Nordostfussball

Winterpausen-Statistik: RB Leipzig

Posted by Max on Dezember 28, 2014
Bundesliga, Nordostfussball / No Comments

Es ist Winterpause. Diese spielfreie Saisonphase wird kurz nach den besinnlichen Festtagen nicht nur für wenig besinnliche, wilde Transfergerüchte genutzt, sondern gerne auch, um auf die erste Saisonhälfte zurückzublicken. Genau das möchte ich heute mit RB Leipzig machen, dem viel beachteten Aufsteiger in der Zweiten Bundesliga. In den Vordergrund stellen möchte ich dabei, neben ein paar persönlichen Eindrücken, vor allem statistisches Material, welches ich im Lauf der letzten Monate über die Liga gesammelt habe.

Das erste Halbjahr der Rasenballer war – sportlich gesehen – eines mit vielen Höhen und ein paar Rückschlägen. Zwischen den Heimspielen zum Saisonauftakt (0:0 gegen Aalen) und kurz vor Weihnachten (1:1 gegen 1860 München) konnte man gewisse Ähnlichkeiten erkennen in einer bemühten, aber arg verkrampften Spielanlage. Doch dazwischen lag ein guter Saisonstart und ein abfallender Trend in den Wochen ab November. Als sinnvoller Vergleich für die Entwicklung der Mannschaftsleistungen taugt wohl eher das 3:0 in München im August, dem ersten richtig überzeugenden Auftritt des Teams, und dem zähen 1:1 vor einigen Tagen gegen den selben Gegner im eigenen Stadion. Nachfolgende Grafik verdeutlich den Leistungsabfall in den letzten Wochen.

141228_fieberkurve_positionenDem erfolgreichen Saisonstart mit elf Punkten aus fünf Spielen ohne Niederlage folgte Ende September die erste Pleite – “ausgerechnet” bei Union Berlin. Jenem Verein, der es sich offenbar besonders auf die Fahne geschrieben hat, gegen RB anzukämpfen. Spätestens ab dem achten Spieltag ist jedoch ein tabellarischer Abwärtstrend zu erkennen. Ab da gab es mit drei Spielen ohne Dreier die bisher längste Sieglos-Serie, wobei es im gleichen Zeitraum nur eine Niederlage gab bei zwei Unentschieden. Von einem wirklichen Negativ-Trend zu reden, ist zumindest mit Blick auf diese Werte eher wie das Suchen mit der Nadel im Heuhaufen. Für einen Aufsteiger (auch wenn RB sicher kein “normaler Aufsteiger” ist) lesen sich 29 Punkte nach 19 Spielen sehr positiv, zumal der Abstand auf den direkten Aufstiegsplatz nur vier Punkte beträgt. Das RB aber ab Mitte der Hinrunde zumindest den Kontakt zum souveränen Tabellenführer Ingolstadt verloren hat, zeigt die nächste Grafik – die Punkteschere zwischen den Oberbayern und RB Leipzig ging zuletzt immer weiter auseinander.

141228_fieberkurve_punkte

Dass die Leistungen der letzten Wochen trotz nach wie vor guter Tabellenposition nicht mehr an die Spiele im Sommer und Frühherbst herankamen, ist offensichtlich. Im folgenden habe zunächst einige Fakten über die eher geringe Trefferanzahl der Mannschaft zusammengetragen.

  • In den ersten neun Spielen erzielte das Team 14 Tore (Schnitt: 1,56). In den darauffolgenden zehn Partien gab es nur noch acht Treffer, der Schnitt sank auf 0,8 pro Spiel.
  • Acht Spiele, also etwas weniger als die Hälfte aller Spiele konnte RB Leipzig keinen eigenen Treffer erzielen. In fünf Spielen gab es nur ein Tor.
  • Mit einem Mittelwert von 1,16 Toren pro Spiel sind nur vier Teams ungefährlicher (Nürnberg, Sandhausen, Aalen, Aue).
  • Acht Spieler haben sich bisher für RBL in die Torschützenliste eingetragen. Unumstrittener Goalgetter ist Yussuf Poulsen (acht Tore). Er ist dabei auch der effektivste regelmäßige Spieler, benötigt nur knapp 159 Minuten pro Treffer. Ihm folgen Terrence Boyd (177 Minuten pro Tor) und Daniel Frahn (343 Minuten pro Tor). Was man in den letzten Wochen gesehen hat, verströmten aber fast ausschließlich Poulsen und Boyd Torgefahr. Für Kapitän Frahn scheint die Leistungsgrenze erreicht, zuletzt gab es harte Gerüchte, dass er bald aussortiert wird.
  • Der mittlerweile nach Ried verliehene Denis Thomalla erzielte in 99 Spielminuten bei einer Einwechslung einen Treffer als Einwechselspieler. Dieses Tor gegen 1860 München und ein weiteres von Mathias Morys im gleichen Spiel waren die einzigen Joker-Tore bisher.

RB Leipzig hat die wenigsten Treffer aller Teams bis zu seiner aktuellen Tabellenposition. Warum die Mannschaft trotzdem gut im Rennen ist, liegt auch in der starken Defensivarbeit begründet – auch wenn man davon in einigen Spielen, insbesondere gegen 1860 München zuletzt, als letztendlich auch bestraftes Abwehr-Harakiri gespielt wurde, manchmal nicht viel merkt. Nur zwölf Gegentore in 19 Partien jedoch sind Ligabestwert. Neunmal bereits gingen die RB-Torhüter Bellot und Coltorti ohne Gegentreffer vom Feld, achtmal setzte es nur einen Treffer. Lediglich Union Berlin und Fortuna Düsseldorf erzielten zwei Tore gegen die RB-Abwehr, jeweils gegen Benjamin Bellot im Kasten. Wenn man diese Fakten zusammenfasst, wundert es auch nicht, dass die drei häufigsten Ergebnisse lauten: 0:0 (fünfmal), 0:1 (dreimal), 1:0 (zweimal).

Nun folgen noch eine ganz Menge weiterer Queer-Beet-Fakten aus den ersten 19 Saisonspielen:

  • Den einzigen Elfmeter der Saison für die Roten Bullen vergab Daniel Frahn in München. Gegen sich bekam das Team noch keinen Strafstoß gepfiffen.
  • In einer fiktiven Tabelle der ersten 45 Spielminuten ist RB Viertplatzierter, während man in der Tabelle der zweiten Spielhälfte nur auf dem zehnten Rang liegt. Bestätigt den Eindruck, dass RB nicht immer eine konstante Leistung über die volle Spielzeit gelingt.
  • Konditionelle Probleme sind es wohl allerdings nicht: In einer Tabelle der Schlussviertelstunde liegt RB Leipzig auf Tabellenrang 7. Bochum wäre hier übrigens Zweiter, Sandhausen Vierter.
  • In der Heimtabelle ist RB Fünfter (19 Punkte), auswärts liegt das Team auf dem zehnten Platz (10 Punkte).
  • Diego Demme ist der einzige Spieler, der in allen Saisonspielen mitgewirkt hat. Dabei stand er bis auf das Spiel gegen Kaiserslautern in der Startformation. Dort wurde er eingewechselt, ansonsten siebenmal ausgewechselt.
  • Anthony Jung absolvierte bis zu seinem Platzverweis in Aalen als einziger Spieler im Kader jede Spielminute der Saison. Er ist trotz der dort verpassten Spielzeit und der nachfolgenden Sperre mit 1.586 Spielminuten der Dauerbrenner der Mannschaft.
  • Zsolt Kalmar wurde in neun Spielen eingewechselt und führt damit diese Statistik an. In einer Partie stand der Ungar in der Startformation, da wurde er aber ausgewechselt. Somit kommt Kalmar trotz zehn Einsätzen auf nur 187 Spielminuten – die wenigsten aller Spieler mit mindestens zehn Saisoneinsätzen.
  • Kapitän Daniel Frahn wurde bei 17 Einsätzen (davon 14 in der Startformation) zwölfmal vorzeit vom Platz genommen. Ein weiterer Nachweis einer eher mäßigen Hinrunde des Kapitäns.
  • 42 Gelbe Karten und zwei Gelb/Rote-Karten (für Clemens Fandrich und Anthony Jung) stehen in der Sünderkartei. Das ist Platz 13 in der Liga. Rani Khedira ist mit sechs Verwarnungen mannschaftsinterner Spitzenreiter, gefolgt von Marvin Compper und Daniel Frahn (jeweils fünf). Insgesamt wurden schon 17 Spieler im RB-Kader verwarnt.
  • In den 19 Partien wurde RB Leipzig von 18 verschiedenen Schiedsrichtern gepfiffen. Lediglich Christian Dingert begleitete zwei Spiele der Mannschaft. In diesen beiden Spielen zeigte er keinem RB-Spieler eine Karte.
  • Insgesamt kamen bisher 263.477 Zuschauer bei zehn Heimspielen in die Red Bull Arena. Im Durchschnitt liegt man damit hinter Nürnberg, Kaiserslautern und Düsseldorf auf dem vierten Platz. Die Spannweite geht von 18.235 Besuchern (Spieltag in der Woche, gegen Karlsruhe) bis zu 38.660 gegen St. Pauli. Lediglich bei Nürnberg (und hier auch nur durch das fast ausverkaufte Derby) ist die Differenz zwischen niedrigster und höchster Besucherzahl größer.
  • Auswärts kamen bisher 152.615 Zuschauer zu den RB-Gastspielen, das sind 16.957 im Durchschnitt (Stadionauslastung ca. 57 %). Damit liegt man lediglich auf dem elften Rang, wobei diese Statistik natürlich verfälscht ist – noch haben ja nicht alle Teams auf allen Plätzen gespielt.

Wer noch nicht genug vom Zahlenwust hat, für den habe ich die bisherige Saisonstatistik des RB-Kaders mithilfe meiner Statistik-Software zusammengestellt. Hier entlang!

Meine Statistik beschränkt sich nicht nur auf RB Leipzig, sondern umfasst die gesamte Zweite Bundesliga. Die Highlights des gesamten Materials werde ich in den nächsten Tagen an dieser Stelle präsentieren.

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Auer Absturz

Posted by Max on Dezember 19, 2014
Bundesliga, Nordostfussball / No Comments

Er hat es wieder getan: Jakub Sylvestr erzielte auch im Rückspiel gegen den FC Erzgebirge Aue den entscheidenden Treffer zum 1:0-Sieg für seinen neuen Arbeitgeber 1. FC Nürnberg. Ein klarer Fall von “ausgerechnet Sylvestr”. Bis zum Sommer spielte der Slowake zwei Jahre lang im Erzgebirge und trug dort als Torjäger maßgeblich zu zweimal Klassenerhalt bei. Jakub Sylvestr steht für eine bessere Zeit im Erzgebirge, denn aktuell mühen sich seine ehemaligen Mitspieler und Sturm-Nachfolger vergeblich darum, eine zweitligataugliche Mannschaft darzustellen.

Die Saison ging schon denkbar schlecht los: Noch unter Trainer Falko Götz gab es vier Niederlagen an den ersten Spieltagen im August. Zweimal knapp auswärts (Nürnberg, Leipzig), aber vor allem auch zweimal ziemlich heftig im eigenen Stadion – 1:5 gegen Bochum, 0:3 gegen Düsseldorf. Den Mechanismen des Geschäfts folgend wurde Götz entlassen, aber auch Präsident Lothar Lässig trat von seinem Amt zurück. Die Lücke wurde geschlossen mit Helge Leonhardt, Bruder von Uwe Leonhardt, der von 1992 bis 2009 bereits Präsident beim FC Erzgebirge war. Der neue starke Mann im Verein präsentierte sich vom ersten Moment als Draufgänger mit klaren Worten, klaren Positionen. Einen “Karacho-Plan” kündigte er an, damit der Verein schnell wieder aus der Talsohle herauskommt. Und gleich mit seiner ersten Entscheidung sorgte er dann auch für eine große Überraschung: Tomislav Stipic wurde verpflichtet, ein bis dato unbekannter Nachwuchstrainer aus Ingolstadt.

Es folgte die bislang beste Phase dieser Saison. Zwar gab es auch unter Stipic zunächst eine Niederlage gegen die Überflieger aus Darmstadt, doch die Mannschaft präsentierte sich schnell verändert, frischer und kreativer. Drei Heimsiege in Folge gegen St. Pauli, Aalen und 1860 München, dazu Remis in Ingolstadt, Sandhausen und Frankfurt hievten die Veilchen für eine Weile aus der direkten Abstiegszone. Doch die Form der Früherbst konnte das Team nicht halten, der bis heute letzte Sieg datiert vom 19. Oktober (gegen 1860), seitdem gab es in acht Spielen nur drei Punkte. Teils unglückliche Punktverluste zwar, gegen Heidenheim etwa vergab das Team reihenweise gute Möglichkeiten, aber nur von einer Ergebniskrise zu reden, reicht nicht.

Leonhardt und Stipic, das wurde schnell klar, ist kein normales Duo. Der junge Trainer Stipic, ein Mann mit interessanten Ideen und Ansichten, die ja zumindest in seiner ersten Phase Erfolg hatten. Soviel wurde in den drei Monaten ihrer Zusammenarbeit klar: Stipic ist Leonhardts Mann. Beide präsentieren sich als Einheit und schlagen verbal in eine ähnliche Kerbe. Der eine (Leonhardt) etwas lauter, der andere (Stipic) eher sachlich. Die Frage jedoch ist, ob insbesondere das harte Draufgehen von Leonhardt in der aktuellen Situation wirklich förderlich ist. Vor dem Spiel am vergangenen Wochenende gegen Heidenheim gab er bei Sky ein für mich bemerkenswertes Interview. Leonhardt äußerte sich dort mit klaren Worten zur aktuellen sportlichen Situation:

Der Kader wurde umfangreich analysiert von Stipic und Co. Wir haben ein Rating gemacht über jede Person. Deshalb kann ich jetzt nicht über Personen sprechen, wenn wir noch drei Spiele haben. Das ist auch eine Frage, wie geht man mit dem Kader um, wie geht man mit der Perspektive um, du hast einen Bestand, im Ernstfall würde ich auch den Kaderstamm verkleinern und würde mit denen weiterarbeiten, die die Fights hier annehmen im Erzgebirgsstadion, die unsere Tugenden annehmen. Wir brauchen hier jetzt keinen schönen Fußball zu spielen, wir müssen draufdreschen, wir müssen ein Zeichen setzen. Damit unsere Fans uns die Treue halten, aber nicht nur wegen den Fans, wir werden dann auch Erfolg haben. Da bin ich mir sicher. Wir haben ein klares Rating und wir haben eine Perspektive. Und die Perspektive heißt Veränderung.

Ich halte es in einer solchen Lage, wie sich der FC Erzgebirge derzeit befindet, nicht für besonders klug, offen über ein mannschaftsinternes Rating und daraus abzuleitenden Veränderungen zu reden. Insbesondere unter dem Aspekt, dass Aue mit bisher 24 Spielern inklusive Ersatztorwart im Vergleich zu anderen Zweitligateams nicht auffällig viele Spieler im Kader hatte. Der Stamm besteht aus zehn Spielern, die bisher bei mindestens 16 der 18 Partien mitgewirkt haben. Alle diese Spieler standen auch gegen Heidenheim in der Startformation, wo sich Trainer Stipic direkt im Anschluss an die Leonhardt-Aussagen folgendermaßen äußerte:

Wir haben heute eine richtig gute Aufstellung. Wir haben eine Mannschaft zusammengestellt, die in der Lage ist dieses Spiel zu gewinnen. […] Wir sind aktuell Tabellenletzter, haben aber eine bessere Stimmung als unser Tabellenplatz aussagt. Wir sind auf dem Weg, wieder ein Team zu werden. In den letzten Spielen […] haben wir allen Spielern das Vertrauen gegeben, auch im Wettkampf zu spielen, um sie dann auch zu sehen, zu begutachten. Jetzt haben wir uns heute für diese elf Spieler entschieden, die das absolute Vertrauen haben – und natürlich auch die Qualität.

Rating erstellt, alle Spieler im Wettkampf getestet, und trotzdem den gleichen Stamm wie im großen Teil der Saisonspiele auf dem Feld? Da stellt sich dann schon die Frage, welche Veränderungen Leonhardt konkret meint. Welche Spieler den Kaderstamm verlassen sollen um diesen zu verkleinern. Zumal Stipic seinen Stammspielern – wenn auch nur im Nachsatz – explizit Qualität zugesprochen hat. Das wird wohl eine spannende Wintertransferperiode im Erzgebirge, sicher auch wieder mit interessanten Aussagen des Duos Leonhardt/Stipic.

Gegen Heidenheim endete das Spiel übrigens 1:1. Der Optimismus von Stipic vor dem Spiel wurde zumindest dahingehend bestätigt, dass Aue dort seine beste Leistung seit einigen Wochen zeigte. Nun bleibt noch am Sonntag die Chance in Bochum den Abstand auf die Nichtabstiegsränge (vier Punkte) bzw. den Relegationsplatz (drei Punkte) bis zur Winterpause zu verringern.

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Aufstieg und Erinnerung

Posted by Max on Mai 04, 2014
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Jetzt ist es also geschehen. RB Leipzig schafft durch ein locker-leichtes 5:1 gegen den bereits abgestiegenen 1. FC Saarbrücken vor mehr als 40.000 Zuschauern den Aufstieg in die Zweite Bundesliga. Wenn dort am 1. August die neue Saison beginnt, wird dann erstmals seit 16 Jahren wieder eine Mannschaft aus Leipzig dabei sein.

Rückblick: Am 7. Juni 1998 verpasst der VfB Leipzig durch ein 0:0 am letzten Spieltag gegen die SG Wattenscheid 09 den Klassenerhalt. Ein Sieg in diesem direkten Duell hätte gereicht, und die Bochumer wären abgestiegen. Es war jedoch bis heute das letzte Lebenszeichen des Leipziger Fußballs in den beiden höchsten deutschen Spielklassen. Damals mit dabei und eingewechselt: Ronny Kujat. Ein Leipziger Fußballurgestein, der zehn Jahre später auch in der ersten Saison von RB Leipzig noch dabei war – und heute noch für den Verein arbeitet. Kujat steht wohl wie kaum ein Zweiter für die Wandlung des Fußballs in der Messestadt in den letzten 20 Jahren: Mit dem VfB Leipzig aus der Bundesliga abgestiegen. Aus der Zweiten Liga abgestiegen. Auf- und Abstiege mit dem FC Sachsen Leipzig. Gründungsmitglied einer neuen Zeitrechnung in Markranstädt, den Geburtshelfern von RB Leipzig.

Während meine Erinnerung an Ronny Kujat noch sehr lebendig ist, habe ich die Fakten zum Entscheidungsspiel im Sommer 1998 eben nachschlagen müssen. Mein Interesse für den Fußball entstand erst kurz darauf, irgendwann im Verlauf der Weltmeisterschaft in Frankreich. Den letzten Kick gab das Finalspiel mit den überragenden Franzosen. Natürlich schaut man sich danach schnell nach Fußball in der Heimatstadt um. Was es in den nächsten Jahren zu sehen gab, war eher ernüchternd. Im Jahr nach dem Abstieg gelang dem VfB fast der direkte Wiederaufstieg. Doch schon bald mehrten sich die Anzeichen in Richtung Insolvenz, und so führte der Weg trotz Platz 9 im Jahr 2000 per Zwangsabstieg in die Oberliga. Vier weitere Spielzeiten quälte man sich dort mit den Folgen des vorherigen Insolvenzverfahrens und offensichtlicher Inkompetenz in der Vereinsführung bis zur letztendlichen Vereinsauflösung. Der kurz darauf neugegründete 1. FC Lokomotive Leipzig konnte nie mein Interesse wecken und kämpft heuer wohl erfolglos für den Klassenerhalt in der viertklassigen Regionalliga. Chronische Liquidiätsprobleme und Streitigkeiten in der Vereinsführung sind auch hier eher die Regel statt eine Ausnahme.

Für den FC Sachsen Leipzig lief es nicht wirklich besser. Die Chemiker – in Anspielung auf die zu DDR-Zeiten real existierende und heute als Kopie auflaufende BSG Chemie – spielten nach der Wiedervereinigung nie in der ersten oder zweiten Bundesliga, waren 1995 aber zumindest nah dran. Ab 1998 führte der Weg aber auch im Stadtteil Leutzsch stetig nach unten. Trotz eines hart erkämpften Klassenerhalts in der damals drittklassigen Regionalliga musste der FC Sachsen zwangsabsteigen. Nachfolgend gab es diverse erfolglose Bemühungen: Trainer wie Wolfgang Frank oder Eduard Geyer versuchten ihr Glück, selbst Rolf-Christel Guié-Mien spielte für einige Zeit in Leipzig. 2007 klopfte dann erstmals Red Bull in Leipzig an – die Übernahme scheiterte unter anderem an einer fehlenden Einigung bzw. zum Verbot der Umbenennung des Vereins. Weiter: Abstieg, Finanzprobleme, Zuschauerschwund – unter anderem, weil der Verein im Nachwuchsbereich eine Kooperation mit RB Leipzig anstrebte – letztendlich auch hier die Auflösung des Vereins 2011.

Das ist die Geschichte des Leipziger Fußballs, die ich seit 1998 kenne. Obwohl ich mich emotional den Grün-Weißen aus Leutzsch verbunden fühlte, haben mich all diese Umstände in die Arme des Bundesliga-Dinos HSV getrieben. Kurios und ernüchternd, dass es auch hier die Finanzgeschichte derzeit ähnlich läuft wie in Leipzig zwischen 1998 und 2011.

Epilog: Ich wurde in letzter Zeit hin und wieder gefragt, wie ich eigentlich zu RB Leipzig stehe. Nun bin ich zwar lange kein Fan des Vereins, aber zumindest ein Sympathisant. Auch wegen der eben erklärten Geschichte. Ich kenne keinen Zweitligafußball in der Stadt mehr, von Bundesligaspielen ganz abgesehen. Dazu musste ich zeitlebens mindestens die zweihundert Kilometer nach Berlin fahren. Natürlich wäre es auch mir lieber, einer der nicht mehr existierenden Leipziger Traditionsvereine würde jetzt an der Stelle von RBL stehen – doch die Geschichte hat einen anderen Weg vorgesehen. Mit dem Weg der sportlichen Entwicklung seit dem Wirken von Ralf Rangnick kann ich mich identifizieren, während ich RB vorher auch durch die Transferpolitik “Altstars kaufen” eher kritisch sah. Solange man beim Verein eine klare Entwicklungslinie verfolgt – wie übrigens auch in Hoffenheim oder seit Allofs auch in Wolfsburg – werde ich über solche Diskussionen nur lächeln können oder auch über diese bösen Androhungen hinwegsehen.

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Symbolpolitik

Posted by Max on April 26, 2014
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Vor wenigen Minuten gewann RasenBallsport Leipzig mit 1:0 in Rostock. Damit rückte die ostdeutsche Abordnung des Brausekonzerns aus Österreich ein großes Stück näher Richtung Aufstieg. Mit einem Sieg am kommenden Wochenende gegen den 1. FC Saarbrücken im eigenen Stadion kann der direkte Durchmarsch finalisiert werden. Ab durch die Dritte – so hatte es die RB-Marketingabteilung bereits vor der Saison, sehr zum Unmut von Trainer Alexander Zorniger, formuliert. Nun scheint der kühne, aber schon im letzten Sommer nicht völlig unrealistische Wunsch Realität zu werden. Die neue Saison wirft ihre Schatten schon voraus. In der vergangenen Woche hatte RB Leipzig unter Auflagen die Lizenz für die Zweite Bundesliga erhalten. Seitdem wird fleißig diskutiert.

Ein interessanter Randaspekt dieses Spieltages war, dass Andreas Rettig, DFL-Geschäftsführer und damit irgendwie auch oberster Gralshüter der Lizenzen, die Partie von RB Leipzig in Rostock im Stadion verfolgte. Rettig, der DFL-Mann, also bei einer Partie der Dritten Liga – bekanntlich einem DFB-Wettbewerb. Nun ist es ihm nicht verboten, privat solche Spiele zu verfolgen. Doch der Zeitpunkt ist schon interessant. Schließlich hatte es Rettig in dieser Saison perfektioniert, in diversen Interviews immer wieder kleine Spitzen gegen die Leipziger fallen zu lassen. Es war nie ein Frontalangriff, da ist Rettig Diplomat genug. Doch seine klare Haltung und Abneigung zum Geschäftsmodell RB Leipzig ließ er immer wieder durchblicken, erwähnte mehrfach, dass er eine Lizenzerteilung in der aktuellen Konstellation sehr kritisch sieht. Der Weser-Kurier vermutete schon vor einigen Wochen, dass hier wohl die “feine Hinterzimmer-Diplomatie” zwischen Verein und Ligaverband einen Kompromiss aushandelt, der am Ende eine Lizenz mit Auflagen für RB Leipzig vorsieht. So kam es dann auch. Richtigerweise vermutete das Blatt auch, dass die “juristisch Hintergründe reichlich schwammig wirken”. Letztendlich sind es drei Auflagen für RB Leipzig geworden:

Auflage 1: Ein neues Logo muss her
Klar, Regeln sind Regeln. Aber von den drei Auflagen kann man diese wohl mit größter Wahrscheinlichkeit als Symbolpolitik der DFL abstempeln. Natürlich ähnelt das aktuelle Vereinswappen sehr stark dem Firmenlogo von Red Bull. Das ist weder schwer erklärbar noch eine große Überraschung. Doch was genau würde sich mit einem anderen Logo ändern? Würde damit die intime Verbindung zwischen dem Verein RasenBallsport e.V. und dem Konzern Red Bull weniger greifbar werden? Stadionname, Banden- und Trikotwerbung, Rahmenprogramm, das blanke Wissen um die Hintergründe dieses Vereins – nichts würde sich ändern. RB Leipzig und Red Bull bleiben untrennbar miteinander verbunden. Die Änderung des Vereinslogos wäre hier nur ein ganz kleiner Tropfen auf den (zu) heißen Stein. Erinnert sei an die Anfangsphase des Vereins: Damals spielte man in der Hoheit des Sächsischen Fußballverbandes, dieser lehnte das Logo ebenfalls schon ab – was zur Folge hatte, dass der Verein einfach ohne Logo auftrat. Nach dem Aufstieg in die Vierte Liga genehmigte der DFB das Wappen – jetzt geht der Spaß wieder von Neuem los. So albern diese Auflage auch scheint, in einigen Fankreisen wird diese doch auf Zustimmung stoßen. Etwa bei den Rasenballisten (“Für RasenBallsport, gegen Red Bull”), die in der Vergangenheit schon mehrfach die zu starke Assoziierung des Logos mit dem Geldgeber kritisierten.

Auflage 2: Neubesetzung der Führungsgremien
Diese Auflage ist weit weniger banal und durchaus diskussionswürdig. Im Kern geht es der DFL um die Frage, ob im Verein die oft benannte “50+1 Regel” ausgehebelt wird. Allerdings gilt diese Regelung nur für Kapitalgesellschaften, die aus Vereinen hervorgegangen sind und wo die Mehrheiten weiterhin beim Stammverein liegen. Dagegen argumentiert RB Leipzig, dass man ein Verein im klassischen Sinne sei und kein Interesse habe, den Profifußball in eine Kapitalgesellschaft auszugliedern. Soweit die vermeintlich klare rechtliche Grundlage, nichtsdestotrotz sind natürlich sämtliche Entscheidungsposten von Abgesandten aus Österreich besetzt. Aber eben in einer klassischen Vereinsstruktur.

Auflage 3: Vereinfachte Mitgliedschaft
Die Zahlen wurden zuletzt mehrfach durch die Presse getrieben: 800 Euro Mitgliedschaftsgebühr pro Jahr, dazu kommen 100 Euro einmalige Aufnahmegebühr. Außerdem könne der Vorstand jeden Mitgliedsantrag ohne Angabe von Gründen ablehnen. Das alles soll dazu geführt haben, dass RB Leipzig wohl nur eine einstellige Anzahl von Mitgliedern hat. Interessant aber, dass RB-Geschäftsführer Ulrich Wolter vergangenes Jahr mal von über 250 Mitgliedern sprach. Die Argumentation, man wolle sich Zuständen mit Ultra-Gruppierungen wie in anderen Vereinen entziehen ist natürlich hanebüchen. Der wahre Grund, einen möglichst reibungsfreien Einfluss des Geldgebers zu gewährleisten, liegt klar auf der Hand. Ich bin nun kein Kenner des deutschen Vereinsrechts, aber bei RB Leipzig ist man sich sehr sicher, alle Ansprüche des Gesetzgebers zu erfüllen. Von daher ist es nur logisch, dass man alle Winkel der Gesetze ausschöpft um den von Red Bull verfolgten Zweck zu gewährleisten. Sollte es tatsächlich zu einem Rechtsstreit um die RB-Lizenz kommen, wäre ich auf diesen Punkt besonders gespannt: Was gibt das Vereinsrecht her? Kann die DFL bestimmen, wie ein Fußballverein organisiert sein muss oder ist das schon Anmaßung?

Wenn die Diplomaten aus Verband und Verein schon diesen Auflagen-Kompromiss erarbeitet haben, wird es wohl auch in letzter Instanz bei der endgültigen Vergabe Ende Mai eine Einigung geben. Spannend fände ich eine gerichtliche Auseinandersetzung aber in jedem Fall – weil es wohl wahrscheinlich ist, dass die Auflagen der DFL kaum rechtlich Bestand hätten. Die Frage ist, ob RB Leipzig diesen Weg tatsächlich einschlagen will, denn so etwas kann sich bekanntlich lange hinziehen und zu einem unsicheren Schwebezustand in der Sommerpause führen – nicht nur bei den Leipzigern, sondern auch bei einem potentiellen Nachrückerverein. Den Streit um das Vereinslogo kann man sicher einfach aus der Welt räumen. Eine kreative Idee der Marketing-Abteilung von Red Bull wird da schon eine brauchbare, nicht anfechtbare Alternative hervorbringen. Bei den anderen beiden Punkten bin ich aber gespannt auf die Kompromissbereitschaft des Vereins.

Ärgerlich in diesem Zusammenhang aus Leipziger Sicht ist aber auch die fehlende Einigkeit zwischen DFB und DFL. Gerade in so elementaren Fragen müsste doch zwischen den beiden Verbänden Einigkeit herrschen. Der DFB winkt RB Leipzig samt Vereinsstruktur und Logo in seinen Ligen durch, die DFL stresst mit Hardliner Rettig an der Spitze. Von daher wäre ein gerichtlicher Präzedenzfall sehr interessant – er könnte einige Dinge im deutschen Fußball auf den Kopf stellen.

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Ein starkes Stück

Posted by Max on April 20, 2014
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1:0 gewonnen. Eine überragende Kulisse von fast 40.000 Zuschauern – eine Zahl, von der mancher Bundesligist nur träumen kann. Es war ein gelungener Fußballnachmittag am Ostersamstag in der Leipziger WM-Arena. Die Rasenballer zeigten einmal mehr ihre Konzentrationsfähigkeit auf wichtige Spiele, besiegten die “fidelen Serientäter” (Guido Schäfer, LVZ) aus Darmstadt und gingen damit einen großen Schritt Richtung direktem Aufstieg. Letztendlich war es aber noch ein Nachweis mehr, dass das Leipziger Fußball-Kunstprodukt stimmungstechnisch mehr sein kann als seine Stiefgeschwister aus Salzburg oder Hoffenheim.

Die ersten Minuten im Spiel gehörten zunächst den Gästen aus Darmstadt. Offenbar schien die überwältigende Resonanz der Zuschauer mehr die RB-Spieler zu beeindrucken. Mehr Spielanteile für die Lilien, bis zur zehnten Minute kamen die Rot-Weißen fast überhaupt nicht aus der eigenen Hälfte heraus. Doch kaum fanden die Leipziger besser ins Spiel, erzielte Anthony Jung mit einem sehr sehenswerten Fernschuss schon das 1:0 – letztendlich der spielentscheidende Treffer. Noch wichtiger für den Spielausgang war aber die Tatsache, wie die RB-Spieler die restliche Partie agierten: Deutlich wacher als im letzten Spitzenspiel im März gegen Heidenheim, schneller und vor allem erfolgreicher in den Zweikämpfen. So gab es in fast keiner Phase der Partie für Darmstadt eine wirkliche Torchance, vieles spielte sich im engen Bereich der erweiterten Mittellinie ab. Gab es tatsächlich mal einen sehenswerten Vorstoß der Gäste, zahlte sich die Rückkehr von Fabio Coltorti ins Tor aus. Der Schweizer Ex-Nationaltorwart überzeugte mit seiner Präsenz und einer starken Parade bei der besten Darmstädter Torchance. Coltorti könnte für die letzten Spiele der Saison der entscheidende Baustein sein, Benjamin Bellot konnte ihn zuvor nicht gleichwertig ersetzen.

Völlig verdient war aber auch dieser Sieg von RB Leipzig nicht. Obwohl der SV Darmstadt nur wenige Chancen hatte, diese waren hochkarätig. Letztendlich versagte ihnen Bundesliga-Schiedsrichter Torsten Kinhöfer auch noch einen Handelfmeter. Die Roten Bullen hätten sich zu diesem Zeitpunkt nicht beschweren dürfen über den Ausgleich, weil sie zuvor mehrfach gute (Konter-)Möglichkeiten ungenutzt ließen. Insbesondere Yussuf Poulsen, der zwar ein enormes Laufpensum ableistete, aber im Abschluss immer wieder unglücklich agierte. Kein gutes Auge für den Nebenmann, mehrere gute Situationen leichtfertig vergeben. Das galt übrigens auch für Joshua Kimmich oder Dominik Kaiser. Dem RB-Spiel fehlte die letzte Konsequenz – so dass die drei wichtigen Punkte am Ende zwar in Ordnung gehen, aber es hätte nicht bis zur letzten Minute spannend bleiben müssen.

Damit hat das Team von Alexander Zorniger nun also seinen Vorsprung auf Darmstadt vergrößert – vier Punkte sind es jetzt. Wichtiger aber, dass man den direkten Aufstieg weiterhin selbst in der Hand hat. Zwei Siege noch aus den letzten drei Spielen (Rostock/A, Saarbrücken/H, Stuttgart/A) und der Durchmarsch in die Zweite Bundesliga ist geschafft.

39.147 Zuschauer waren dabei – neuer Vereinsrekord und zweithöchster Wert in der Dritten Liga aller Zeiten. Diese Auslastung von mehr als 88% der Stadionkapazität markiert also den neuen Höhepunkt im Streben des Brausevereins nach ungeteilter Aufmerksamkeit der Leipziger. Auch die Darmstädter haben mit einem prall gefüllten Gästeblock und lautstarkem Support maßgeblich dazu beigetragen. Vor der Partie wurde von einigen RB-Fangruppierungen ein Stimmungsboykott angekündigt, weil der Verein wohl recht kurzfristig eine lange vorbereitete Choreografie verboten hatte. Man merkte nichts davon (Fand er überhaupt statt?). Von der ersten Minute gab es eine sehr beeindruckende Unterstützung für die Mannschaft – weit entfernt von den leeren Tribünen und versprengten Fangruppen, die es zuletzt beim Meistertitel des Salzburger Bullenpendants zu sehen gab. Leipzig möchte Bundesligafußball. 25 Jahre nach dem Mauerfall hat es wohl den etwas unangenehmen Weg über eine Konzernmannschaft gebraucht, um endlich dauerhaft Profifußball in der Messestadt zu etablieren. Jetzt scheint es gelungen – zur Freude der Zuschauer.

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