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Wahrnehmungsverzerrung 9. April 2014

Posted by Max in : Bundesliga , add a comment

Ihr wollt vier Tage nach der ersten Saisonniederlage des FC Bayern noch einen weiteren Beitrag zur Wettbewerbsverzerrung? Bitte schön, hier kommt er.

Viel schlimmer als die Totalrotation von Pep Guardiola finde ich dieser Tage die künstliche Aufregung darüber. Ich habe mich sofort an eine Geschichte erinnert gefühlt, über die ich vor mehr als drei Jahren geschrieben habe. Damals wurde in England der Blackpool FC bestraft, weil er angeblich nur eine B-Mannschaft auf das Feld brachte. Dieser Bestrafung zugrunde liegt eine absolut schwachsinnige Regel, die ausschließlich subjektiv auslegbar ist. So weit ist die Bundesliga glücklicherweise nicht, doch die öffentliche Empörung über drei Amateure in der Startaufstellung war so groß, dass mir noch heute der Schädel brummt.

Der Trainer bestimmt die Aufstellung. Soweit der unerschütterliche Standard im Fußball bei nahezu allen zivilisierten Vereinen (von durchgeknallten Mäzenen wie in der Schweiz mal abgesehen). Wer, wenn nicht der FC Bayern hat sich in dieser überragenden Saison das Recht erarbeitet, auch mal einen Großteil der Stammspieler zu schonen? Ist eigentlich schon mal jemand auf die Idee gekommen Nürnberg, Freiburg oder Hoffenheim zu kritisieren, die seit Jahren regelmäßig Amateurspieler (wenn auch aus ganz anderen Motiven) in die Startformation schmeißen?

Die ganze Aufregung geht mir mächtig gegen Strich. Weil die Bayern-Kritiker keinen Deut authentisch sind – dieselben Leute haben vor Wochen noch über die fehlende Ausgeglichenheit der Liga gejammert, als Bayern mit voller Kapelle spielte. Es ist ja keineswegs so, dass die stark veränderte Bayern-Formation mit dem Ziel ins Spiel ging, eine Niederlage einzustecken. Das wäre natürlich Wettbewerbsverzerrung. Wer hat dafür auch nur einen stichhaltigen Nachweis? So bleibt nur eine starke Wahrnehmungsverzerrung.

Dann gibt es noch das Argument, dass die Fans ja viel Geld für eine Eintrittskarte sehen und sie somit betrogen würden. Doch man bezahlt ja schließlich dafür eine Mannschaft vom Verein XY zu sehen – und nicht um Spieler Müller oder Lahm zu sehen. Oder? Ob sie in Augsburg wirklich gern gegen das volle Bayernensemble verloren hätten, nur um für viel Geld alle Stars zu sehen? Oder nimmt man nicht doch lieber einen 1:0-Sieg mit in die Puppenkiste?

Ach, würde sich doch jeder Horst nur auf seine Arbeit konzentrieren. Man müsste sich nicht so oft aufregen. Danke fürs Zuhören!

Ein kleines bisschen Zweite Liga 28. März 2014

Posted by Max in : Nordostfussball , add a comment

Es ist schon eine bemerkenswerte Saison von RB Leipzig. Obwohl die Roten Bullen natürlich mit ungeheuren finanziellen Möglichkeiten gesegnet sind, waren sie für mich vor der Saison nicht zwingend ein Favorit auf den Aufstieg. Schließlich geisterte der Verein vorher zwei Jahre länger als eigentlich notwendig in der Regionalliga umher, ehe im vergangenen Frühjahr der lange ersehnte Aufstieg gelang. Und jetzt gleich der Durchmarsch in die Zweite Bundesliga? Möglich scheint es, sieben Spieltage vor dem Ende der Saison hat sich RB Leipzig gemeinsam mit Heidenheim und Darmstadt vom Rest der Konkurrenz abgesetzt. Am Mittwoch beim 1:1 im Spitzenspiel gegen Heidenheim war ich nun – im Nachgang zu meiner eigenen Verwunderung – erstmals in dieser Saison bei einem Ligaheimspiel, nachdem es im zweiten Halbjahr 2013 nur zu zwei Pokalspielen ging.

Was ist also dran am vermeintlichen Aufstiegszauber der Bullen? Und ist Heidenheim wirklich so stark? Eine eindeutige Antwort ist nach den 90 Minuten natürlich nur begrenzt möglich, sie haben mir aber eines gezeigt: Die Stärke dieser beiden Teams liegt insbesondere in einer klaren Spielstruktur und guter taktischer Einstellung. Weder Heidenheim noch die Leipziger zelebrierten vor mehr als 25.000 Zuschauern in der Arena sehenswerten Tempofußball, und kein Team machte auf mich den Eindruck, über weite Strecken der Saison einen wesentlich anderen Spielstil zu pflegen. Stattdessen war es lange ein Belauern auf gutem Niveau. Für eine bessere Einschätzung gab es dann doch einige Stockfehler zu viel im Spielaufbau.

Zunächst kamen die Leipziger besser in die Partie, doch relativ schnell wurde klar, warum Heidenheim oben steht: Da spielte eine sehr homogene, gut aufeinander abgestimmte Mannschaft, nach der oft zitierten Handschrift von Trainer Frank Schmidt. Ballsicher und in einigen, leider etwas zu wenigen Aktionen auch mit gutem Zug Richtung Tor. Doch die Württemberger fanden keine Mittel gegen die solide RB-Abwehr. Auf der anderen Seite konnten aber auch die Spieler des Heimteams mit zunehmender Spieldauer keine Ideen entwickeln, wie man an der Heidenheimer Abwehrreihe vorbeikommen könnte. So war es fast schon zwangsläufig, dass der etwas glückliche Führungstreffer vor der Pause in erster Linie auf eine gute Einzelaktion von Fandrich und etwas Glück zurückzuführen war. Nach dem Seitenwechsel kamen die Heidenheimer nach 72 Minuten zum verdienten Ausgleich. Bei diesem Gegentor sah auch RB-Torwart Benjamin Bellot nicht so gut aus, er rettete aber auch mit guten Paraden den Punkt.

Insgesamt war es ein Unentschieden auf gutem Niveau. Ich komme aber insgesamt doch zu einer etwas anderen Einschätzung als der Rotebrauseblogger. Ohne Vorwissen hätte man nicht unbedingt davon ausgehen müssen, dass hier zwei potentielle Aufsteiger gegeneinander spielten. Auf der anderen Seite könnten beide Teams mit den Leistungen vom Mittwoch aber auch gut im unteren Mittelfeld der Zweiten Liga mithalten. Die Heidenheimer hinterließen dabei den etwas reiferen Eindruck – was letztendlich ja doch nur eine Bestätigung der Realität ist.

Als Gelegenheitszuschauer in der Arena maße ich mir abschließend in fast jedem Stadionbericht auch ein Urteil zur Stimmung an. Schließlich ist es doch ein sehr interessanter Aspekt, wie sich die Fußballkultur bei einem Verein mit der Geschichte wie RB Leipzig entwickelt. Kurz gesagt: Eine dem Spiel angemessen Stimmung. Nicht extrem euphorisch wie im letzten Frühjahr beim Sieg im Sachsenpokal oder Relegationsspiel gegen Lotte, aber auch nicht zu unterkühlt. Da entwickelt sich was, auf angenehme Weise. Und das gefällt – hoffentlich, soviel persönlicher Kommentar sei noch erlaubt, dann auch in der Zweiten Liga.

Über eine interessante Bundesliga 23. März 2014

Posted by Max in : Bundesliga , add a comment

Es ist noch nicht lange her, da habe ich hier über mein aktuelles Desinteresse am Achtelfinale der Champions League geschrieben. Endreas Müller hatte dann fast zeitgleich in seinem Blog noch die passenden Zahlen parat, welche eine klare Veränderung der Kräfteverhältnisse erkennen lassen. Aber was ist eigentlich mit der Bundesliga? Hat man im letzten Jahr den Durchmarsch des FC Bayern zum Titel noch als Reaktion auf die zwei Dortmunder Meisterschaften zuvor abtun können, nimmt die Dominanz der Münchner in dieser Spielzeit schon fast beängstigende Formen an. Weil sich zumindest im bisherigen Verlauf der Champions League auch noch kein ernsthafter Konkurrent für den FCB gefunden hat, liest man immer wieder gleich die Floskel, dass “die Bayern auf Jahre dominieren” werden. International –  und National sowieso.

Doch zurück zur Bundesliga. Mittlerweile scheint es “tres chic” zu sein und sowieso zum guten Ton zu gehören, die Langeweile der Bundesliga zumindest an der Spitze hervorzuheben, zu kritisieren oder in anderer Weise wenig vorteilhaft darzustellen. Auch ich habe in meinem Umfeld einen solchen Kandidaten, der jeden Montag über die vermeintliche Langeweile der Liga jammert – wo ich dann schon die Frage stelle: Warum schaust du dir dieses Elend überhaupt noch an? Der Kollege hat darauf leider keine brauchbare, sinnvoll begründbare Antwort. Er ist Hannover-Fan, das rechtfertigt wohl einiges. Natürlich ist die Dominanz des FC Bayern in dieser Saison besonders erdrückend, wenn selbst ein Team von (vermuteter) internationaler Klasse wie der VfL Wolfsburg über 60 Minuten eine Spitzenleistung zeigt und dann doch mit 1:6 vom Platz geschossen wird.

Ein spannender Titelkampf ist durch nichts zu ersetzen. Letztendlich wollen doch alle nur Meister werden. Wen interessiert denn, wer in die Europa League kommt? All diese Argumente werden gerne angeführt. Klar, ein spannender Meisterschaftskampf bis zur letzten Minute wie 2001 oder 2007 ist das Optimum und würde einer jeden Saison den passenden Glanz verleihen. Aber die Bundesliga ausschließlich darauf  zu beschränken, ist für mich persönlich keine vertretbare Philosophie – ähnlich wie ich dem puren Medaillendenken bei Olympia nicht besonders viel abgewinnen kann. Während es in der Champions League für mich tatsächlich darum geht, die Besten Europas zu sehen, ist die Bundesliga seit jeher ein Konglomerat von Triumphen und Tragödien, spannenden und kuriosen Geschichten, positiven und negativen Entwicklungen. Sieht man im einen Wettbewerb die Teams bloß in größeren Abständen spielen, bedeutet die Bundesliga das Tagesgeschäft. So platt wie es sich anhört: Bundesliga ist auch das Tagesgeschäft für mich als Fußballverrückten. Die vielen verschiedenen Strömungen der 18 Vereine während einer Spielzeit aufzunehmen, das ist für mich das Nonplusultra.

Ganz im Gegenteil zur oben skizzierten Auffassung zur Bundesliga bin ich der Meinung, dass wir 2013/2014 eine der interessantesten und abwechslungsreichsten Spielzeiten seit längerer Zeit erleben. Das begann mit der Frage, wie sich der in Barcelona sehr erfolgreiche Pep Guardiola wohl in der Bundesliga zurechtfinden würde. Die Antwort darauf kennen wir mittlerweile. Und ja, auch die Beantwortung der Frage, welcher Verein wohl als erster über volle 90 Minuten die Bayern ernsthaft herausfordern könnte und wie dies aussehen würde, bleibt für mich interessant – auch mit der Gefahr, zumindest bis Mai darauf wohl keine Antwort mehr zu bekommen. Aber darauf muss man sich nicht fokussieren, es ist wohl für eine gesunde Wahrnehmung der Liga sogar besser, sich davon zu lösen. Es gibt noch 17 andere Klubs in dieser Liga. Und für diese Vereine gilt derzeit der eigentlich ziemlich alberne Satz “Jeder kann jeden schlagen” (rein faktisch ist das nämlich immer möglich, das Spiel beginnt bei 0:0 mit dem Anpfiff) wohl mehr als jemals zuvor. Die gefestigten Grundmauern der Bundesliga aus den 1990er und 2000er Jahren wackeln bedenklich, weil seriös wirtschaftende und vor allem mit einer langfristigen Strategie ausgestatteten Klubs wie Mainz, Augsburg oder Mönchengladbach den Etablierten aus Bremen, Hamburg und Stuttgart langsam den Rang ablaufen. Wieso hat Borussia Dortmund die Leichtigkeit der letzten Jahre verloren? Jens Keller war schon zweimal fast weg auf Schalke und steht jetzt kurz vor der direkten Qualifikation für die Champions League. Nicht zuletzt der spannende Abstiegskampf mit dem scheinbar hilf- und planlosen Handeln der Verantwortlichen bei meinem HSV. Ich könnte diese Auflistung noch viel länger fassen mit vielen Beispielen aus dieser oder vorherigen Saisons, warum die Bundesliga für mich weiterhin eine hochinteressante Liga ist.

Vielleicht ist es aber auch eine Einstellungssache. “Früher war alles besser” ist wohl jene Mentalität, die auch den genannten Bekannten umtreibt. Ich habe altersbedingt die Zeiten der 70er-, 80er, ja sogar weite Teile der 90er-Jahre nicht erlebt. Die Bundesliga im Jahr 2014 hat für mich nichts von ihrem Charme und Spannung eingebüßt, seit ich 1998 die ersten Spiele verfolgte. Möglicherweise bin ich aber auch einfach etwas zu sehr Idealist, der zunächst jedes Fußballspiel separat noch als echtes Highlight betrachtet. Ich erfreue mich auch an einem Kantersieg der Bayern, wenn er denn mit einer solchen Brillanz vorgetragen wird wie über weite Phasen dieser Saison. Aber auch ein Spiel im Abstiegskampf oder ein “normales” Aufeinandertreffen zweier Mittelfeldteams haben weiterhin ihren Reiz. Und diese Einzelstücke einer Saison dann gesamthaft zu betrachten, inklusive dem ganzen Getümmel rundherum, was gibt es schöneres?

Gepflegtes Desinteresse 13. März 2014

Posted by Max in : Champions League , add a comment

Eigentlich war die Champions League für mich immer das Nonplusultra im Vereinsfußball, das Kräftemessen der stärksten Teams in Europa. Doch noch nie ist es mir in den letzten Jahren so leicht gefallen, die Spiele der Königsklasse mit einem solchem gleichgültigen Desinteresse zu begleiten, wie in der Phase der derzeit stattfindenden Achtelfinalrückspiele.

Fast nur Auswärtssiege gab es in den Hinspielen, die bereits in den Gruppen besten Teams setzten sich – mit Ausnahme der Engländer vom FC Chelsea und Manchester United – mehr oder weniger deutlich schon vor zwei bzw. drei Wochen durch. Dabei waren die Unterschiede zwischen den sich duellierenden Teams auch bei den Spielen oft so groß, die nicht 4:0 oder 6:1 ausgingen. Der FC Bayern gewann zwar nur mit 2:0 bei Arsenal, Barcelona mit dem gleichen Ergebnis bei ManCity. Und trotzdem hatte ich nie das Gefühl, dass hier noch so etwas wie Spannung aufkommt – die Ergebnisse dieser Woche bestätigten meine Vermutung.

Und so gab es für mich in den letzten beiden Tagen insgesamt 60 Minuten Champions League Fußball. Ein bisschen von Bayer, noch weniger vom FC Bayern. Und immer nur mit einem Auge hingeschaut. Seit der Saison 2009/2010 wird nun das Achtelfinale schon in einem quälend langen Zeitfenster von insgesamt fünf Wochen ausgetragen. Verkauft wurde die Verlängerung der Runde als hervorragende Möglichkeit für Fans, möglichst viele Spiele zu sehen. Dahinter steckt wohl aber in nicht unwesentlichem Ausmaß auch der Gedanke, auch möglichst viele Spiele für die TV-Stationen anbieten zu können, umdamit höhere Exklusivität und Erlöse zu schaffen. So stellt sich für mich aber in jedem Jahr auch die Frage, ob die UEFA dem Wettbewerb mit dieser Zersplitterung des Achtelfinals wirklich einen Gefallen getan hat.

Denn auch in der Champions League zeigt sich immer mehr, was nun schon seit einigen Jahren in der Bundesliga zu beobachten ist: Die Spitze wird zwar immer hochklassiger, entfernt sich aber auch immer mehr von den anderen Teilnehmern. Das Problem im Achtelfinale ist aber, dass per Modus nur eher zufällig – etwa bei einer schwachen Gruppenrunde eines Spitzenvereins – wirklich spannende vorzeitige Paarungen zwischen zwei Titelfavoriten zustandekommen. Durch das vorgegebene Aufeinandertreffen von Gruppenzweiten und Gruppensiegern sind klare Ergebnisse in vielen Begegnungen vorprogrammiert. Gerade weil wir eben momentan in einer Zeitrechnung leben, wo die Unterschiede zwischen Teams wie Real Madrid, PSG oder dem FC Bayern auf der einen Seite, Mannschaften wie Schalke, Leverkusen oder Arsenal auf der anderen Seite immer größer werden.

So passiert es dann, dass man eine komplette Woche in der Champions League mit gepflegtem Desinteresse verfolgt. Weil eben vorher schon fast alles klar ist. Weil Überraschungen derzeit Mangelware sind. Der langgezogene Achtelfinalmodus nervt mich schon seit Jahren. Es bleibt also das Klammern an den Strohhalm nächste Woche: Chelsea und ManUnited haben wirklich noch schwere Aufgaben vor sich.

Eindrücke aus Stuttgart 7. März 2014

Posted by Max in : WM 2014 , add a comment

Es gibt uns noch! Unglaublich aber wahr, nach langer Pause soll es hier weitergehen. In etwas abgespeckter Form, mit weniger hausgemachten Verpflichtungen wie Notengebung nach Länderspielen. Derlei eingeschlichene Strukturen und ein wahnsinnig unausgeglichener (Frei-)Zeithaushalt waren die Gründe für die längere Auszeit. Jetzt geht’s also wieder los, einfach mit den Themen, die mich rund um mein Abenteuer Fußball bewegen. Hoffentlich einigermaßen regelmäßig, aber sicher auch mal wieder mit Unterbrechungen.

Wir haben im September mit einem Beitrag über die Nationalmannschaft aufgehört, und genau ein Spiel dieses Teams ist jetzt auch Bestandteil des ersten Eintrags im neuen Jahr. Am Mittwoch hatte ich – auf Einladung von Mercedes-Benz – die Gelegenheit, der DFB-Auswahl bei ihren Testspielbemühungen gegen Chile zuzuschauen. Glücklicherweise ein Gegner, der seinem guten Ruf gerecht wurde und ordentlich Power mitbrachte. So entwickelte sich ein sehr sehenswertes, fast schon faszinierendes Fußballspiel mit hohem Tempo. Faszinierend wegen dem über 90 Minuten quasi ununterbrochenen Vorwärtsdrang der Chilenen, aber auch wegen der Schlaffheit der deutschen Bemühungen, die zeitweise schon in schockierende Überforderung mündete.

Es gab irgendwo einen Wendepunkt in diesem Spiel, den ich nicht genau zeitlich einordnen kann. Wahrscheinlich lag er irgendwo zwischen dem Führungstor durch Götze (16. Minute) und der 30. Spielminute. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde die Partie durch beide Teams bestimmt, zwei Mannschaften die in der Anfangsphase mit sehr hohem Tempo das Mittelfeld überbrückten und in Hochgeschwindigkeit das gegnerische Tor suchten. Leider fiel die Deutsche Mannschaft dann ziemlich schnell in alte lethargische Muster zurück, die Körpersprache und -spannung einiger Spieler ließ deutlich nach. Fortan stürmten nahezu nur die Südamerikaner, allerdings bis zum Abpfiff ohne das nötige Glück im Abschluss. Bei der Vielzahl von vergebenen Torchancen kann man da aber auch die Qualitätsfrage stellen: Mit Ausnahme vom letzten Pass großartig und mit vielen variablen Ideen, danach aber kam bis auf einen Lattentreffer nicht mehr viel.

Wenigstens in den ersten 20 Minuten hinterließ die DFB-Auswahl einen guten Eindruck, wenngleich einmal mehr das Problem der fehlenden Balance zwischen Angriff und Abwehr offenbar wurde. Es fehlt ein Stabilisator im Mittelfeld, die ordnende Hand. Mag verrückt klingen, aber Sami Khedira ist für diese Mannschaft wahrscheinlich doch wichtiger, als oft angenommen. Philipp Lahm – diesmal auf der “Sechs” aufgestellt – spielte für mich keine erkennbare Rolle im System, welche die Lobpreisungen seiner Leistungen auf dieser Position im Verlaufe der Saison gerechtfertigt hätte. Auch ein Bastian Schweinsteiger, in Bestform wohlgemerkt, ist für diese Rolle wohl besser geeignet als ein Verschlepper der Marke Toni Kroos. Bis zur 70. Minute, als ich von meinem Sitznachbarn auf sein Mitwirken aufmerksam gemacht wurde, nahm ich vom zuletzt Hochgelobten keinerlei Notiz. Es wäre aus meiner Sicht zu einfach, die zahlreichen Torchancen von Chile nur der ungeordneten Viererkette zuzuschreiben. Vielmehr ist es die eben beschriebene abhandengekommene Stabilität bei der Verbindung der beiden konträren Mannschaftsteile.

Das Team unter der Regie von Joachim Löw ist bekannt dafür, dass es einen klaren Plan im Offensivspiel verfolgt. Was mir am Mittwoch einmal mehr fehlte, ist ein sichtbarer Alternativplan. Nach der verletzungsbedingten Auswechslung von Marcell Jansen kam Marcel Schmelzer in die Partie. Dieser versuchte sich mehrfach in Läufen auf der Außenbahn, es mangelte aber an Anspielen in seinen Laufweg. Die Möglichkeiten dazu wären da gewesen. Doch weder ein Özil, ein Lahm, Kroos, oder wer auch immer den Ball hatte, alle drehten auf dem Weg nach außen lieber ab. Rückpass statt Flügelangriff. Marcel Schmelzer war der Frust deutlich anzusehen. Dabei wäre es durchaus eine Möglichkeit gewesen, auch die Chilenen mal in Verlegenheit zu bringen, mit Klose (und Gomez auf der Bank) wären auch kopfballstarke Spieler als Empfänger und Verwerter von Flanken vorhanden. Es wird wohl ein entscheidender Faktor für den Erfolg der Weltmeisterschaft werden, ob ein Team Löw im Falle ähnlicher Überforderung gegen ähnliche Gegner in Brasilien seine Spielweise umstellen könnte. Übrigens: Der einzige Treffer der Partie wurde ja über die Außenbahn und einem Hackentrick (!) von Marcell Jansen (!!!) eingeleitet.

Wie also soll man dieses Spiel nun einordnen? Bereits am Montag hatte der Bundestrainer mit einigen markigen Worten eine deutliche Ansprache über die Medien gesetzt. Löw dürfte sich durch diese Partie bestätigt fühlen, seine Worte später in der Pressekonferenz waren da eindeutig: Dass die Spieler nun doch hoffentlich gesehen hätten, dass auch ein Team wie Chile ein guter Gegner ist und nicht im Vorbeigehen zu erledigen. Es ist noch ein weiter Weg bis Brasilien, der aufgrund der zu erwartenden schwierigen Vorbereitung mit Abwesenheit diverser Stammspieler holprig werden könnte. Zu früh ist es, um den – auch im Vorfeld im Gespräch von Giovanne Elber geäußerten – Topfavoritenstatus der DFB-Mannschaft in Frage zu stellen. Aber es gibt wohl bei der WM doch noch mehr als Deutschland und Argentinien, Elbers Geheimtipp.

Wer noch mehr über das erfahren möchte, was in Stuttgart gelaufen ist, dem empfehle ich die ebenfalls anwesenden Kollegen: