Auer Absturz

Posted by Max on Dezember 19, 2014
Bundesliga, Nordostfussball / No Comments

Er hat es wieder getan: Jakub Sylvestr erzielte auch im Rückspiel gegen den FC Erzgebirge Aue den entscheidenden Treffer zum 1:0-Sieg für seinen neuen Arbeitgeber 1. FC Nürnberg. Ein klarer Fall von “ausgerechnet Sylvestr”. Bis zum Sommer spielte der Slowake zwei Jahre lang im Erzgebirge und trug dort als Torjäger maßgeblich zu zweimal Klassenerhalt bei. Jakub Sylvestr steht für eine bessere Zeit im Erzgebirge, denn aktuell mühen sich seine ehemaligen Mitspieler und Sturm-Nachfolger vergeblich darum, eine zweitligataugliche Mannschaft darzustellen.

Die Saison ging schon denkbar schlecht los: Noch unter Trainer Falko Götz gab es vier Niederlagen an den ersten Spieltagen im August. Zweimal knapp auswärts (Nürnberg, Leipzig), aber vor allem auch zweimal ziemlich heftig im eigenen Stadion – 1:5 gegen Bochum, 0:3 gegen Düsseldorf. Den Mechanismen des Geschäfts folgend wurde Götz entlassen, aber auch Präsident Lothar Lässig trat von seinem Amt zurück. Die Lücke wurde geschlossen mit Helge Leonhardt, Bruder von Uwe Leonhardt, der von 1992 bis 2009 bereits Präsident beim FC Erzgebirge war. Der neue starke Mann im Verein präsentierte sich vom ersten Moment als Draufgänger mit klaren Worten, klaren Positionen. Einen “Karacho-Plan” kündigte er an, damit der Verein schnell wieder aus der Talsohle herauskommt. Und gleich mit seiner ersten Entscheidung sorgte er dann auch für eine große Überraschung: Tomislav Stipic wurde verpflichtet, ein bis dato unbekannter Nachwuchstrainer aus Ingolstadt.

Es folgte die bislang beste Phase dieser Saison. Zwar gab es auch unter Stipic zunächst eine Niederlage gegen die Überflieger aus Darmstadt, doch die Mannschaft präsentierte sich schnell verändert, frischer und kreativer. Drei Heimsiege in Folge gegen St. Pauli, Aalen und 1860 München, dazu Remis in Ingolstadt, Sandhausen und Frankfurt hievten die Veilchen für eine Weile aus der direkten Abstiegszone. Doch die Form der Früherbst konnte das Team nicht halten, der bis heute letzte Sieg datiert vom 19. Oktober (gegen 1860), seitdem gab es in acht Spielen nur drei Punkte. Teils unglückliche Punktverluste zwar, gegen Heidenheim etwa vergab das Team reihenweise gute Möglichkeiten, aber nur von einer Ergebniskrise zu reden, reicht nicht.

Leonhardt und Stipic, das wurde schnell klar, ist kein normales Duo. Der junge Trainer Stipic, ein Mann mit interessanten Ideen und Ansichten, die ja zumindest in seiner ersten Phase Erfolg hatten. Soviel wurde in den drei Monaten ihrer Zusammenarbeit klar: Stipic ist Leonhardts Mann. Beide präsentieren sich als Einheit und schlagen verbal in eine ähnliche Kerbe. Der eine (Leonhardt) etwas lauter, der andere (Stipic) eher sachlich. Die Frage jedoch ist, ob insbesondere das harte Draufgehen von Leonhardt in der aktuellen Situation wirklich förderlich ist. Vor dem Spiel am vergangenen Wochenende gegen Heidenheim gab er bei Sky ein für mich bemerkenswertes Interview. Leonhardt äußerte sich dort mit klaren Worten zur aktuellen sportlichen Situation:

Der Kader wurde umfangreich analysiert von Stipic und Co. Wir haben ein Rating gemacht über jede Person. Deshalb kann ich jetzt nicht über Personen sprechen, wenn wir noch drei Spiele haben. Das ist auch eine Frage, wie geht man mit dem Kader um, wie geht man mit der Perspektive um, du hast einen Bestand, im Ernstfall würde ich auch den Kaderstamm verkleinern und würde mit denen weiterarbeiten, die die Fights hier annehmen im Erzgebirgsstadion, die unsere Tugenden annehmen. Wir brauchen hier jetzt keinen schönen Fußball zu spielen, wir müssen draufdreschen, wir müssen ein Zeichen setzen. Damit unsere Fans uns die Treue halten, aber nicht nur wegen den Fans, wir werden dann auch Erfolg haben. Da bin ich mir sicher. Wir haben ein klares Rating und wir haben eine Perspektive. Und die Perspektive heißt Veränderung.

Ich halte es in einer solchen Lage, wie sich der FC Erzgebirge derzeit befindet, nicht für besonders klug, offen über ein mannschaftsinternes Rating und daraus abzuleitenden Veränderungen zu reden. Insbesondere unter dem Aspekt, dass Aue mit bisher 24 Spielern inklusive Ersatztorwart im Vergleich zu anderen Zweitligateams nicht auffällig viele Spieler im Kader hatte. Der Stamm besteht aus zehn Spielern, die bisher bei mindestens 16 der 18 Partien mitgewirkt haben. Alle diese Spieler standen auch gegen Heidenheim in der Startformation, wo sich Trainer Stipic direkt im Anschluss an die Leonhardt-Aussagen folgendermaßen äußerte:

Wir haben heute eine richtig gute Aufstellung. Wir haben eine Mannschaft zusammengestellt, die in der Lage ist dieses Spiel zu gewinnen. […] Wir sind aktuell Tabellenletzter, haben aber eine bessere Stimmung als unser Tabellenplatz aussagt. Wir sind auf dem Weg, wieder ein Team zu werden. In den letzten Spielen […] haben wir allen Spielern das Vertrauen gegeben, auch im Wettkampf zu spielen, um sie dann auch zu sehen, zu begutachten. Jetzt haben wir uns heute für diese elf Spieler entschieden, die das absolute Vertrauen haben – und natürlich auch die Qualität.

Rating erstellt, alle Spieler im Wettkampf getestet, und trotzdem den gleichen Stamm wie im großen Teil der Saisonspiele auf dem Feld? Da stellt sich dann schon die Frage, welche Veränderungen Leonhardt konkret meint. Welche Spieler den Kaderstamm verlassen sollen um diesen zu verkleinern. Zumal Stipic seinen Stammspielern – wenn auch nur im Nachsatz – explizit Qualität zugesprochen hat. Das wird wohl eine spannende Wintertransferperiode im Erzgebirge, sicher auch wieder mit interessanten Aussagen des Duos Leonhardt/Stipic.

Gegen Heidenheim endete das Spiel übrigens 1:1. Der Optimismus von Stipic vor dem Spiel wurde zumindest dahingehend bestätigt, dass Aue dort seine beste Leistung seit einigen Wochen zeigte. Nun bleibt noch am Sonntag die Chance in Bochum den Abstand auf die Nichtabstiegsränge (vier Punkte) bzw. den Relegationsplatz (drei Punkte) bis zur Winterpause zu verringern.

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Alles halb so schlimm?

Posted by Max on Dezember 02, 2014
Bundesliga / 1 Comment

Eigentlich sollte doch alles besser werden. Ausgliederung der Profi-Mannschaft, neue Führungskräfte. Einigermaßen sinnvolle Transfers im Sommer. Kurz nach dem Saisonstart dann noch der Trainerwechsel. Trotz all dieser Bemühungen wandelt der Hamburger SV auch im Dezember 2014 wieder am Abgrund. Vorletzter Platz, nur noch die in einer schweren Ergebniskrise steckenden Dortmunder stehen hinter den Rothosen. Wird der Bundesliga-Dino trotz des schwer wiegenden Umbruchs im Sommer also diesmal tatsächlich sein Alleinstellungsmerkmal der ewigen Erstklassigkeit einbüßen. Oder ist nach erst 13 Spieltagen dieser Saison eigentlich alles halb so schlimm?

Die Wahrheit liegt wohl irgendwo in der Mitte. Einerseits lügt natürlich die Tabelle nicht: Platz 17, erst sieben Saisontreffer und nur drei Siege stehen in der Bilanz. Zu betrachten ist aber auch, dass der Abstand zu den Nichtabstiegsrängen nicht existiert (punktgleich mit Freiburg), Platz Zwölf nur einen Sieg entfernt ist und selbst die Distanz zur oberen Tabellenhälfte lediglich sechs Punkte beträgt. Viel wichtiger als diese Zahlenspielerei ist aber die Einschätzung über tatsächliche Veränderungen im Verein und insbesondere in der Mannschaft. Diese sind – zumindest in meiner subjektiven Einschätzung – durchaus im positiven Umfang vorhanden. Nach einer ganzen Reihe von gescheiterten Trainern, die bereits erfolgreiche Stationen hinter sich gebracht hatten und ihr eigenes Konzept, ihre eigene Spielidee einem völlig verunsicherten und qualitativ limitierten HSV-Kader aufdrücken wollten, sind unter Josef Zinnbauer durchaus Fortschritte zu erkennen.
Der Einfluss von Zinnbauer bei seinem Debüt als Profi-Trainer ist sicher noch nicht in der Geschwindigkeit erkennbar, wie sich Trainer, Funktionäre und Umfeld vorstellen. Doch realistischerweise muss man auch bedenken, wo der HSV herkam: In der Endphase von Fink, unter van Marwijk wie auch bei Slomka war keinerlei Struktur vorhanden. Das krampfhafte Bemühen um offensive Kreativität ging bei allen drei Trainern einher mit defensivem Chaos. Zinnbauer konzentrierte sich zunächst auf die Stabilisierung des Abwehrverbundes, hatte damit teilweise Erfolg (0:0 gegen Bayern), stößt damit aktuell aber auch an (Qualitäts-)Grenzen. Trotzdem wirkt das HSV-Spiel seit einigen Wochen deutlich stabiler und zumindest teilweise mit einem Plan ausgestattet. Das Gefühl für mich als Anhänger dieses Vereins selbst nach einer 1:3-Niederlage gegen Augsburg vom Samstag ist besser als bei vergleichbaren Ergebnissen unter Zinnbauers Vorgängern. Denn zumindest eine Halbzeit ging das Konzept gut auf, die Augsburger konnten ihr Spiel vor der Pause nicht entfalten. Eine zweite Halbzeit auf gleichem Niveau ist der Mannschaft dann aber nicht gelungen.

Trotzdem: Es fühlt sich einfach besser an. Von daher bin ich etwas verwundert, wie stark kicker-Reporter Sebastian Wolff – der als langjähriger HSV-Berichterstatter alle Tiefen der letzten Spielzeiten schon miterlebte – am Montag die aktuelle Entwicklung kritisierte. Frei nach dem Motto: Nichts wird besser. Vielleicht ist es bei mir auch nur Zweckoptimismus mit dem HSV?
In einer Sache hat Wolff aber recht: Die Saison wird maßgeblich von der weiteren Entwicklung zweier Faktoren abhängen. Zum einen muss das Team dringend offensiv gefährlicher werden. Sämtliche Angriffsgefahr wirkt immer noch eher zufällig, bessere Belege als die beiden Treffer gegen Bremen am vorletzten Spieltag gibt es dafür wohl kaum. Und auf der anderen Seite gilt es für den HSV dranzubleiben. Das Problem an dieser Spielzeit: In der unteren Tabellenhälfte gibt es eine große Anzahl von Klubs, die derzeit auf einem ähnlichen Niveau agieren. Abgehängte Teams wie in den Vorjahren Braunschweig oder Fürth, die einen Abstiegsplatz quasi fix blockierten oder fehlgestartete Europapokalteilnehmer sucht man diesmal vergeblich. Ich vertrete die Theorie, dass der HSV mit seiner aktuellen hauchzart ansteigenden Entwicklung in den Vorjahren besser platziert wäre. Von daher ist es wichtig, dass bei aller Stabilisierung auch in den nächsten Wochen die Punkte eingefahren werden, um zumindest den direkten Anschluss an die Konkurrenz zu halten. Denn reißt in dieser Saison der Kontakt ab, wird es in der aktuellen Konstellation fast unmöglich sein, zurückzukommen.

Zweifellos wird das Team des Hamburger SV auch in dieser Saison bis zum Ende im Abstiegskampf stecken. Bei allen positiven Ansätzen ist auch Josef Zinnbauer davon abhängig, ob die Ergebnisse weiterhin stimmen beziehungsweise besser werden. Doch nach dem ganzen Pessimismus der letzten Jahre kann ich wieder etwas Hoffnung schöpfen. Hoffentlich täuscht mich mein Gefühl nicht.

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Kurven-Chor oder Sportschau-Jünger?

Posted by Max on November 24, 2014
Medien / No Comments

Ich lese gerne Studienergebnisse. Es gibt ja fast nichts, was es nicht gibt oder noch nicht gegeben hat. Und das, was noch fehlt, wird kontinuierlich von einer fleißigen Schar Meinungsforscher, Beratungs- und Consultingunternehmen hinzugefügt. So gab es in der vergangenen Woche im Business-Teil des kicker (das gibt es wirklich) endlich eine Antwort auf die brennende Frage: In welche Kategorien lassen sich Fußball-Fans hinsichtlich ihrem Kaufpotential bei Sponsoren unterteilen. Die Untersuchung wurde von der Beratungsfirma Octagon durchgeführt, leider nur bei 519 Personen (Durchschnittsalter 39,4 Jahre; 60 % Männer), aber immerhin in 22 Ländern.

Nach den Ergebnissen der Studie lassen sich Fans bezüglich ihrer Identifikation mit den Sponsoren und dem Interesse am Kauf deren Produkte in vier Gruppen unterteilen:

  • 24/7 Maniacs: Der Name sagt wohl alles. Wollen immer und überall und alles über ihren Klub wissen, volle Identifikation, viele Livespiele im Stadion oder vor dem Fernseher.
  • Kurven-Chor: Volle Loyalität zum Lieblingsverein, der Zugang zu allen Nachrichten über möglichst viele Kanäle ist unausweichlich. Knapp die Hälfte dieser Gruppe kauft Fanartikel und bleibt dem Verein auch in schlechten Zeiten treu.
  • Sportschau-Jünger: Samstag ist ihre Zeit, diese Gruppierung verfolgt die Ligaspiele vor dem Fernseher und wünscht dabei eigentlich keine Ablenkung, obwohl sie sehr viel über soziale Netzwerke diskutieren, auch um Schadenfreude zu teilen.
  • Turnier-Fans: Braucht wohl keiner weiteren Erläuterung. Die Studie stellte fest, dass mehr Frauen als Männer in diese Gruppe fallen.

(Anmerkung: Da die Studie von einer englischsprachigen Agentur vorgenommen wurde, sind die vier Kategorien wohl kicker-Wortschöpfungen)

Die Ableitung für das Sportsponsoring sieht nach dieser Eingruppierung relativ selbsterklärend folgendermaßen aus: Von allen Befragten, die sich mit den Produkten der Klubsponsoren identifizieren können, stellen die 24/7 Maniacs mit Abstand (76 %) die größte Gruppe, gefolgt vom Kurven-Chor (19 %) sowie den Sportschau-Jüngern (7 %). Turnierfans haben offenbar keinerlei Verbindung zu den Sponsoren der Nationalmannschaft – eigentlich ein überraschendes Ergebnis, bei den Summen, welche das DFB-Team auch in diesem Bereich erzielt. Die Werbeeffekte auf die passiven Zuschauer dürften aber wohl ausreichend groß sein, um auch hier ein Werbeengagement zu rechtfertigen.
Wenig anders ist die Verteilung übrigens beim Thema Kaufinteresse. Das heißt, welche Gruppierungen haben ernsthaftes Käuferpotential für die Sponsoren? Die Reihenfolge bleibt gleich (24/7 Maniacs 71 %, Kurven-Chor 21 %, Sportschau-Jünger 5 %, Turnier-Fans 1 %). Die logische Ableitung der Studie ist also, dass Sponsoren zukünftig noch mehr das Kaufpotential der Hardcore-Fans aktivieren sollten.

Die entscheidende Frage nach dem Lesen der Studienergebnisse: In welche Kategorie gehöre ich eigentlich? Anfangs habe ich mich schwer damit getan, aber ich bin wohl halber Kurven-Chor, halber Sportschau-Jünger. Hohe Identifikation mit dem HSV, inklusive dem Besitz von Fanartikeln. Auch verfolge ich die Spiele der Hamburger in der Regel vor dem Fernseher (im Einzelspiel), sofern es die Zeit erlaubt. Zu den Sponsoren des Vereins habe ich aber nicht wirklich eine besondere Beziehung, wenn man davon absieht, dass ich das Hamburger Bier gerne trinke.
Da mir aber das sonstige Tagesgeschehen am Bundesligawochenende aber genauso wichtig ist, auch das Kommunizieren darüber in sozialen Netzwerken, kann ich mich wohl auch vom Vorwurf, ein Sportschau-Jünger zu sein, nicht ganz freisprechen.

Quelle: kicker Sportmagazin Nr. 94 vom 17.11.2014

Die Sache mit der Ethik

Posted by Max on November 22, 2014
Fussball International / 1 Comment

Um ehrlich zu sein, war der Begriff Ethik für mich schon immer äußerst schwammig und unklar besetzt. Das liegt wohl vor allem an der mangelhaften Schulbildung dazu. Zwar gab es ein Fach mit dem Namen Ethik, doch gelehrt wurde es abwechselnd von einem älteren Sportlehrer, der wohl mit der Wiedervereinigung sein sozialistisch angehauchtes Zweitfach verloren hat und dann in den 1990ern umgeschult wurde, und einer jüngeren, seltsamen Kunstlehrerin, die später erst ein komplettes Jahr fehlte und danach endgültig verschwunden war – in der Psychiatrie, wie man munkelte. In der Oberstufe gab es dann einen weiteren umfunktionierten Sportlehrer kurz vor dem Eintritt in den Ruhestand, der die 90 Minuten meist mit endlosen Monologen über Gott und die Welt, insbesondere aber über sein Hobby Napoleon und die Völkerschlacht verbrachte. In acht Jahren Ethikunterricht ist mir nicht klar geworden, was Sinn und Zweck dieser Disziplin sein sollte, außer ein wie auch immer geartetes Gegengewicht zum Religionsunterricht zu bilden. Die Lexikondefinition (“spezifisch moralisches Handeln, insbesondere hinsichtlich ihrer Begründbarkeit und Reflexion” – Wikipedia) jedenfalls suchte man im Lehrplan vergebens.

Im Jahr 2014 nun – mehr als sieben Jahre nach meiner letzten Ethik-Unterrichtsstunde – muss ich feststellen, dass ich wohl nicht alleine bin mit meinem Unwissen über die korrekte Definition. Oder dass das, was man sich in all den scheinbar inhaltsleeren Stunden hat versucht unter dem Begriff Ethik vorzustellen, nicht ganz der gelebten Praxis entspricht. Zumindest im Fußball. Genauer bei der FIFA. Das Erstaunen war schon groß, als ausgerechnet der wohl korrupteste Sportverband der Welt als Reaktion auf die zweifelhafte Doppelvergabe der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 eine Ethikkommission einsetzte, welche sich mit den scharfen Vorwürfen auseinandersetzen sollte.

Nun dauerte es fast vier Jahre seit jenem erschütternden 2. Dezember 2010, dem Tag der Ernennung von Russland und Katar als WM-Ausrichter, bis der Bericht vorgelegt wurde. Das Ergebnis ist ein wieder mal ein echtes FIFA-Meisterstück. Der Verband war ja schon bekannt für seine ganz eigene Weltsicht. Reihenweise für jeden normalen Menschen lachhafter Dokumente, Aussagen und Stellungnahmen wurden in den letzten Jahren (Jahrzehnten) produziert. Mit dem Ergebnis der neuesten Untersuchungen jedoch hat der Weltverband sein wohl größtes Werk dieser Art aller Zeiten abgeliefert. Keine feststellbaren schwerwiegenden Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe der beiden Weltmeisterschaften. Vielmehr waren es die Mitbewerber, die sich die ein oder andere ethische Verfehlung leisteten und FIFA-Funktionäre mit Geschenken und Zuwendungen bedachten. Völlig raus ist natürlich Sepp Blatter, unser liebster Fußball-Opi, der mit der ganzen Sache sozusagen überhaupt nichts zu tun hat. Sagt eine von der FIFA eingesetzte Untersuchungskommission. Der Verband, dessen Funktionäre sich mit der erstmaligen Durchführung einer Doppelvergabe kurz vor dem Erreichen der natürlichen Altersgrenze schön doppelt die Taschen vollgehauen haben.

Es lohnt sich an dieser Stelle wohl ein paar Zitate aus der sogenannten Presidential Note im FIFA-Magazin FIFA Weekly anzuführen. Sepp Blatter schreibt dort unter der Überschrift “Neid muss man sich verdienen”:

Vor allem wenn es um die FIFA (und ihren Präsidenten) geht, bleibt allerdings oft die Objektivität auf der Strecke.
Gelegentlich kommt es mir so vor, als sei ich an allem Ungemach auf dieser Welt Schuld: An der Abholzung des Regenwaldes, am Bahnstreik in Deutschland, an den regelmässigen Vulkanausbrüchen auf Island […]. Ich gehe davon aus, dass ich auf für das miserable Wetter in der Schweiz in diesem Sommer verantwortlich bin. Dann müsste man allerdings fair bleiben – und mir das Verdienst an diesem wunderschönen Herbst zugestehen.

Es lohnt sich gar nicht über diesen Blatter’schen Beitrag aufzuregen. Er zeigt nur einmal mehr, wie weit entfernt der Präsident und seine Gefolgschaft mittlerweile vom tatsächlichen Leben sind, von irgendeiner Spur von Anstand (Ethik) oder Rechtsverständnis. Gäbe es zumindest im Hintergrund noch klar denkende Menschen, sie hätten Blatter wohl in der aktuellen Phase von diesem Beitrag abgeraten.

Zugegebenermaßen habe ich nicht unbedingt ein Problem damit, dass die Weltmeisterschaften in Russland oder Katar stattfinden. Es ist aber das wie der Turniervergabe und eine allgemeine Angst darum, was aus dem Fußball langfristig wird mit diesem Weltverband. Ich bin jetzt 25 Jahre alt und werde hoffentlich noch weit mehr als ein halbes Jahrhundert Fußball erleben. Doch wohin der Weg mit dieser FIFA führen wird, ist mir derzeit völlig schleierhaft. Im schlechtesten Fall ist Sepp Blatter noch zehn oder ein paar Jahre mehr an der Macht, doch ich bin ziemlich sicher, im Hintergrund lauern bereits neue Schergen, die mindestens auf dem gleichen Level agieren oder noch bessere Tricks auf Lager haben.

Gibt es überhaupt irgendwelche wirksamen Mittel, um die FIFA in einen ernsthaften Reformprozess zu drängen? Seit vier Jahren spielt Blatter die Zeitkarte, und hat damit augenscheinlich Erfolg. Der Bericht der Ethikkommission befeuert zwar derzeit extreme Diskussionen, diese aber ändern inhaltlich nichts. Keine vier Jahre mehr bis zur Weltmeisterschaft in Russland, die Uhr tickt weiterhin für den Weltverband. Denn irgendwann kommt der Punkt, an dem es für einen Umschwung und eine Neuvergabe schlicht zu spät ist, weil so eine WM zwangsläufig einen großen Vorbereitungsaufwand bedeutet. Was mir dieser Tage wieder bewusst geworden ist: Die Empörung allerorten (außer in Zürich) ist jetzt freilich wieder groß, aber wirklich aktiv geworden ist von den Mächtigen, den Einflusshabenden in den letzten Jahren keiner. Weder Funktionäre der scheinbar empörten Verbände noch die noch mehr empörten Politiker. Zu groß ist offenbar die Abhängigkeit von der FIFA. Zu groß sind offenbar dann doch die Annehmlichkeiten, die man bei Folgsamkeit im Windschatten des großen Geldes genießt.

An einigen Stellen wurde in den letzten Tagen bereits ein WM-Boykott der UEFA-Mitglieder gefordert, etwa von der Spitze der DFL. Es wäre wahrscheinlich ein wirksames Mittel, wenn eine große Anzahl namhafter Fußballnationen dem Weltturnier fernbleiben würde – das würde dem Ansehen des Premiumproduktes der FIFA schaden, deren wütenden Gegenmaßnahmen man sich wohl kaum sinnvoll ausmalen kann. Ein Verzicht auf dieses Turnier würde aber eben auch in den boykottierenden Ländern einen erheblichen wirtschaftlichen Schaden bedeuten. Für die Verbände, aber auch für Sponsoren, Medien usw. Das wäre insbesondere auch aus politischer Sicht ein kaum tragbares Risiko. Und führt nur noch mehr vor Augen, wie abhängig die Wirtschaft mittlerweile vom sportlichen Zugpferd Fußball ist. Außerdem würde ein WM-Boykott auch zu Lasten der betroffenen Spieler gehen. Mich würde das Ergebnis einer Spielerumfrage dazu brennend interessieren – denn ich kann mir nicht vorstellen, dass die eigentlich wichtigen Akteure sich eine der wenigen Chancen auf eine Teilnahme am wichtigsten Turnier ihres Sports entgehen lassen wollen.

Mir fehlt aktuell die Fantasie, wie man die FIFA, aber auch den Weltfußball und seine Machtgefüge so reformieren könnte, dass es für fast alle Seiten ein tragbares Ergebnis gibt. Selbst eine Absetzung von Sepp Blatter wäre bloß der Tropfen auf den heißen Stein – potente Nachfolger sind sicher schon in Lauerstellung. Für mich bleibt aktuell nur die Hoffnung, dass es irgendwann unwiederlegbare, auch juristisch hart verwertbare Fakten gibt, die selbst beim mehr als zweifelhaften Ethikverständnis der Verbandsfunktionäre für ein Umdenken sorgen. Fakten, die dann auch bis zum Äußersten juristisch verfolgt werden.

Rot-Weiß-Rote Trilogie

Posted by Max on November 14, 2014
Fussball International / No Comments

Es war mal wieder an der Zeit für ein echtes Fußballabenteuer. Etwa ein Jahr nach unserer Reise durch England gab es diesmal Fußball aus dem Nachbarland für uns: Drei Tage Österreich, drei Spiele. Vom gesichtslosen Farmteam über den netten Vorstadtverein zum Wiener Derby – alles dabei. Ein Erlebnis- und Erfahrungsbericht.

Freitag, 7. November: FC Liefering – SV Mattersburg 3:1
Schon mal etwas vom FC Liefering gehört? Nein? Macht nichts – ohne als Leipziger mit etwas Wissen rund um Red Bull belastet zu sein, wäre mir dieser Verein wohl auch neu gewesen. Der FC Liefering ist seit dem Jahr 2012 das offizielle Farm Team von Red Bull Salzburg. Die Bullen übernahmen damals den USK Anif, da die eigene Zweite Mannschaft nicht berechtigt ist, in die Erste Liga (= zweithöchste Spielklasse in Österreich) aufzusteigen. Dieses Vorhaben gelang dann rasch mit dem neuen Verein unter der Leitung von Trainer Peter Zeidler, übrigens in Hoffenheim einst Co-Trainer von RB-Sportchef Ralf Rangnick. Red Bull bedient sich mit dem FC Liefering einer speziellen österreichischen Regelung: Obwohl Liefering rechtlich gesehen ein eigenständiger Verein ist, können eine ganze Reihe von sogenannten Kooperationsspielern beliebig von A nach B geschoben werden, zu jeder Zeit der Saison. So kam es, dass am vergangenen Freitag fünf Spieler von Liefering fehlten, weil sie mit Red Bull Salzburg unterwegs waren – ganz so, wie man es also eigentlich von den zweiten Mannschaften kennt. Weiter nach oben soll es für das Farmteam aber nicht mehr gehen, der Verein hat freiwillig einen Aufstiegsverzicht unterzeichnet – wohl auch, um möglichen rechtlichen Streitigkeiten bei einem durchaus denkbaren Aufstieg in die Bundesliga aus dem Weg zu gehen. Nichtsdestotrotz stellt sich natürlich die Frage nach einer Wettbewerbsverzerrung, wenn der FC Liefering zwar oben mitspielt, aber gar nicht aufsteigen will. Kann man so vielleicht sogar direkt Einfluss darauf nehmen, wer aufsteigt und damit in der kommenden Saison gegen Red Bull Salzburg antreten darf?

Zum Spiel: Auf dem Papier war es ein Spitzenspiel, Liefering traf als Tabellenzweiter auf den Drittplatzierten SV Mattersburg. Doch auf dem Platz offenbarte sich schnell ein deutlicher Klassenunterschied. Die Gäste aus dem Burgenland – früher unter anderem Heimat von Carsten Jancker – fanden kein Mittel gegen die jungen, schnellen und frischer wirkenden Salzburger. Dennoch dauerte es aufgrund vieler Ungenauigkeiten bis zur 41. Minute, dass Lucas Venuto Liefering in Führung brachte. Direkt nach der Halbzeitpause gab es dann das schnelle 2:0 durch Felipe Pires, ehe Mergim Berisha in der 74. Spielminute nur fünfzig Sekunden nach seiner Einwechslung zum Debüt das dritte Tor erzielte. Erst zehn Minuten vor Abpfiff gelang Mattersburg der Anschlusstreffer, doch Spannung kam nicht mehr auf, die Hausherren hatten alles unter Kontrolle. Letztendlich ein verdienter Sieg für den FC Liefering.
Gespielt wurde in der Red Bull Arena am Rand von Salzburg, genau neben einem großen Einkaufspark. Die Stimmung im Stadion war äußerst bizarr, denn wirkliche Fans im klassischen Sinn gab es beim FC Liefering nicht. Das Publikum setzte sich eher aus einer ganzen Reihe Spieler der ersten Mannschaft, deren Freunde und Angehörigen und Kindern sowie sehr wenigen, vereinzelten RB-Hardcoregängern zusammen. Letztendlich verirrten sich knapp 550 Zuschauer in ein Stadion, welches eigentlich knapp 32.000 Besuchern Platz bietet. Während in Leipzig aufgrund des positiven Zuspruchs die Diskussionen rund um den neuen Verein mitunter etwas bemüht wirken, bekam man in Liefering schon eher ein Gefühl, welchen (negativen) Einfluss derartiges Sponsoring auf den Fußball und seine Traditionen haben kann. Das große Bullenbanner auf der Tribüne mit der Aufschrift “Für immer Salzburg” wirkt da schon fast wie eine Drohung.

Samstag, 8. November: Admira Wacker Mödling – SC Wiener Neustadt 1:1
Weiter ging es am Samstag nach Wien. Genauer gesagt nach Maria Enzersdorf, wo Admira Wacker Mödling in der Südstadt mit der BSFZ-Arena seine Heimat hat. Admira Wackers jüngste Zukunft ist geprägt vom Engagement des Unternehmers Richard Trenkwalder – Gründer jener gleichnamiger Personaldienstleisterfirma, die in Deutschland unter anderem durch Saisonarbeiterskandal mit Amazon in die Schlagzeilen geriet. Mit Trenkwalders Engagement gelang 2011 der Aufstieg in die Bundesliga, schon im ersten Jahr in der höchsten Spielklasse gelang der Sprung auf den dritten Platz und die Qualifikation für die Europa League, wo man letztendlich an Sparta Prag scheiterte. Mit der Dreifachbelastung und den Abgängen von Spitzenspielern wie Philipp Hosiner und Marcel Sabitzer geriet die Admira in den Abstiegskampf, rettete sich aber. Die vergangene Saison war geprägt von einem Punktabzug wegen einem Verstoß gegen die Lizenzbedingungen. Bereits 2012 stieg Trenkwalder als Sponsor wieder aus, ist nur noch als Vereinspräsident dabei – wobei die finanziellen Zuwendungen stark zurückgefahren wurden. Auch in dieser Spielzeit steckt Admira mitten im Abstiegskampf, ist Vorletzter der Tabelle. Schlechter geht es da nur noch dem Gegner SC Wiener Neustadt, ein Verein, der erst 2008 gegründet wurde und anfangs stark von Magna-Gründer Frank Stronach unterstützt. Schon 2009 gelang der Aufstieg in die Bundesliga. Doch das Schicksal ist verblüffend ähnlich mit dem von Admira Wacker: 2011 stieg Stronach mit Magna aus dem Sponsoring aus, seitdem kämpft der Verein, 2011/2012 sogar mit Peter Stöger als Trainer, regelmäßig um den Klassenerhalt.

Zum Spiel: Echter Abstiegskampf also, wobei der Abstand zwischen Admira und Wiener Neustadt vor und nach dem Spiel sechs Punkte betrug. Mit nur neun Zählern aus 15 Partien und 16:40 Toren sind die Neustädter abgeschlagen Tabellenletzter der Bundesliga. Die Erste Halbzeit gehörte dann auch klar den Hausherren, die sich wenige gute Chancen herausspielen konnten. Genutzt hat dann letztendlich Lukas Thürauer eine dieser Möglichkeiten und erzielte nach 21 Minuten das verdiente 1:0 für die Admira. Doch nach der Pause gab es einen Bruch im Spiel, und die letzten Momente spielerischer Klasse gingen verloren. Die zweiten 45 Minuten waren von beiden Seiten ein wahrer Krampf, und so fiel dann auch der Ausgleichstreffer: Ein direkter Freistoß von Kristijan Dobras prallte unabsichtlich vom Rücken eines Spielers ab und kullerte am irritierten Torwart vorbei. Fraglich blieb auch, warum Admiras Coach Walter Knaller erst in den letzten fünf Minuten reagierte und nicht vorher auf die stark abfallende Leistungskurve seiner Mannschaft reagierte. Letztendlich ein Punkt, der beiden Teams nicht weiterhalf, insbesondere aber nicht dem SC Wiener Neustadt. Und so war es dann auch das letzte Spiel vom ehemaligen Werder-Profi Heimo Pfeifenberger als Coach des Sportclubs – nach der Partie wurde er entlassen.
Die BSFZ-Arena ist ein reines Fußballstadion. Zweckmäßig, aber schmucklos. Es gibt nur eine überdachte Tribüne, der Rest der Arena ist geprägt von einem kleinen Heimblock, Steinstufen oder Graswällen, die jedoch komplett mit Werbebannern bedeckt waren. 2.355 Zuschauer wollten diese Partie sehen, davon ein kleiner versprengter Trupp aus der Wiener Neustadt. Auf Seiten der Heimfans gab es einerseits eine Vier-Mann-Kapelle, bestehend aus Trommel, Megafon, Trompete und Posaune, die offenbar nichts mit den Pyro-Fans aus dem kleinen Fanblock zu tun haben wollte. Die Gesänge bzw. musikalischen Einlagen dieser beiden Grüppchen konkurrierten regelmäßig miteinander. Es bleibt der Eindruck vom netten Vorstadtverein, der bei bescheidenen Zuschauerzahlen um das sportliche Überleben kämpft.

Sonntag, 9. November: Rapid Wien – Austria Wien 2:3
Es sollte der Höhepunkt unserer Reise werden. Und das wurde es auch – das 311. Wiener Derby hielt im Ernst-Happel-Stadion diverse positive und negative Facetten für uns bereit. Über die Geschichte und Tradition der beiden großen Wiener Klubs muss ich hier wohl nicht viele Worte verlieren. In dieser Saison hinken beide Teams derzeit den Erwartungen hinterher: Rapid als Tabellenvierter, Austria ist gar nur Sechster. Für Rapid ist es außerdem das erste Jahr nach dem Abschied vom Gerhard-Hanappi-Stadion, im Happel-Stadion hat man nun eine Interimsheimat gefunden, bis die geplante Eröffnung des neuen Allianz-Stadions (sic!) im Jahr 2016 stattfindet. Aufgrund finanzieller Schwierigkeiten verließen in den vergangenen Jahren einige namhafte Spieler die Mannschaft, zuletzt im Sommer etwa Christopher Trimmel (Union Berlin), Terrence Boyd (RB Leipzig), Guido Burgstaller (Cardiff City) oder Marcel Sabitzer (RB Salzburg). Die aktuelle Kampfmannschaft setzt sich aus in Deutschland weitgehend unbekannten Namen zusammen, wird als Kapitän angeführt vom früheren Bayern- und 1860-Spieler Steffen Hofmann, der bereits weit über 300 Spiele für Rapid absolvierte. Eine ähnliche Konstellation gibt es auch bei der Austria, wobei der Aderlass im Sommer nicht ganz so groß war und auch die letzte Meisterschaft (2013) mit Trainer Peter Stöger noch nicht so lange zurückliegt. Stögers Nachfolger Nenad Bjelica schaffte es im vergangenen Jahr aber nicht an die erfolgreichen Zeiten seines Vorgängers anzuknüpfen und wurde frühzeitig entlassen, Austria verpasste den Sprung in den Europapokal. Mit diesen Nachwehen hat der Verein noch heute zu kämpfen und kämpft unter Chefcoach Gerald Baumgartner bisher vergebglich um den Anschluss an die Tabellenspitze.

Zum Spiel: Die gereizte Atmosphäre, die große Rivalität der beiden Vereine war schon vor dem Anpfiff zu spüren. Trotz nur 28.200 Zuschauern im weiten Rund gab es von beiden Seiten lautstarke Unterstützung für die Mannschaften. Leider auch von Beginn an mit bengalischen Feuern und Böllern. Der Anfang der Begegnung war extrem zerfahren, es war die Austria, die nach etwa einer Viertelstunde besser ins Spiel kam, und durch einen Doppelschlag von Omer Damari (23./40. Minute) für lange Gesichter bei den Rapid-Fans sorgte. Obwohl die Austria-Fans einen Grund zum Feiern hatten, leisteten sie sich kurz vor der Halbzeitpause einen massiven Fehltritt: Mehrere Leuchtraketen flogen aus dem Austria-Fanblock direkt auf Rapid-Anhänger. Die Situation eskalierte relativ schnell – und eine schwer einzuschätzende, aber bestimmt hohe zweistellige Anzahl vermumter Rapid-Zuschauer machte sich auf den Weg Richtung Austria-Block. Die Polizei rückte an, weitere Leuchtraketen und Böller flogen, es kam zu einigen Auseinandersetzungen. Glücklicherweise beruhigte sich die Situation unter Polizeischutz in der Halbzeit wieder. Dazu eine Randbemerkung: Schon am Eingang fielen mir die laschen Kontrollen auf. Wir wurden überhaupt nicht kontrolliert, nicht mal pro forma. Zwar saßen wir in einem als neutral gekennzeichneten Block, doch das Happel-Stadion ist nicht gerade auf strikte Zuschauertrennung ausgelegt, sodass zumindest Rapid-Fans sich bis direkt zur Grenze des Austria-Blocks bewegen konnten – und dies mit Sturmhauben und blitzenden Augen dann auch getan haben. An dieser Stelle muss man dann aber auch erwähnen: Nach der Pause gab es keine Zwischenfälle mehr. In der zweiten Halbzeit beschränkte sich die Austria dann zunächst auf die Verwaltung ihres Vorsprungs. Rapid kam zwar zu Chancen, ließ diese aber teilweise fahrlässig liegen. Das Spiel schien gelaufen, als Daniel Royer nach 78 Minuten das 3:0 erzielte. Diesem denkbar schlechten Auftakt in die legendäre Rapid-Viertelstunde ließen die Grün-Weißen aber eine leidenschaftliche Endphase folgen, kamen durch Alar und Beric in den letzten Minuten noch zum 2:3-Anschluss. Doch auch fünf Minuten Nachspielzeit nützten nichts: Diese Partie ging insbesondere aufgrund einer hohen Effektivität an die Austria.

Fazit: Drei Tage Fußball in Österreich mit vielen verschiedenen Facetten. Angefangen mit dem Spiel der Retortenmannschaft Liefering über das Spiel der beiden Abstiegskämpfer zum Wiener Derby – mit den Höhen eines (fast) dramatischen Spielverlaufs und Abgründen von Zuschauern, die Vorurteile über das Publikum der beiden Klubs leider bestätigten.

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