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U19-EM: Starker Auftakt 20. Juli 2014

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Klar, Weltmeister sein ist schön. Aber damit sollte man sich nicht zufrieden geben, schließlich will man diese Glücksgefühle irgendwann wieder erleben. Und dann wird es auf unseren DFB-Nachwuchs ankommen. Ein guter Grund also, um einen etwas intensiveren Blick auf die gestern gestartete U19-Europameisterschaft zu werfen. Erstmals seit dem Titelgewinn 2008 hat sich die deutsche Auswahl wieder qualifizierte. Es war offenbar kein schlechtes Omen, dass die Nachwuchsspieler noch mit dem alten Drei-Sterne-Trikot auflaufen mussten: Gegen Bulgarien gab es ein ungefährdetes 3:0 zum Auftakt. Der Sieg gelang, obwohl wie bei fast jedem Jugendturnier oberhalb der U17 einige wichtige Spieler fehlten. Timo Werner (Stuttgart), Serge Gnabry (Arsenal), Niklas Süle (Hoffenheim) sowie Leon Goretzka und Max Meyer (beide Schalke) erhielten keine Freigabe für das Turnier, die Leverkusener Julian Brandt und Levin Öztunali (a.k.a. Seeler-Enkel) stoßen erst für das zweite Spiel zur Mannschaft.

Dennoch präsentierte sich das Team um Kapitän Niklas Stark (1. FC Nürnberg) als geschlossene, spielstarke Einheit. Zu behaupten, die Mannschaft wäre von Beginn an die spielbestimmende Mannschaft gewesen, ist sogar noch deutlich untertrieben. Denn es dauerte genau 54 Sekunden, bis der Bremer Davie Selke – bereits in der Qualifikation mit fünf Treffern – den bulgarischen Schlussmann das erste Mal überwinden konnte. Vorausgegangen war eine tolle Aktion vom rechten Flügelspieler Benjamin Trümner (TSG Hoffenheim), der seinen Gegenspieler überlaufen konnte und dann die zielgenaue Flanke auf Selke zu dessen einschlagender Volleyabnahme schlug. Immer wieder agierten die Deutschen über Trümners rechte Seite, die Bulgaren waren mit dessen Schnelligkeit hoffnungslos überfordert. Der zweite Treffer von Hertha-Verteidiger Anthony Syhre resultierte aus einem Eckball. Also auch der Nachwuchs kann Standardsituationen.

Auch nach dem Seitenwechsel enttäuschten die Bulgaren, die sich eigentlich über ihr starkes Kollektiv definieren wollten, auf der ganzen Linie. Das Tor vom Aalener Oliver Schnitzler war zu keiner Phase des Spiels ernsthaft gefährdet. Vielmehr kann man der DFB-Elf eine hohe Souveränität bescheinigen, wie sie die Partie über die Zeit brachte. Nach einer starken Kombination wurde nach 56 Minuten durch Davie Selke mit seinem zweiten Tor der Endstand hergestellt. So konnte Marcus Sorg später noch den Reservisten Einsatzzeiten geben, lediglich Ersatztorwart Gersbeck und der Leipziger Joshua Kimmich blieben auf der Bank.

Das junge DFB-Team hat gezeigt, dass es seine Pflichtaufgaben souverän erledigen kann. Mit Titelverteidiger Serbien, immerhin noch mit fünf Akteuren vom Sieg 2013 im Kader, kommt es am Dienstag zu einer Begegnung vom anderen Kaliber. Spannend wird sein, ob Sorg sein gut funktionierendes Team verändert und die Neuankömmlinge Brandt und Öztunali integriert – oder ob sich diese zunächst mit der Rolle als Ersatzspieler begnügen müssen.

Weltmeister! 16. Juli 2014

Posted by Max in : WM 2014 , add a comment

Etwas verspätet zwar, aber wer weiß, wann man mal wieder einen Beitrag mit dieser Überschrift verfassen kann. Wir sind Weltmeister! Also zumindest das DFB-Team. Der Rest von Deutschland darf sich aber so fühlen. Nach 24 Jahren erfüllten sich die Sehnsüchte der deutschen Fans nach dem vierten Titel, dem vierten Stern auf dem Trikot.

Es ist auch ein Titel von meiner Generation. Das klingt zunächst wie eine Platitüde, doch bei näherem Hinsehen stimmt das wohl so sehr, wie es nie wieder stimmen wird. Zum Start der Weltmeisterschaft am 12. Juni hatte der Kader von Joachim Löw ein Durchschnittsalter von 25,8 Jahren. Ich selbst war an diesem Tag – das habe ich soeben mit größter mathematischer Genauigkeit kompliziert errechnet – 25,4 Jahre alt. Die kleine Differenz kann man vernachlässigen, und schon liege ich mitten im Schnitt dieser weltmeisterlichen Spielergeneration. Während sich bei meinen ersten Turnieren 1998 und 2002 hauptsächlich Spieler im DFB-Kader tumelten, deren sportlichen Aufstieg ich nicht miterlebt habe, kann ich jetzt zu jedem der 23 Spieler eine Geschichte erzählen. An Miroslav Klose sein Länderspieldebüt gegen Albanien im März 2001 kann ich mich noch ziemlich gut erinnern, ebenso an sein siegbringendes Tor kurz vor dem Abpfiff. Es war wohl das letzte Turnier für den Mann, der mich fast mein komplettes “Fußballer-Leben” begleitet hat.

Noch viel mehr für die Phase des sportlichen Wiederaufstiegs nach den großen Enttäuschungen 2000 und 2004 stehen wohl Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger. Ihre kurzfristigen Berufungen in den EM-Kader 2004 belebten zwar die Mannschaft etwas, konnten aber das Ausscheiden in der Vorrunde nicht verhindern. Doch genau dieses frühe Aus stellte die entscheidenden Weichen im Deutschen Fußball: Sportdirektor beim DFB, Nationalmannschaftsmanager, vor allem aber Jürgen Klinsmann als “Türöffner” für moderne und fortschrittliche Methoden im Trainingsalltag, als Motivator für den brachliegenden Sport. Joachim Löw hat diesen vielleicht doch etwas eindimensionalen Klinsmann’schen Ansatz kontinuierlich weiterentwickelt, sich gegen viele Wiederstände gewehrt und jetzt den WM-Titel geholt. Zweifellos, das Jahr 2004 ist ein ganz entscheidendes in der deutschen Fußballgeschichte, Poldi, Schweini und Klose sind die Urväter dieser Evolution.

Wie nun weiter? Einige entscheidende Stützen der Mannschaft werden in den nächsten Jahren an ihre natürlichen Grenzen stoßen. Kapitän Philipp Lahm wird beim nächsten großen Turnier bereits 32 Jahre alt sein, Bastian Schweinsteiger 31. Das ist kein Grund, dass sie dann nicht mehr leistungsfähig sind. Denkt man aber noch zwei Jahre weiter, wird es bei ihnen und auch einigen anderen, heute jüngeren Spielern schon kritisch. Die nächsten zwei Jahre bis zur EM 2016 müssen auch einen langsamen, sanften Umbruch im DFB-Team einleiten. Nicht mit Wucht, aber neue Spieler müssen herangeführt werden. Die Alternativen bei der WM in Brasilien waren teilweise enttäuschend, das Fehlen von Reus, Bender, Gündogan aber macht Mut, dass die Aufgabe zu bewältigen sein wird.

Ob mit oder ohne Joachim Löw, wird sich zeigen. DFB-Präsident Niersbach wiederholte zuletzt gebetsmühlenartig seine Treueschwüre zu Löw. Das ist normal und alles andere wäre jetzt auch ungewöhnlich. Doch der Betroffene selbst denkt offenbar nach. Nicht vergessen ist die harsche, oft unberechtigte Kritik der letzten zwei Jahre. Seit 2006 ist Löw nun schon Bundestrainer, zwei Jahre länger noch im Team dabei. Es gibt auch gute Zeitpunkte zum Abtreten, jetzt wäre zweifellos so einer. Oder weitermachen und 2016 nach dem nächsten Titel greifen? Ein Abgang von Löw muss nicht zwangsläufig schlecht für die Erfolgsaussichten in zwei Jahren sein, mit ihm sind die Chancen auf die Europameisterschaft aber mindestens genauso gut.

Historischer Abend 9. Juli 2014

Posted by Max in : WM 2014 , add a comment

An diesen Abend wird man wohl noch lange zurückdenken. Ehrlich gesagt bin ich mit einem eher schlechten Gefühl in den Abend des WM-Halbfinals gegen Brasilien gestartet. Mit den Erfahrungen der letzten Turniere im Hinterkopf, als das deutsche Team jeweils kurz vor dem Ziel scheiterte. Und mit Blick auf eine Brasilianische Mannschaft, die im Turnierverlauf wohl weniger spielerisch komplett überzeugte, dafür aber durch eine enorme Leidenschaft angetrieben wurde.

Letztendlich war es aber genau diese Leidenschaft und der daraus resultierende Druck auf die Spieler, die zum Zusammenbrechen eines fragilen Systems führten. Meine persönliche Verunsicherung veränderte sich erstmals in den Momenten kurz vor dem Anpfiff. Nun interpretiere ich normalerweise eher weniger in Gesichter von Spielern, aber die deutschen Akteure strahlten hohe Zuversicht und Lockerheit aus. Während man den Brasilianern im Guten Anspannung, im Schlechten Angst unterstellen konnte – letztendlich stellte sich Zweiteres als richtige Deutung heraus. Wohl mit dem Wissen, dass ein deutsches Führungstor kaum zu kontern wäre, gingen die Brasilianer ins Spiel – und noch nie habe ich eine Mannschaft nach nur einem Gegentreffer so auseinanderfallen sehen, wie das Brasilien, das am Ende mit 1:7 unterlag.

Es wird heute schon genug Einzelkritiken und Bewertungen zu den deutschen Spielern geben, deshalb möchte ich mich wenige Stunden nach dem historischen Triumph über Brasilien auf ein paar eigene Bemerkungen zu einzelnen Spielern beschränken.

Fast keine Beschreibung mehr fällt mir ein zu Manuel Neuer. So bitter das klingt, aber das Verletzungspech von René Adler vor der WM 2010 war für den deutschen Fußball ein großer Glücksfall. Vielleicht hätte es Neuer auch ohne das Turnier in Südafrika bis heute zum Stammtorwart geschafft, seine Entwicklung hätte aber auf jeden Fall einen anderen Weg genommen. Natürlich kann man warnen, dass sich auch der Titan Oliver Kahn 2002 nach einem lupenreinen Turnier im Endspiel einen Fehler leistete – aber ohne Neuer wäre Deutschland wohl nicht mehr im Turnier. An die früher oft riskant wirkende Spielweise als Torwart-Libero hat man sich mittlerweile gewöhnt, auch weil Neuer mit zunehmendem Alter diese Rolle sicherer interpretiert. Nach der Pause hatte Brasilien gestern einige gute Chancen, es hätte schnell 2:5 oder 3:5 stehen können – Neuer parierte alle Bälle. Der kommende Welttorhüter.

Um ehrlich zu sein, war ich bisher nicht unbedingt ein Fan von Mats Hummels und seiner Spielweise. Mein favorisiertes Innenverteidigerduo für die Nationalmannschaft hieß eher Boateng/Badstuber. Doch da dies aufgrund von Badstubers Verletzung nicht möglich war, bekommt Hummels wie bereits bei der EM 2012 seine Chance. Und er überzeugt jetzt vollkommen mit seiner Leistung. Mit seiner glänzenden Übersicht, Kopfball- und Zweikampfstärke gibt er endlich auch Jerome Boateng die notwendige Stabilität. Wohl entscheidend für diese Entwicklung von Hummels war die Umstellung seiner Spielweise vom BVB-Modus zu den Löw’schen Vorgaben für die DFB-Auswahl. Weniger riskant im Spielaufbau – dass Hummels hier lernfähig war macht ihn zu dem Stern in der Innenverteidigung.

Berechtigte Zweifel am Fitnesszustand von Sami Khedira gab es vor der Weltmeisterschaft und gibt es wohl auch heute noch. Doch was ich schon im März nach dem Chile-Spiel geschrieben hatte: Khedira ist vielleicht der entscheidende Baustein im deutschen Spiel, mehr noch als Bastian Schweinsteiger. Oder gerade im Zusammenspiel mit ihm. Der Madrilene ist mit seinen Abfangqualitäten und Möglichkeiten im Umschaltspiel kaum ersetzbar und macht auch Schweinsteiger und Kroos erst zu den Stützen für das deutsche Team, welche sie jetzt sind.

Apropos Toni Kroos: Auch ihn sah ich in den letzten Jahren eher skeptisch. Ehrlich gesagt ging ich im vergangenen Sommer sogar davon aus, dass Kroos wohl der große Verlierer beim neuen FC Bayern unter Pep Guardiola sein würde. Zu langsam, zu statisch seine Spielweise. Letztendlich spielte Kroos aber schon im Verein eine starke Saison und setzt diese Form nun auch in Brasilien nahtlos weiter gewinnbringend ein. Es braucht wohl auch im schnellen deutschen Spiel einen ruhige Pol, der notfalls die Bälle mal ein paar Sekunden länger hält. Ein moderner Ballack sozusagen. Kroos’ hohe Ballsicherheit und Torgefahr waren bisher wichtige Elemente bei dieser Weltmeisterschaft.

Und dann gibt es da ja noch den großen Streitfall im Team, Mesut Özil. In der Vergangenheit habe ich ihn in der Nationalmannschaft weit weniger kritisch gesehen als viele andere Betrachter. Doch sein Halbjahr vor der Weltmeisterschaft, sowohl im Verein als auch bei den wenigen Auftritten im Nationaltrikot, ließen auch bei mir große Zweifel aufkommen, ob man es sich wirklich leisten könnte, Özil als Stammspieler durchzuschleppen. Vor dem Brasilien-Spiel las ich einen Kommentar von Pierre Littbarski, der sinngemäß meinte: Özil jetzt aus dem Team zu nehmen, würde die komplette Stabilität der Mannschaft gefährden. Littbarski hat wohl recht. Auch wenn bei dieser WM die Glanzpunkte von Özil fehlen, besonders negativ aus dem Raster gefallen ist er auch noch nicht. Und erledigt seine Aufgaben solide. Seine Rolle als Star der Mannschaft haben andere übernommen, und das hilft ihm wohl, schrittweise mehr Lockerheit zu gewinnen, damit hilft er dem Team mehr.

Die entscheidende Frage aber für das Finale am Sonntag ist: Was kann man aus diesem Spiel wirklich mitnehmen? Zumindest für diesen Halbfinal-Moment wirkt die Mannschaft gefestigter als bei ihrem Scheitern kurz vor Turnierende in den letzten Jahren. Gegen Argentinien oder den Nachbarn Niederlande wartet sicher ein ganz anderes Spiel. Deutschland wird nach diesem 7:1-Erfolg wohl als leichter Favorit ins Endspiel starten. Und es besteht eine realistische Chance, dass die an ihren Pleiten gewachsene Generation diesmal den entscheidenden Schritt machen kann.

Buchkritik: Nicht gut genug 8. Juli 2014

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Während die Fußball-Weltmeisterschaft läuft, schaut der Drittplatzierte von 2002 mal wieder nur zu: Auch diesmal blieb der Türkei in Brasilien nur die Betrachterrolle. Und das, obwohl das Land nicht mit einer geringen Anzahl an Talenten gesegnet ist – schließlich kommen für die Türken noch Unmengen an Spielern hinzu, die außerhalb des Landes, etwa in Deutschland, aufgewachsen und fußballerisch ausgebildet wurden. Trotzdem hinkt das Land – bis auf wenige Ausnahmen wie 2002 oder 2008 – sowohl mit ihrer Nationalmannschaft als auch im internationalen Spielbetrieb ihrer Vereine deutlich hinterher. Zuletzt blieb man in einer keinesfalls unlösbaren Qualifikationsgruppe für die WM hinter den Niederlanden, Rumänien und Ungarn auf Platz Vier hängen.

Doch warum kommt der türkische Fußball einfach nicht aus dem Knick? Wieso versinken die Türken immer im Mittelmaß, genügen manchmal nicht mal diesen Ansprüchen? Dieser Frage ging Davut Cöl in seinem Buch Nicht gut genug – Die 24 Schwächen der türkischen Fußballnationalelf nach. Zur Rezension hat mir der Autor ein kostenloses Exemplar zur Verfügung gestellt.

Es ist das Erstlingswerk von Davut Cöl. Normalerweise macht er “was mit Computern”, wie man auf seinem epubli-Autorenprofil nachlesen kann. 1973 geboren in der Türkei, kam er bereits mit vier Jahren nach Deutschland und wohnt heute im Rhein-Main-Gebiet. Von daher kennt er sowohl die türkischen, als auch die deutschen Fußballgepflogenheiten.

In seinem Buch hat Davut Cöl auf insgesamt 111 Seiten 24 Schwächen der türkischen Nationalmannschaft benannt und analysiert. Zudem gibt es zum Abschluss jedes Kapitels einen konkreten Lösungsvorschlag. Die Schwächenanalyse reicht von offensichtlichen Themen wie Rückpässen zum Torwart, übertriebenem Querpasspiel über eine zu defensive Ausrichtung, mangelhafte Qualität bei Standardsituation bis zur mangelnden Kritikfähigkeit von Spielern, Trainer, Medien. Ein besonderer Augenschmaus sind dabei die schönen, liebevollen Illustrationen von Valeriy Sokol-Derksen, die es zu jedem Kapitel gibt.

Das Buch gibt einen guten Überblick über das, was dem türkischen Fußball fehlt und wirkt in seiner Gesamtheit ziemlich allumfassend. Die dabei erwähnten Schwächen umfassen wie zuvor genannt ein sehr breites Spektrum, sowohl taktischer Natur als auch Kritik an der Einstellung des Fußballumfelds in der Türkei. Wer das Buch liest, wird sicher auch eine Menge Schwächen finden, die auf seine eigene Lieblingsmannschaft zutreffen, sei es Vereins- oder Nationalteam. Cöl verdichtet viele Vorurteile, die man als gut informierter (deutscher) Fan bereits über das türkische Team haben dürfte, und bestätigt diese: Etwa ein schlechter Umgang mit Niederlagen, schwache Nachwuchsförderung, das Setzen auf überalterte ausländische Akteure oder die zu große Macht der Medien. Das alles ist beschrieben in einem lockeren, eher angenehm technokratisch-deutsch statt emotional-südländischem Schreibstil, sodass sich das Buch gut wegliest.

Was mir aber an einigen Stellen etwas gefehlt hat, war der “wissenschaftliche Aspekt”, die Fakten. Nun habe ich sicher keine hochkomplizierte Abhandlung erwartet, aber bei taktischen Fehlern wie Rückpässe zum Torwart, Querpässe, fehlende Korrelation von Ballbesitz und Ergebnis usw. würde es helfen, ein bisschen statistisches Material aufzubereiten. Aber auch soft facts wie mangelnde Nachwuchsförderung könnte man mit ein paar Beispielen von auf der Strecke gebliebenen Talenten besser untermauern. So ist Nicht gut genug eine schöne Faktensammlung, die Pflichtlektüre für den nächsten Berichterstatter von einem Länderspiel der Türkei sein sollte, lässt aber nur bedingt einen Blick in die Tiefe zu.

Interessant ist der optimistische Schluss von Cöl: Stellt man in der Türkei all diese Schwächen ab, ist der Weg in die europäische Spitze nicht mehr weit. Da steckt dann wohl doch etwas viel Optimismus dahinter. Vielleicht sollte der Autor aber für die ersten zehn Schritte zu besseren Leistungen den Trainern und Funktionären ein paar Exemplare schicken.

Gerade für den sehr günstigen Preis (E-Book nur 3,49 €) lohnt es sich, die lose im Kopf schwirrenden Urteile über den türkischen Fußball von Davut Cöl ordnen zu lassen und dieses Buch zu lesen.

WM auf Amerikanisch-Isländisch 7. Juli 2014

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Ganz schlechte Planung sei das gewesen. Gedankenlos gebucht. Sogar mein Ruf als “echter Fan” wurde in Frage gestellt. – Es war schon eine große Verwunderung im Kollegen- und Bekanntenkreis, als diese realisierten, dass mein Sommerurlaub in diesem Jahr mitten in den Zeitraum der Weltmeisterschaft fällt. Noch dazu in die USA und nach Island, wo man ja nun nicht hinfährt, um dort – obwohl zumindest teilweise in der richtigen Zeitzone – jedes Spiel im Public Viewing zu verfolgen. Auch für mich war es eine Neuerung, große Teile einer Weltmeisterschaft zu verpassen. Seit der WM 1998 hatte ich kein großes Turnier verpasst, diese immer in gebotener Ausführlichkeit verfolgt. Nun gingen also weite Teile der Vorrunde sowie die kompletten Achtelfinalspiele an mir vorbei: Abreise am Tag nach dem 4:0-Auftakt der Deutschen Mannschaft gegen Portugal, Rückkehr pünktlich zum Viertelfinalsieg über Frankreich.

Vor dem Turnier hatte ich mir gedanklich die Frage gestellt, welche Teams wohl nach meiner Wiederankunft in Deutschland noch dabei wären. Und welche Mannschaften ich wohl überhaupt nicht spielen sehen würde. Letztendlich fiel ausgerechnet Spanien in die zweite Kategorie, das war schon eine große Überraschung. Auch das Ausscheiden von Italien war so nicht eingeplant, vor dem Turnier zählten sie für mich neben Brasilien zu meinen beiden Favoriten auf den Titel. Dass ich stattdessen noch ein Spiel von Costa Rica zu sehen bekäme, hielt ich Mitte Juni aber eher für ausgeschlossen.

Wie also sah der WM-Konsum während der drei Wochen aus? Im Wesentlichen informiert wurde ich über das Internet. Gesehen habe ich von allen Partien in dieser Zeit nur die erste Halbzeit von Deutschland gegen Ghana in einem Irish Pub in New York, sowie die Schlussviertelstunde USA gegen Portugal, gleichfalls in einem Irish Pub in Providence. Grundsätzlich wäre ein intensives Verfolgen der Weltmeisterschaft zumindest in der ersten Reisewoche auf US-Amerikanischen Boden aber durchaus möglich gewesen: Sowohl in Boston als auch in New York wurde an fast jeder Straßenecke mit Live-Übertragungen aller Spiele geworben. In Island war das Interesse da schon geringer, was sich wohl bloß bei einer WM-Teilnahme des Landes geändert hätte. Doch an Informationen mangelt es in Zeiten von flächendeckendem Wifi auch in der Ferne nicht. Ob Italien- und Spanien-Ausscheiden, Suarez-Biss oder Löws nasse Haare, ja selbst Cathy Fischer dringt bis nach Island vor. Und jetzt pünktlich zu den entscheidenden Spielen wieder zurück.

Was hat man aus der Ferne über das deutsche Team erfahren können? Mit einem schlechten Gefühl war ich am 16. Juni in den Tag gestartet, erleichtert nach dem guten Startauftritt gegen Portugal. Anschließend ging es wohl so weiter wie so oft bei den letzten Turnieren: Dem leichtfüßigen Start folgte ein zähes zweites Spiel, ehe sich das Team mit Anstand aber ohne Glanz doch noch den Gruppensieg sicherte. Anschließend ein zähes Ringen im Achtelfinale gegen einen unangenehmen, aber unterlegenen Gegner. Was mich aus der Ferne am Meisten verwundert hat, war Löws Aussage, er habe “13, 14 Spieler, die wir bringen können”. Das ist natürlich eine massive Abwertung von einem nicht unbeträchtlichem Teil des Kaders. Die Reservetorhüter mal abgezogen, scheinen sich die Herren Durm, Ginter, Großkreutz und Draxler in den Wochen von Brasilien nicht wirklich WM-tauglich zu präsentieren. Alles junge Spieler, deren Nominierung in den letzten zwei Jahren keinesfalls sicher war. Letztendlich bestätigen sie jetzt wohl die Zweifel des Bundestrainers, wobei sich natürlich schon die Frage stellt: Konnte man in Deutschland keine besseren Ergänzungsspieler für den Kader finden? Wie konnte es zu dieser massiven Fehleinschätzung im Nominierungsprozess kommen? Sicher würden die genannten Spieler das deutsche Spiel nicht sprunghaft verbesseren, aber zumindest eine “Entdeckung” aus diesen Reihen wäre denkbar gewesen. So muss es also die bekannte Startformation plus den wenigen Tauschkandidaten richten.

Das Derby von Reykjavik
Ganz ohne Live-Fußball ging es aber auch im Urlaub nicht. Warum kurz vor der Abreise nicht mal ein Spiel in Island anschauen, denn schließlich spielt die Liga Pepsi-Deildin über den Sommer, da es ab September in Island eher dunkel ist. Dafür braucht man den ganzen Sommer kein Flutlicht. Am 10. Spieltag trafen also an einem Mittwochabend bei 9°C und teilweise peitschendem Sprühregen zum Reykjavik-Derby Rekordmeister KR (Knattspyrnufélag Reykjavíkur) und Vikingur aufeinander. Derbys sind in Island eher die Regel als Ausnahme, bis auf wenige Ausnahme kommen alle Vereine aus der Hauptstadt-Region. Teams wie IB Vestmannaeyjar von einer nur per Fähre oder Flugzeug zu erreichenden Insel sind schon exotisch.

KR holte im Jahr 2013 bereits seine 26. Meisterschaft, hinkt aber in der diesjährigen Runde bereits einige Punkte hinter Tabellenführer FH Hafnarfjördur hinterher. Von daher war ein Sieg gegen das punktgleiche Vikingur, bisher überraschend starker Aufsteiger, zwingend notwendig, um den Anschluss zu halten. Vor geschätzt etwas mehr als 1.000 Zuschauern war die Begegnung im ersten Durchgang weitgehend ausgeglichen, erst ab der 25. Minute kam KR besser ins Spiel – zuvor kam auch Vikingur zu Torchancen, die aber durch den guten Torwart Stefán Logi Magnússon vereitelt wurden. Nach dem Seitenwechsel waren die Gastgeber aber die bessere Mannschaft, erzielten in der 53. und 64. Spielminute ihre Treffer zum verdienten 2:0-Erfolg. Das Niveau des Spiels lässt sich natürlich mangels Vergleichsbegegnungen sehr schwer einschätzen. Auf deutsche Verhältnisse gemünzt, hätte es sowohl eine durchschnittliche Zweitligapartie als auch ein Drittligaspiel sein können. Keine der beiden Mannschaften zeigte mehr als zwei sehenswerte Kombinationen bei ihren Offensivbemühungen, die Spielweise war wie auch in Norwegen oder Schweden üblich eher englisch-rustikal geprägt.

Zum Abschluss noch ein paar Impressionen. Eine Tribüne im KR-Völlur gibt es nur auf einer Seite, diese fasst etwas mehr als 1.500 Zuschauer. Mit den restlichen Stehplätzen rund um das Feld erweitert sich die Kapazität laut Wikipedia auf etwa 2.700. Ansonsten versprüht das Stadion schönsten Oberligacharme: Ein kleines Vereinsheim mit vereinseigener Gastronomie, ein Getränke-, ein Essenswagen für die Halbzeitpause. Man kennt sich auf den Tribünen.