brasilien seine Spielweise umstellen könnte. Übrigens: Der einzige Treffer der Partie wurde ja über die Außenbahn und einem Hackentrick (!) von Marcell Jansen (!!!) eingeleitet.

Wie also soll man dieses Spiel nun einordnen? Bereits am Montag hatte der Bundestrainer mit einigen markigen Worten eine deutliche Ansprache über die Medien gesetzt. Löw dürfte sich durch diese Partie bestätigt fühlen, seine Worte später in der Pressekonferenz waren da eindeutig: Dass die Spieler nun doch hoffentlich gesehen hätten, dass auch ein Team wie Chile ein guter Gegner ist und nicht im Vorbeigehen zu erledigen. Es ist noch ein weiter Weg bis Brasilien, der aufgrund der zu erwartenden schwierigen Vorbereitung mit Abwesenheit diverser Stammspieler holprig werden könnte. Zu früh ist es, um den – auch im Vorfeld im Gespräch von Giovanne Elber geäußerten – Topfavoritenstatus der DFB-Mannschaft in Frage zu stellen. Aber es gibt wohl bei der WM doch noch mehr als Deutschland und Argentinien, Elbers Geheimtipp.

Wer noch mehr über das erfahren möchte, was in Stuttgart gelaufen ist, dem empfehle ich die ebenfalls anwesenden Kollegen:

Färinger Nächte 12. September 2013

Posted by Moritz in : WM 2014 , 1 comment so far

Spiele gegen die Färöer haben immer etwas anstregendes. Egal wie unterlegen und kurios die Inselbewohner im vornherein wirken, bisher rieb man sich danach, ob der starken Leistung doch die Augen. Letztendlich reichte es auch am vorgestrigen Abend nicht zu einer Überraschung, doch mit ihren defensiven Qualitäten zwangen sie die deutschen Gäste zu einem teilweise unfassbar zähen Spiel.

Nach einem forschen Auftakt, der überraschte und beinahe sogar mit einem Tor gekrönt wurde, übernahm die Mannschaft von Löw aber sofort das Kommando und drängte den Gastgeber weit zurück. Doch das war es erstmal auch. Gegen das gut verschiebende Abwehrbollwerk fehlte letztendlich etwas an Entschlossenheit und Zielstrebigkeit. Die Passsicherheit mag zwar beeindrucken, wirkt phasenweise aber auch wie ein Abbild von komplizierter Ideenlosigkeit.

Zwar traf Klose mal den Innenpfosten und der eine oder andere Schuss sah durchaus gefährlich aus. Letztendlich musste aber auch Jogi Löw nach dem Spiel anerkennen, dass seine Mannschaft auf diesem Gebiet doch noch einiges einzustudieren hat. Symptomatisch mussten letztlich zwei Standardsituationen das Spiel auf den rechten Weg bringen. Nach einer Ecke und einem berechtigten Elfmeter, für dessen Verursachung der Gastgeber auch noch in Unterzahl geriet, fiel das erste Tor aus dem Spiel heraus erst gegen Ende der Partie.

Nichtsdestotrotz rückt die Qualifikation rückt in immer größere Nähe. Daran änderte auch die Partie auf den entlegenen Inseln der Färöer nichts. Im Gegenteil auch dort muss man erstmal letztendlich klar mit 3-0 gewinnen. Wie sich die einzelnen Spieler auf dem Eiland in Torshavn schlugen lässt sich wie immer in der Einzelkritik nachvollziehen.

Manuel Neuer: Nach gerade wenigen Sekunden musste er überraschend hellwach sein. Die Färinger legten los wie die Feuerwehr, einen folgenlosen Wackler erlaubte er sich und ansonsten gab es erwartungsgemäßg nicht viel zu tun. Note: 3

Phillip Lahm: Il piccolo capitano hatte viele Freiheiten, die er für seine aufgerücktes Spiel zu nutzen wusste. Sein Vorwärtsgang produzierte gerade in der zweiten Halbzeit aber auch viele ungefährliche Flanken und Pässe. Insgesamt hätte man sich über mehr Impulse über außen sicherlich gefreut, aber für die Vorarbeit zum dritten Tor reichte es dennoch. Note: 3

Per Mertesacker: Der Abwehrschlaks erzielte sein drittes Tor und den einzigen Treffer der ersten Halbzeit nach einer Ecke. Das allein ist eigentlich schon ein Ausrufezeichen wert. Zusätzlich sorgte er mit einer souveränen Leistung auch für eine positive Torbilanz der gesamten Mannschaft. Note: 2

Jerome Boateng: Gleich zu Beginn rückte er in den Fokus, als mit einem Block einen frühen und blamablen Rückstand verhinderte. Auch sonst ließ er sich nicht überrumpeln und legte er für einen Verteidiger ungewohnt auch weite Wege zurück und nahm sich die Freiheit den Platz in seiner gesamten Länge und Breite zu erkunden. Warum auch nicht. Note: 3

Marcel Schmelzer: Gefühlt war es in der ersten Halbzeit eines der besseren Spiele von Schmelzer im Nationaldress. Defensiv nicht gefordert koexistierte er zwar gut mit Draxler, ließ dann aber vor allem nach der Pause einiges an Sicherheit vermissen, was die Färinger trotz Unterlegenheit zu nutzen wussten. Note: 4

Sami Khedira: Bei seinem Kopfball auf das fast leere Tor ließ er zwar Zielwasser vermissen, absolvierte aber ansonsten einen wieder einmal eine souveräne Partie, in der er sich öfter nach vorne rücken konnte, ohne dass auf Kosten seiner Aufgaben in der Defensiv ging. Note: 3

Toni Kroos: Es war ein unauffälliges Spiel des Müncheners, der weiß, wie man sich vornehm zurück hält, wenn ohnehin schon alles mit Spielern verstopft ist. Es gab zwar wieder den einen oder anderen Versuch eines Fernschusses, ein Volltreffer wie zuvor gegen Österreich blieb aber aus. Note: 3

Thomas Müller: Müller hatte seine wichtigste Szene im Spiel, als er bei einem Tempogegenstoß (!) gegen die Färinger (!) geschickt den Verteidiger kreuzt und einen Elfmeter gewinnt. Ansonsten stieß er oft wenig effektiv in die Spitze. Das Tor zum Endstand geht auch auf seine Kappe. Note: 3

Mesut Özil: Wie immer war der Neu-Arsenalist ein wichtiger Ballverteiler vor dem Strafraum und dort praktisch überall zu finden. Auch wenn ihm an diesem Abend nicht so sehr an Ideen fehlte, eine wirklich zündende, wie das Bollwerk zu durchdringen ist, war nicht dabei. Gleichzeitig legte er die folgenschwere Ecke zur Führung auf und versenkte gekonnt den Elfmeter zum 2-0. Note: 2

Julian Draxler: Die Schalker Symbolfigur rutschte für Reus in die Startaufstellung und bildete mit Schmelzer zu Beginn ein harmonisches Pärchen. Auf der linken Seite fügte er sich gut in die Mannschaft ein. Ein wenig lies er aber das Kombinationsspiel vermissen, so dass nur seine Aktionen am Ball, die gerne in Fernschüsse mündeten, unter ferner liefen im Gedächtnis blieben. Note: 4

Miroslav Klose: Der frischgebackene Rekordnationalmannschaftstorschütze schien in dieser Partie nicht allzu gesteigerten Wert darauf zu legen alleiniger Rekordnationalmannschaftstorschütze zu werden. Er hatte zwar die eine oder andere Chance und traf auch den Innenpfosten, verlor sich aber als Anspielstation im recht statischen Defensivspiel der Färinger. Note: 4

FAZIT: Ein letztendlich ungefährdert Pflichtsieg gegen eine forderndere Defensive als so mancher Großer zu bieten hat, bringt die deutsche Nationalmannschaft einer ungefährdeten Qualifikation für die WM näher. Ganz wichtig ist auch festzuhalten, dass es wieder einmal kein Gegentor gab. Letzlich fehlen nur noch zwei Punkte für die hundertprozentige Sicherheit.